Bereits 2017 begannen erste Überlegungen den historischen Kristallthron, der seit 1877 auf dem Loreleyfelsen der Venusgrotte stand, zum Schutz der hochempfindlichen Originalfragmente durch eine möglichst detailgenaue Kopie zu ersetzen. Doch wie ist eine so unwägbare Arbeitsaufgabe zu planen und umzusetzen? In einem ersten Blogbeitrag wurde bereits über den desolaten Zustand des Originalthrons und das Forschungsprojekt berichtet, das uns eine verhältnismäßig genaue Vorstellung des Aussehens aus der Erbauungszeit vermitteln konnte. Nun musste parallel zu den vordringlichen Konservierungsmaßnahmen am Original detailliert geplant werden wie und in welcher Reihenfolge die Einzelelemente originalgetreu zu rekonstruieren sein würden. Dies war durchaus nicht nur eine planerische, sondern in Teilen auch eine visionäre Aufgabe, denn wie bereits berichtet, fehlten am fragmentarisch erhaltenen Originalthron wesentliche Teile.

Links der Kristallthron vor der Restaurierung 2017, rechts die Ansicht einer 3D-Visualisierung des mutmaßlich vollständigen Throns mit eingeblendetem Foto und dem historischen Leuchterentwurf. Foto: BSV/Mintrop; Visualisierung: BSV/Lauber
Sie mussten aufgrund der erhaltenen Reste, aus spärlich erhaltenen Fotografien und nicht zuletzt aus dem als Entwurfszeichnung identifizierten Aquarell des Korallenbaums erschlossen werden.[1]
Die Erschaffung des Letzteren war insbesondere für den markanten Eindruck des riesigen Kerzenleuchters aus der Besucherperspektive sehr erwünscht.

Links ein Ausschnitt eines historischen Grottenfotos wohl aus den 1930er Jahren auf dem das Fragment des Kristallthrons mit Korallenbaum und Schilfbewuchs noch deutlich zu erkennen ist. In der Mitte der Leuchterentwurf von Franz Seitz von 1877. Auf der rechten Seite die Überlagerung beider Abbildungen. Foto links: Fotoarchiv der BSV; Mitte: Plansammlung der BSV; rechts: Fotomontage Lauber

Über Zeichnungen, Aufrisse, Schablonen und erste Plastilinmodelle mussten Form und Dimension des künftigen Throns schrittweise entwickelt werden. Foto: BSV/Scherf, Gruber
Wer kann heute noch Throne bauen?
Der hochkomplexe Materialmix erforderte – wie schon zur Erbauungszeit 1877 – die Fähigkeiten einer Vielzahl von Spezialisten verschiedenster Gewerke wie Schreiner und Bildhauer, Glasmacher und Kristallschleifer, Schlosser und Stuckateure für die Nachbildung des Felsens, Fassmaler und Vergolder für die anspruchsvolle farbliche Gestaltung und darüber hinaus Raumausstatter zur Rekonstruktion des Polsters und letztlich ein Elektroplaner, denn wie schon in den 1870er Jahren sollte der Thron auch wieder effektvoll elektrisch erleuchtet werden. Dem erfahrenen Leser ist spätestens hier klar, dass so ein potenziell langwieriges und finanziell schwer kalkulierbares Unterfangen, bei dem so viele Einzelpersonen und Werkstätten über viele Monate eng verwoben miteinander arbeiten müssen, sehr fehleranfällig und konfliktbehaftet, möglicherweise auch wirtschaftlich problematisch sein muss. – Es sei denn, es finden sich wie in unserem Fall lauter hochmotivierte und begeisterte Fach-Kolleginnen und -Kollegen zusammen. Aus der Rückschau war offenbar allen Beteiligten stets bewusst, dass diese Gelegenheit, etwas derart Ausgefallenes neu zu erschaffen, vielleicht kein zweites Mal kommt, – einen königlichen Kristallthron baut man eben nur einmal im Leben. Der Großteil der Arbeiten wurde durch Restauratoren und Kunsthandwerker in den Werkstätten des Restaurierungszentrums der Bayerischen Schlösserverwaltung ausgeführt. Nur die Herstellung der Glaskristalle, die Schlosserarbeiten und die Elektrifizierung mussten an Firmen extern vergeben werden. Ein ganz besonderer Dank gilt an dieser Stelle dem Staatlichen Bauamt Weilheim, das koordinatorisch und finanziell die Rekonstruktionsmaßnahme auch des Kristallthrons geschultert hat, die ja nur eine Detailaufgabe bei der Gesamtsanierung der Venusgrotte darstellt. Unser Dank gilt hier vor allem Frau Susanne Hempe, die in enger Zusammenarbeit mit den Restauratoren und Kunsthandwerkern die Arbeiten am alten und neuen Thron über Jahre hinweg betreute.
Aus Fehlern sollte man lernen
War zunächst daran gedacht die Kopie des Kristallthrons 1 : 1 im Detail nachzubauen, kamen während der Planung zunehmend Zweifel auf. Zusammen mit Veronika Lauber, der Masterstudentin, die alle Verfallserscheinungen des originalen Kristallthrons eingehend erforscht und ergründet hatte, wurden sukzessive Planänderungen erwogen. Nach der Devise: „Das sollte uns doch eigentlich eine Lehre sein“ entschieden wir die Schwachstellen des Originalthrons, d.h. die Punkte an denen der Verfall besonders deutlich in Augenschein trat, technisch zu verstärken. Dies betraf allerdings in keinem Fall die äußere Gestalt oder die Außenwirkung des Throns, es wurden lediglich Modifikationen bei der Materialwahl vorgenommen. Anstelle der aus Draht, Stroh und Blechstreifen bestehenden Unterkonstruktion des Gipsfelsens trat ein massives Lochblech. Dieses muss das Gewicht von immerhin fast 130 kg, was vor allem den massiven Glaskristallen geschuldet ist, dauerhaft bewältigen. Veronika Lauber entwickelte zusammen mit dem Metallbauer und Restaurator Johannes Pilz eine Konstruktion, die es ermöglicht, das hohe Gewicht zuverlässig zu tragen und an 68 Stellen gezielt Licht in die ebenfalls neu zu erstellenden Kristalle einzuleiten. So wurde auch die Verwendung von rostfreiem Edelstahl anstelle von normalem Eisen eingeplant.

Beim originalen Thron trug ein filigranes Flechtwerk aus Draht, Blechsteifen und Stroh das Gewicht des Gipsfelsens mit den Kristallen. Rechte Abb. Detail des Kristallthrons während der Restaurierungsarbeiten. Für den neuen Kristallthron wurde ein aus Lochblech gelöteter Unterbau konzipiert. Linke Abb. Seitenansicht mit angezeichneten Lochungen an denen Kristallmanschetten angesetzt werden. Fotos: BSV/Lauber
Das zur Fäulnis neigende Fichtenholz des Unterbaus wurde durch Accoya-Holz ersetzt. Es handelt sich hier um einheimisches Nadelholz, das durch ein spezielles Tränkverfahren acetyliert wird und hernach keine Empfindlichkeit für hohe Umgebungsfeuchtigkeit oder Nässe aufweist. Äußerlich ist es von herkömmlichem Fichtenholz nicht zu unterscheiden, aber es wird den zu erwartenden hohen Luftfeuchten und –Schwankungen widerstehen und so wesentlich länger überdauern. Unsere Zimmerer Peter Schima und Ernst Lichtblau schreinerten aus diesem etwas widerspenstigen Material den Unterbau und die Thronbank detailgenau nach. Anders verlief es mit den Bildhauerarbeiten, die dem Befund des Originals folgend erneut aus Lindenholz geschaffen werden sollten. Für feinnervige Schnitzereien eignet sich Accoya-Holz nicht. Hier kamen statt dessen pilzhemmende Grundierungen und Metallarmierungen, sog. Vernadelungen zum Einsatz, um einen künftigen frühzeitigen Verfall zu vermeiden. Besonders hervorzuheben sind hier Margret Binapfl, die den neuen 2,85 m hohen Korallenbaum aus der Entwurfszeichnung zeichnerisch und als Modell entwickelte und dreidimensional schuf und Martin Kutzer, der mit großer Detailschärfe eine im Original erhalten gebliebene Muschel und eine Meeresschnecke bildhauerisch nachbildete und um verloren gegangene Teile ergänzte. Als Vorbilder dienten natürliche Schneckengehäuse bzw. Muscheln derselben Art.

Die Bildhauerin Margret Binapfl während der Grobzurichtung eines Korallenastes aus Lindenholz in den Werkstätten des Restaurierungszentrums. Foto: BSV/Scherf, Gruber

Zwischenzustand mit nachgebauter Thronbank und ersten Bestandteilen des Korallenbaums. Die als riesiger Kerzenleuchter konzipierte Koralle musste mehrteilig gearbeitet werden, um in Einzelteilen zum künftigen Aufstellungsort transportiert werden zu können. Im Hintergrund sind ein Aufriss und eine Schablone aus Karton zu erkennen. Foto: BSV/Lauber

Links auf der Werkbank die Kopie der Meeresschnecke in grober Zurichtung, das Original als Vorbild auf der rechten Seite mit partiellen Ergänzungen aus Plastilin. Foto: BSV/Lauber

Bei der Kopie der Meeresschnecke wurde die Oberflächenbeschaffenheit des Originals bis ins Detail berücksichtigt. Foto: BSV/Lauber

Die nur als Fragment erhaltene originale Meeresschnecke beeindruckt durch die Detailschärfe der Bildhauerarbeit und der feinnervig ausgeführten Farbfassung. Foto: BSV/Lauber
Und farbenprächtig mochte es seine Majestät
Den materialimitierenden „Feinschliff“ bekamen die Holzoberflächen durch unsere Vergolderin Sabine Palffy und den Fassmaler Ferdinand Hausinger, die gestützt auf den Fassungsbefund der Originalteile und diverser Arbeitsmuster den Schmelz der farbenfroh gelüsterten Perlmuttoberflächen, die zinnoberrote Korallenhaut und nicht zuletzt die feine Marmoräderung der Sitzbank sehr einfühlsam nachschöpften. Zahlreiche lasierende Farbüberzüge zum Teil über Blattmetallauflagen waren für diese reizvollen Oberflächeneffekte erforderlich. In Anlehnung an historische Rezepturen wurden diese Oberflächenveredelungen nachgestellt so wie es wohl schon 1877 von den königlichen Kunsthandwerkern in ähnlicher Weise erfolgte.

Die Vergolderin Sabine Palffy führte die anspruchsvollen Fassungsarbeiten an der Meeresschnecke und der Muschel aus. Für jeden Teilbereich mussten andere Materialimitationen erprobt, bemustert und ausgeführt werden. Foto: BSV/Hausinger

Detailaufnahme des gereinigten, originalen Korallenbaums, der nur als Fragment erhalten ist im Vergleich zu einer natürlichen Koralle. Die Illusion echter Koralle wurde von den Kunsthandwerkern 1877 erstaunlich naturalistisch imitiert. Foto: BSV/Lauber

Modelle und Bemusterungen der Korallenäste mit veredelter, mehrschichtiger und polierter Oberfläche zur Annäherung an das Originalfragment in der Bildmitte. Foto: BSV/Lauber

Links der Beginn der Fassungsarbeiten am Leuchter. Rechts Ferdinand Hausinger und Veronika Lauber unter dem fertigen Korallenbaum. Fotos: BSV/Binapfl

Die Stuckierung des Kristallfelsens mit Alabastergips und seine farbliche Gestaltung fertigte Veronika Lauber. Auf der linken Seite ist der bereits konservierte Originalthron zu sehen, auf der rechten die Kopie noch ohne Kristallbesatz. Foto: BSV/Mintrop
Noch fehlt das Funkeln und Strahlen
Besonders aufsehenerregend ist selbstverständlich die Wiedererstehung der Glaskristalle. Nur mehr ein Drittel der ehemals vorhandenen großen Kristalle war am Originalthron erhalten geblieben. Die etwa 50 feinen, nur 5 mm starken Kristallnadeln waren allesamt verloren gegangen. Nur an den abgebrochenen Stümpfen konnten ihre Form und Anzahl ermittelt werden. Die Glaskünstler Eduard Deubzer und Rike Scholle aus Osterhofen in Niederbayern übernahmen den faszinierenden Arbeitsauftrag alle Kristalle nachzuschöpfen. Zusammen mit dem Glasmacher musste das Verfahren der Herstellung der 68 großen Glasrohlinge entwickelt, ausprobiert und „wiedererlernt“ werden. Besonderes Augenmerk lag darin, nur wenige feine Einschlüsse in der Glasmasse und spezifische Werkzeugspuren der Glasmacherpfeife authentisch nachzuschaffen, ebenso wie es an den erhaltenen Originalkristallen der Fall ist. Wir dürfen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass hier wie auch bei den anderen Gewerken die originale Werktechnik ausgetüftelt und wiedergefunden wurde.

Der Glaskünstler Eduard Deubzer bereitet die Rohlinge der großen Glaskristalle für den Schliff vor. Foto: BSV/Mintrop

Die verschiedenen Größen der Kristallprismen mussten im Querschnitt außerordentlich präzise geschliffen werden. Eduard Deubzer überprüft hier die Passung der Metallmanschetten. Foto: Scholle, Deubzer

Die Spitzen der Kristalle sind dachförmig angeschliffen. Die außerordentliche Perfektion des Glasschliffs zeigte sich durch die präzise Übereinstimmung aller Flächen und Kanten. Dieses Foto wurde während der ersten Einleuchtungsprobe gemacht. Der strahlende und funkelnde Effekt faszinierte jeden Betrachter von der ersten Minute an. Foto: Hempe
Nach Vorlage des originalen Kissens fertigten die Mitarbeiter der Tapeziererwerkstatt der Schlösserverwaltung, Bea Schlüter, Leonie Kost und Christian Huber, ein neues Polster einschließlich Fransenborte an, das den Eindruck eines Königssitzes eindrucksvoll komplettiert. Auch hier musste materialtechnisch abgewichen werden. Das im Original aus rosafarbener Moiré-Seide hergestellte Kissen mit aufwändiger Silberstickerei hatte sich zweifellos nur aus dem Grund bis zum heutigen Tag erhalten, weil es bei Abwesenheit des Königs ständig sorgsam deponiert gewesen war. Hier wurde auf ein im Oberflächeneffekt seidenähnliches, aber wesentlich strapazierfähigeres Gewebe zurückgegriffen und die Stickerei mit Hilfe des Textildrucks effektvoll imitiert.

Alle historischen Kissen aus der Venusgrotte wurden in der Tapeziererwerkstatt der Bayerischen Schlösserverwaltung kopiert. Rechts hinten ist das Kissen des Kristallthrons im Arbeitsprozess zu sehen. Foto: BSV/Schlüter
Auf diese Weise konnten, wie beim Polstermaterial auch, die zeitgemäßen Vorgaben des Brandschutzes gewährleistet werden. Die digitale Aufbereitung der textilen Dekoration übernahmen Heiko Öhme und Maria Scherf. Sie erstellte die dazu erforderlichen hochauflösenden Fotoaufnahmen.

Vor Beginn des Aufbaus: Der Sockel des Throns wurde mit Walzbleistreifen versehen, um aufsteigende Feuchte aus dem Bauwerk dauerhaft abzuschirmen. Foto: BSV/Mintrop
Ab November 2024 wurde der schwergewichtige Kristallthron in seinen Einzelteilen zum Loreleyfelsen getragen und an exakt der selben Stelle, an der der alte Thron gestanden hatte, aufgestellt und zusammengesetzt. Der Felsensockel wurde elektrifiziert und im Inneren mit LED-Leuchten ausgestattet. Von dort aus werden die Kristalle erleuchtet, um nunmehr den funkelnden Effekt zu erzielen der auch auf die Grottenwände einwirkt. Der Korallenbaum erhielt ebenfalls LED-Beleuchtung anstelle von echten Wachskerzen, die den alten Korallenleuchter vor fast 150 Jahren ehemals erleuchteten. Mit der Montage der Glaskristalle, des künstlichen Schilfs und des Kissens waren die Arbeiten am Kristallthron am 21. März 2025 abgeschlossen.

Als letzter Schritt erfolgte das Einkleben der großen Glaskristalle in die vorbereiteten Metallmanschetten im Felsen und das Eingipsen der feinen Kristallnadeln direkt vor Ort. Sie werden im Gegensatz zu den großen Kristallen nicht von innen beleuchtet. Sie funkeln nur durch Beleuchtung von außen. Foto: BSV/Mintrop

Detail des vollständigen Kristallthrons mit Kissen und Schilfvegetation. Aufnahme bei „normaler“ Beleuchtung ohne blaue oder rote Lichtinszenierung, auch die Innenbeleuchtung der Kristalle ist hier ausgeschaltet. Foto: BSV/Mintrop

Aus dieser Warte konnte König Ludwig der II den Ausblick auf den Grottensee mit Wasserfall genießen. Foto: BSV/Scherf, Freudling
Im Laufe mehrerer Jahre arbeiteten zeitweise bis zu 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Restaurierungszentrums und der anderen Fachabteilungen der BSV und drei externe Firmen an dieser reizvollen Arbeitsaufgabe, die sich für uns alle zu einem identitätsstiftenden Herzensprojekt entwickelt hat. Es ist besonders hervorzuheben, dass sich alle Mitarbeitenden von der ersten Stunde an bis zur Fertigstellung bereitwillig und mit großer Freude in diesem Projekt engagiert haben und das gelingt in dieser Weise nur selten. – Wie gesagt – einen Kristallthron baut man eben nur einmal im Leben.

Der neue Kristallthron steht nun an seinem alten Platz auf dem Loreleyfelsen. Bereits beim Eintritt in die Vorgrotte ist ein bezaubernder und bisher nicht gekannter Durchblick zu erhaschen. Foto: Mintrop
[1] Lauber, Veronika: Der „Kristallthron“ aus der Venusgrotte von Schloss Linderhof – Bestandserfassung, kunsttechnologische Untersuchung, Entwicklung eines Restaurierungskonzepts und Plan der Rekonstruktion. Masterarbeit. TH Köln 2020




