Geheimnisse
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„Eigen doch, dass mir keine Kinderleins erblühen sollen“ – Eine Königstochter wider ihre ’schlanke Taille‘

mathilde von bayern

Es war eine überreiche Mitgift, die König Ludwig I. von Bayern seiner ältesten Tochter, Prinzessin Mathilde, zugestand, als sie im Dezember 1833 den hessischen Thronfolger und späteren Großherzog Ludwig III. heiratete. „Herzensthildchen“, des Monarchen Liebling, sollte es an nichts mangeln, wenn sie ihr neues Leben im südhessischen Darmstadt beginne. Neben 150.000 Gulden rheinischer Währung verzeichnete ein mehrseitiges Inventar auch jene Mobilien, die „Höchstsie“ über die Landesgrenzen begleiten würden: Juwelen und kostbares Tafelgerät, Ameublement, Musikinstrumente, „Nippsachen und – der Veröffentlichung des Schriftstückes ungeachtet – Unterwäsche, Wärmepfanne, sowie ein Bidet. Von Seiten der Braut war die hessische Heirat indes alles andere als eine Herzensangelegenheit. Anträge des Königs von Neapel und des Großherzogs von Toskana hatte Mathilde in dem Bedürfnis abgelehnt, sich räumlich von Bayern, „der lieben, stets teuern Heimat“, nicht allzu weit entfernen zu müssen. Darmstadt hingegen verhieß beides, den Titel einer Landesfürstin und eine äußerst überschaubare Reisezeit nach der Isar. Nüchtern resümierte die junge Frau kurz vor der Eheschließung:

Obgleich sein Äußeres nicht gerade anziehend ist, so habe ich das Vertrauen zu ihm, dass er mich glücklich macht. Er hat, gottlob, einen sehr guten Ruf, was mir sehr tröstlich ist. […] Die Größe meines Herrn Bräutigams ist auffallend – er ist zu groß, doch es ist mir lieber, als wäre er ein Butzel. Denke Dir, unser guter Vater reicht ihm bis zu den Ohrenläppchen. Verliebt bin ich nicht“.

Dennoch, die üppige Brautausstattung, die ihr ein standesgemäßes Leben ermöglichen sollte, pochte unübersehbar auf „der Frauen erste Pflicht“: Das Verzeichnis enthielt neben allen Kostbarkeiten auch „sechs Kinderhäubchen, wovon 3 mit roten Bändern, 3 mit blauen gezieret“. Mathilde hatte – und das möglichst rasch – den Fortbestand der hessischen Dynastie zu gewährleisten.

Der erhoffte Kindersegen blieb jedoch aus.

Man glaubt, dass meine Schwägerin schon bald niederkommen wird; ich prophezeie ihr einen Sohn. Was sagen Sie zu mir, liebster Vater, dass ich mich noch immer einer schlanken Taille erfreue? Ist dies nicht zu langweilig?“, schrieb Mathilde König Ludwig im vierten Ehejahr. Gerüchte um eine Prophezeiung, nach der der Monarch niemals Enkelkinder haben würde, müssen die nunmehrige Erbgroßherzogin zusätzlich belastet haben; tatsächlich waren auch die Verbindungen ihres Bruders König Otto von Griechenland und ihrer Schwester Adelgunde von Modena bislang kinderlos geblieben. Was also tun? Unter zunehmendem psychischen Druck leidend, unternahm Mathilde zahlreiche Kuren – nach dem damaligen Stand der Medizin das einzig probate Mittel, ihr „intérieur“ anzuregen.

Mit wahrer Passion stürzte ich mich in die brausenden Fluten der Nordsee; freilich war die im September so kalt, dass ich bei 11 und 12 Grad meistens badete. Mein costume bestand aus einem Flanellhemd und einer grünen Mütze von Wachstaffet – reizend zeigte man sich nicht der Nordsee. Mit einer Hand hielt ich mich an der gebräunten meiner Badefrau, mit der anderen an einer eisernen Stangen, so plongierte ich mich ins Meer“, schrieb sie 1839 aus Scheveningen.

Den größten Erfolg hingegen versprach sie sich von einem 7-wöchigen Aufenthalt an der berühmten „Bubenquelle“ von Bad Ems, die seit Jahrhunderten den Ruf genoss, unfruchtbaren Frauen abzuhelfen – und, Mathildes Gatten zufolge, „schändlich teuer“ zu sein. Getrunken wurde deren 36 Grad warmes Nass allerdings nicht: Der von Mathilde wahrscheinlich als unerhört empfundene, jedoch unumgängliche „Damensitz“, der allen Nutzerinnen das Bubenwasser „näherbringen“ sollte, findet in ihren Briefberichten keine Erwähnung. Als der ebenfalls kurende König von Hannover jedoch eine wenig taktvolle Anspielung auf den Zweck ihrer Reise machte, empörte sich die junge Frau: „Aber denke Dir, was sagte der König vor dem Prinzen Solms: ich würde gewiss die Bubenquelle brauchen; ich glaubte unter die Erde zu sinken – on ne dit pas ces choses einem ins Gesicht“.

bubenquelle Bad ems

Dieser „Gruss aus Bad Ems“ auf einer Postkarte des frühen 20. Jahrhunderts verdeutlicht die angepriesene Wirkung der berühmten Bubenquelle…

Ein Hoffnungsschimmer

Als sich 1847, nach 13-jähriger Ehe, endlich doch Anzeichen einer vermeintlichen Schwangerschaft bemerkbar machten, riet Königin Therese, Mathildes Mutter, „alles zu meiden, was hier störend einwirken könnte, so Ermüdung, Fußbäder, Weintrinken, starke Speisen, Ananas, Spargeln – verhalte dich nur ja ruhig“. Die Hoffnung aber, Spargelverzicht hin oder her, trog. Es galt dabei als selbstverständlich, dass es die Frau sei, die die Schuld an einer kinderlosen Ehe trage. In einer Aufwallung ihres Frustes, „energisch ihm ausgesprochen“, forderte Mathilde ihren Gemahl auf, ihr die „volle Beruhigung zu geben, ob an ihm keine Ursache der Kinderlosigkeit lege. So Gott will, geht man deshalb in sich“. Doch auch dieses – modern-couragierte – Aufbegehren führte ins Leere.

Es sollte bis zum Jahr 1862 dauern, bis die bayerische Königstochter die Ursache für ihr Los erfuhr. Eine Serie von Koliken, die man zunächst für eine starke Unterleibsentzündung hielt, führte zur letztlich tödlichen Diagnose: einem Tumor der Eierstöcke, den man vergeblich mit Jod und Heilbronner Wasser „zu verdünnen“ suchte. Doch auch auf dem Sterbebett verließ das Thema „Schwangerschaft“ die Großherzogin nicht. „Thilde hatte starkes Fieber; sie hat förmliche Wehen wie eine Frau die niederkömmt. Mathilden ist es eine Erleichterung, wenn sie bei den Krämpfen laut schreit“, schrieb ihre Schwester Adelgunde. Im Gedenken an die am 25.5.1862 Verstorbene gründete ihr Witwer die „Mathildenstiftung“, deren Zweck die „Rettung verwahrloster Kinder“ durch eine „religiös-sittliche Erziehung und Gewöhnung an Arbeit und Ordnung“ war.

 

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