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Ideale und Idole Ludwigs II.: das christliche Kaisertum von Byzanz

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Jedes Jahr im August gedenken wir, ebenso wie zahlreiche Ludwig II. Fans aus aller Welt, des Königs Geburtstag. Dieses Jahr widmen wir uns in einem Beitrag der byzantinischen Phase in Ludwigs Gedankenwelt sowie seiner Bautätigkeit. Ab 1869 begann sich der Monarch verstärkt mit der Kultur von Byzanz und dessen Kaisertum zu beschäftigen und identifizieren. Erfahrt hier welche Gründe dahinter steckten und in welch beeindruckenden Projektentwürfen Ludwigs Vorstellungen und Ideale gipfelten.


Die Wiederentdeckung der Kunst von Byzanz im 19. Jahrhundert

Die Kunst von Byzanz trat etwas später in den Fokus des 19. Jahrhunderts als die mitteleuropäischen historischen Stilepochen. Da die überlieferten Bauten und Räume von Byzanz größtenteils sakral waren und sind, war dieses stilistische Umfeld fast ausschließlich sakral besetzt, was sich in der Symbolik und entsprechenden Bauaufgaben äußerte. Die Versuche zur Wiedergewinnung einer religiösen Bau- und Ausstattungskunst mit dem Ziel einer Neuevangelisierung der Bevölkerung, zunächst mit den Stilen Gotik, dann Romanik betrieben, bedienten sich seit den 1860er-Jahren zunehmend der Kunst von Byzanz, Schwerpunkt Ausstattung. Zumal das (Gold-)Mosaik vielfach wiederverwendet wurde.

Einer der ersten Protagonisten dieser zweckgerichteten Stilübernahmen von Byzanz war der Großvater Ludwigs II., Ludwig I., der eine Rekatholisierung in Bayern von Jugend an nachdrücklich förderte. Sobald er König war, ließ er ab 1826 programmatisch eine neue Hofkirche errichten, der viele andere Kirchenneubauten in Bayern folgen sollten: die Allerheiligenhofkirche. Deren bauliche Vorbilder mussten nach seiner Anweisung im byzantinischen Kirchenbau gewählt werden, hier in der Hagia Sophia und in Venedigs Hauptkirche S. Marco, letztere in der zeitgenössischen Kunstwissenschaft, auch vertreten vom beauftragten Architekten Leo von Klenze, als ein Hauptzeugnis byzantinischer Kirchenbaukunst propagiert wurde.

König Ludwig II. und die byzantinische Kultur

Ludwig II. befasste sich seit 1869 mit der Kultur von Byzanz und dessen Kaisertum. Seine immer stärker werdende Identifikation, wesentlich angetrieben durch seinen Anspruch auf den neuen deutschen Kaiserthron ab 1871 gegen die nahe verwandten Hohenzollern, ließ zwei Projekte zu „Byzantinischen Palästen“ entstehen (1869 und 1885), beeinflusste wesentlich den Thronsaal Neuschwansteins und mündete im Projekt eines Schlafzimmers für die geplante Burg Falkenstein, dessen Mosaikboden ein exaktes Zitat des Bodens im Schlafzimmer des Kaisers im Palast von Byzanz werden sollte.

Projekt zu byzantinischem Palast Ludwig II

Projekt zu einem byzantinischen Palast, Georg Dollmann, 1869/70. Herrenchiemsee, Ludwig II.-Museum

Projekt byzantinischer Palast 1885

Projekt Byzantinischer Kaiserpalast im Graswangtal, Julius Hofmann, 1885. Herrenchiemsee, Ludwig II. – Museum

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Erstentwurf des für das Schlafzimmer von Falkenstein projektierten Fußbodens. Max Schultze und Franz Brochier, 1885. Herrenchiemsee, Ludwig II.-Museum

Die Entwürfe Schultzes aus dem Spätjahr 1884 zeigen einen quadratischen Raum in byzantinischen Formen mit Blendarkaden, einer zentralen blauen Kuppel mit goldenen Sternen und einer Apsis mit Baldachinbett. Dies ist eine Kombination von Schlafzimmer und dem Thronsaal Neuschwansteins. Ansicht und Querschnitt von 1885 zeigen das Konzept nochmals erweitert. Vier Arkaden tragen die nun 14 m hohe blaue Mittelkuppel. Die Säulen unter den Gurtbögen sind nach Anordnung Ludwigs II. aus der Markuskirche in Venedig zitiert. Die Wände sind vollständig mit Goldmosaik inkrustiert. Vorne rechts steht ein Thronsessel. Unter der Kuppel sind Tugendallegorien dargestellt. Vor der mittleren Bettapsis, die mit Vorhängen vom Raum abgetrennt ist, schwebt ein weißer Falke, der aus Alabaster gefertigt ein Nachtlicht aufnehmen und leuchten sollte.

schlafzimmer entwurf 1885

Projekt Falkenstein. Ansicht der Ostwand des überkuppelten Schlafzimmers mit Seitennische und Altar, rechts die Bettapsis, das Bett bereits als Altar gestaltet; an den Wänden Liebespaare aus mittelalterlichen Heldenepen: von links nach rechts Elsa und Lohengrin, Parzival und Kondwiramur, Herzeloide und Gahmuret (die Eltern Parzivals); unter der Kuppel Genien, auf der Apsiskalotte Maria mit Engeln. Feder/Aquarell/Pinselgold, Max Schultze (Architekt), August Spieß und Josef Andreas Weiß (beide Maler). Mit Beschreibung am 29. März 1885 an Ludwig II. gesandt. Herrenchiemsee, Ludwig II.-Museum

Der Querschnitt zeigt die drei Apsen (siehe Titelbild). In der linken Apside ein Flügelaltar mit Kniebank, in der rechten ein Waschtisch in Formen eines Tabernakels, im Zentrum das Bett in Formen eines byzantinischen Baldachinaltars mit stilistischen Anklängen der Florentiner Frührenaissance, der Bettkasten als Mensa mit Figurenreliefs gestaltet, flankiert von zwei hohen Standleuchtern. In der Apsiskalotte ist die thronende Mutter Gottes mit dem Jesuskind dargestellt, nach einer Ikone in der Hagia Sophia. Die flankierenden Engel sind, ebenfalls nach Befehl Ludwigs II., Zitate aus der Allerheiligenhofkirche seines Großvaters.

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Entwurf für einen Waschtisch. Feder/Aquarell/Pinselgold, Max Schultze (Architekt), August Spieß und Josef Andreas Weiß (beide Maler). Mit Beschreibung am 29. März 1885 an Ludwig II. gesandt

Diese Raumvision ist die letztmögliche Steigerung eines Weiheraumes des Königtums. Der Waschtisch als Taufstein, vor allem das Bett als Altar, sind eigentlich blasphemisch. Man bedenke: Ein Bett hat mit diesem hieratischen Zusammenhang historisch nichts zu tun. Was Ludwig II. hier kühn und in höchster Qualität vollziehen wollte, ist die Verschmelzung von byzantinischem Kaiser, Ludwig IX. dem Heiligen und Ludwig XIV. Nur in dessen absolutistischem Zeremoniell hatte ein Bett königliche Bedeutung. Eine faszinierende Conclusio aller Ideale des späten Ludwig II.

 

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