Geheimnisse
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Blitz & Donner – Der Hemmersche Fünfstern auf den Dächern der Wittelsbacher

Blitzableiter Schwetzingen Günther Bayerl Moschee

Ein Gastbeitrag von Dr. Ralf Wagner, Konservator bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg //

Wusstet ihr, dass Schwetzingen die ältesten Blitzableiter in Europa besitzt?

Im Juli im Jahre 1776, begann Johann Jacob Hemmer das Schwetzinger Schloss mit „Wetterleitern“ zu bewaffnen. Als Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz seinen Residenzsitz nach München verlegte, sollte der sogenannte Hemmersche Fünfstern bald auch bayerische Dächer vor Blitzeinschlägen schützen. Ganz ein Kind seiner Zeit beschäftigte sich Hemmer mit der damals die Physik stark beherrschenden Elektrizitätslehre. Er machte 1783, um den elektrischen Zustand der Atmosphäre zu ermitteln, den berühmten Versuch von Benjamin Franklin mit dem Papierdrachen nach. Dazu schrieb er:

„Die entladung war bisweilen so stark, das, wenn jemand, der auf dem feüchten boden stund, die schnur berürte, er glaubte, er würde klaftertief in die erde geschlagen.“

Zum Glück überlebte Hemmer diese riskanten Selbstversuche. Am 12. Februar 1784 ließ Hemmer im Ehrenhof des Mannheimer Schlosses vor einer großen Zuschauermenge einen „montgolfischen Luftballen“ steigen, der den nächstgelegenen Schlossturm überflog und in einem Baum des Schlossgartens landete. Der Versuch mit der großen Montgolfière misslang dagegen. Mehr Erfolg erreichte Hemmer mit seinen Blitzableitern. Schon 1752 versah Benjamin Franklin sein Haus in Philadelphia mit einem Blitzableiter. 1760 wurde der erste europäische Blitzableiter auf dem Eddystone-Leuchtturm in Plymouth montiert.

Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz ließ sich durch Hemmer von der Zweckmäßigkeit von Blitzableitern überzeugen. Denn 1767 schlug der Blitz in das Heidelberger Schloss ein, das nun endgültig zur Ruine wurde. Ein weiterer Blitzschlag 1769 vernichtete den Marstall in Schwetzingen.

Schwetzingen Lukian Schäffner Fünfspitz Blitzableiter

Blick auf einen der Hemmerschen Fünfsterne auf dem Schwetzinger Schlossdach. Foto: Lukian Schäffner.

Carl Theodor verfügte als erster Landesfürst in Europa am 27. Februar 1776, dass alle Schlösser und Pulvertürme seiner Länder mit „Wetterleitern“ versehen werden sollen. Der erste kurpfälzische Blitzableiter wurde am 15. April 1776 auf dem Schloss des Freiherrn von Hacke in Trippstadt errichtet. Hemmer fertigte dazu eine senkrechte Stange mit einem waagrechten Spitzenkreuz. Am 17. Juli des gleichen Jahres wurde auch die Sommerresidenz Schwetzingen mit den Hemmerschen Fünfsternen bewaffnet, diese befinden sich heute noch auf den Dächern des Schlosses und sind somit die ältesten Blitzableiter Europas.

Schwetzingen Günther Bayerl Blitzableiter

Schloss Schwetzingen mit den ältesten Blitzableitern Europas. Foto: Günther Bayerl.

Auch auf dem Wasserturm des Unteren Wasserwerkes und auf den beiden Minaretten der Moschee im Schlossgarten, hier mit türkischen Halbmonden verziert, befinden sich ebenfalls noch originale Hemmersche Fünfsterne (siehe Titelbild). Der Blitzableiter auf dem Finanzamt wurde vor einigen Jahren auf Initiative des Autors vom Bauamt ergänzt. In der Residenzstadt Mannheim wurden die Häuser des Akademiepräsidenten und des sächsischen Gesandten Graf von Riaucour als erstes mit Fünfsternen bewaffnet. Das kriegszerstörte Palais stand gegenüber dem Palais Dahlberg in N 2, 4 und zählte zu den schönsten Adelspalais der Residenzstadt Mannheim. Am 5. September 1779 traf ein Blitz die senkrechte Ableiterspitze aus Messing, schmolz und verbog sie, während das Palais unversehrt blieb. Hemmer bewahrte diese Spitze als eindrucksvolles Souvenir im physikalischen Kabinett von Schloss Mannheim auf. Leider bleib sie nicht erhalten.

Aber auch im Ausland waren nun die Dienste Hemmers sehr gefragt

1777 wurden auf der neuerbauten Abtei von St. Blasien im Schwarzwald Blitzableiter errichtet. In dem gewitterreichen Jahr 1782 bekam Herzog Carl Eugen von Württemberg Angst um seine damalige Lieblingsresidenz Hohenheim. So wurde im nächsten Jahr Hemmer mit dem Blitzschutz des Schlosses betraut.

Carl Theodor

Kurfürst Carl Theodor von Pfalz-Bayern, Pompeo Batoni, um 1775/90, Residenz München

Denn im Juni 1783 führte ein Vulkanausbruch auf Island zu einer globalen Katastrophe mit lang anhaltendem schwefelhaltigem Nebel und Gewittern mit Hagelschlag.

Nachdem Carl Theodor das bayerische Erbe angetreten hatte und seine Residenz nach München verlegen musste, beauftragte er Hemmer 1782 damit, auch das Nymphenburger Schloss blitzsicher machen. Eine durch die reaktionäre Geistlichkeit aufgebrachte Menschenmenge versuchte dies zu verhindern und Hemmer konnte nur unter dem Schutz des Militärs seine Arbeit verrichten. Um seinen abergläubigen Mitmenschen die Angst und das Unverständnis zu nehmen, verfasse Hemmer eine Aufklärungsschrift:

„Kurzer Begriff und Nutzen der Wetterleiter, bei Gelegenheit derjenigen, die auf dem Schlosse, und den übrigen kurfürstlichen Gebäude zu Düsseldorf errichtet worden sind.“

Denn auch die Düsseldorfer Nebenresidenz im Herzogtum Jülich und Berg wurde vom pfälzischen Landesherren mit Fünfsternen bedacht. Hemmer berichtet: „Die herren Düsseldorfer nehmen die wetterleiter mit freude auf“. Fehlte nur noch das Mannheimer Schloss, das erst 1783 mit Hemmerschen Fünfsternen ausgerüstet wurde. Diese befanden sich bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg noch vor Ort. 1784 bewaffnete Hemmer die Münchner Residenz, die Gemäldegalerie und wiederum das Haus des sächsischen Gesandten Riaucour mit Fünfsternen. Im Auftrag der Kurfürstin Elisabeth Auguste wurde 1786 ihr Schloss in Oggersheim und die dortige Wallfahrtskirche mit Wetterleitern versehen.

Selbst Bürger ließen sich nun Blitzableiter installieren, wie ein Gastwirt in Frankenthal. Hemmer bot seine Dienste immer „bereitwillig und unentgeltlich“ an und verlangte nur die Reisekosten. Er leistete mit seiner Arbeit Großartiges zum Wohl der Menschheit. War doch damals die Furcht vor Gewittern enorm und die althergebrachten Schutzmittel wie das Einwickeln in Häute von Kälbern und Seehunden und das Flüchten in Keller und Gewölbe äußerst fragwürdig. Die Kirche schützte ihre Schäflein und ihre Gebäude mit dem Gewitterläuten, das im Großherzogtum Baden erst 1808 verboten und in Frankreich noch 1823 weit verbreitet war. In der Kurpfalz war dies durch die Tätigkeit Hemmers schon lange ausgemerzt worden, denn 1789 rüstete er auch die Mannheimer Jesuitenkirche mit Hemmerschen Fünfsternen aus. Es gab auch einige Kuriosa, so bewaffnete Hemmer die Reisekutsche des Herzogs Karl August von Pfalz-Zweibrücken mit einem Blitzableiter – die Erdung erfolgte über eine eiserne Kette. Auch Fußgänger wollten sich nun schützen, so konstruierte Hemmer für die Kurfürstin Elisabeth Auguste 1784 einen Blitzschirm und einen Blitzstock. Eine 30 cm lange Eisenspitze konnte auf den Spazierstock aufgeschraubt werden. Durch eine metallene Litze wurde der Stock, den man im Bedarfsfall wie ein Gewehr schulterte, leidlich geerdet. Hemmer hielt sie für harmlose Beruhigungsmittel für Überängstliche.

 

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