Geheimnisse
Schreibe einen Kommentar

Mathias Gasteigers Pferde(-bändiger)

Gasteiger Pferde Atelier

Im Sommer 2021 wäre Mathias Gasteiger (1871-1934) 150 Jahre alt geworden. Da das Künstlerhaus am Ammersee COVID-19-bedingt weiterhin geschlossen bleibt, lädt die Bayerische Schlösserverwaltung zu Spaziergängen ein, die zu ausgewählten Werken des Bildhauers führen. Einige seiner Werke stehen in München im öffentlichen Raum und sind für Fußgänger und Fahrradfahrer bequem zu erreichen. Im neuen Beitrag unserer Blog-Reihe zu Mathias Gasteiger nehmen wir seine eindrucksvollen Bronzestatuen in den Blick, für die er sich tierische Inspiration holte.


Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde!

Ein Sprichwort, das jedoch nicht für Gasteigers besiegte Amazone gilt. Sie liegt erschöpft, dem Tode nahe, über ihrem treuen Gefährten und lässt ihren Speer auf den Boden fallen. Die sterbende Amazone aus Bronze zierte ursprünglich einen geometrisch gestalteten Marmorbrunnen mit vegetativer Hintergrundmalerei. Die Geometrie des glatten Steins steht in starkem Gegensatz zur naturalistischen Figurengruppe, ihrem Hintergrund und ihrem Material; ein gestalterisches Konzept, das der Münchner Bildhauer auch bei seinem Wandbrunnen mit der Reiterstatuette der Frühling nutzte.

Amazone Gasteiger Pferd

M. Gasteiger, Sterbende Amazone, wohl nach 1901, 50x43x19 cm

Gasteiger Wandbrunnen Amazone

links: M. Gasteiger, Wandbrunnen mit Reiterstatuette ‚Amazone‘; rechts: M. Gasteiger, Wandbrunnen mit Reiterstatuette ‚Der Frühling‘ wohl vor 1900

Mathias Gasteiger bediente sich häufig der Anmut des Pferdes in seinen Bronzen. Neben den hier genannten Rössern, stellte er sogar seiner Berufung – der Kunst – einen dieser heroischen Vierbeiner zur Seite (Die Allegorie der Kunst).

Viele seiner Bronzereiter fertigte er in kleinem Format an. So existiert auch für sein berühmtestes Pferdethema, der Pferdebändiger, eine kleine Bronzestatuette, die er im Nachhinein allerdings zu überlebensgroßen Dimensionen heranwachsen ließ. Eine undatierte Fotografie zeigt den Künstler bei der Arbeit in seinem Atelier. Im Vordergrund steht die Kleinbronze auf einem Schemel; dahinter das überdimensionale Gipsmodell des sich kunstvoll aufbäumenden Pferdes. Nach einer Fotografie mit handkoloriertem Hintergrund – hier leider nicht abgebildet – stellte sich Gasteiger seinen Pferdebändiger wohl als Brunnenfigur in begrünter Umgebung vor: die Figurengruppe steht inmitten eines Landschaftshintergrunds mit Laubbäumen auf der kreisförmigen Einfassung eines Bassins. Nach dem, was über Mathias Gasteiger und sein Werk bekannt ist, wurde diese Idee jedoch nie umgesetzt.

Atelier Gasteiger Pferd

M. Gasteiger während der Arbeit am Pferdebändiger, vor 1916, Foto: Anna Gasteiger?

Pferdebändiger Gasteiger

links: M. Gasteiger, Pferdebändiger, Fotografie im Atelier (rechte Seite), vor 1920; Mitte: M. Gasteiger, Pferdebändiger, Fotografie im Atelier (Rückansicht), vor 1920; rechts: M. Gasteiger, Pferdebändiger, Fotografie im Atelier (linke Seite), vor 1920

Trotzdem schafften es zwei Varianten der Figurengruppe im Jahr 1909 auf die große Berliner Kunstausstellung: eine, in der der Reiter das Pferd mit beiden Händen kraftvoll zügelt, und eine weitere, in der der Rossebändiger das anmutige Tier mit der Peitsche zur Raison bringt. Über zehn Jahre später wurde der Pferdebändiger auch als Gipsmodell (1916) und als große Gruppe in Bronze im Münchner Glaspalast ausgestellt (1920).

Selbst nach seinem Tod im Jahr 1934 riss das Interesse an Gasteigers lebhaften, imposanten Tieren und ihren Reitern nicht ab. Auch die Nationalsozialisten fanden an den heroischen, lebensgroßen Erscheinungen Gefallen. Gewünscht waren meist Kolossalfiguren in „klassischer Strenge“, eine stilistische Eigenschaft, die im Oeuvre vieler Münchner Bildhauer ohnehin zu finden war, obwohl man in anderen Städten, wie beispielsweise Berlin, schon damit begonnen hatte, sich mit dem Futurismus oder Kubismus auseinanderzusetzen. Die übersteigerten kraftvollen Bewegungen der muskulösen Figuren des Künstlers erfüllten anscheinend die Ansprüche des völkisch-nationalen Formenkanons. Denn im Jahr 1936 wurde eine vergoldete Gipsfigur des Rossebändiges in der Ausstellung das Pferd in der deutschen Wirtschaft präsentiert – eine Veranstaltung im Rahmen der Jubiläumswochen 500 Jahre Deutsche Pferderennen in München, Hauptstadt der Bewegung. Diese Veranstaltungsreihe war Teil der nationalsozialistischen Propaganda, die unter der Egide des Münchner Stadtrats Christian Weber (1883 – 1945) die Aufwertung des deutschen Pferderennsports zur Aufgabe hatte.

Im Anschluss orderte die Stadt München zwei Exemplare des Rossebändigers in Bronze. Eines davon wurde von der Erzgießerei Adalbert Brandstetter in München ausgeführt und, thematisch passend, an der Zufahrt zur Pferderennbahn Daglfing/Riem aufgestellt. Dort kann man es noch heute bewundern.

Pferdebändiger-gasteiger-riem daglfing

Der Pferdebändiger in Daglfing/Riem, 1936. Foto: Wikipedia 2010.

 


Literatur

Eschenburg, Barbara / Friedel, Helmut (Hrsg.): Figürliche Plastik im Lenbachhaus 1830-1980. Lenbachhaus, München 1997
Schmid, Elmar / Heym, Sabine: Mathias und Anna Gasteiger: aus einem Münchner Künstlerleben um 1900. Verlagsanstalt „Bayerland“, 1985
Joos, Birgit: Die Münchner Bildhauerschule. Figürliches Arbeiten im Zeichen der Tradition, in: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2010, S. 135-169
Joos, Birgit: Die Stucksche Amazone – eine ‚wehrhafte bronzene Jungfrau in kühner Pose‘, in Birnie Danzker, Jo-Anne (Hrsg.): Villa Stuck, Ostfildern 2006, S. 273-283

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.