Hinter den Kulissen
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Kunst zwischen Handwerk & Hightech. Neue Portale für das Neue Schloss Schleißheim

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Von Heinrich Piening, red. Cordula Mauß

Dass eine Kopie echte Kunst sein kann, zeigen wir Euch heute im Neuen Schloss Schleißheim. Jüngst konnten wir hier wahre Kostbarkeiten enthüllen: Die aufwendigen Kopien der von Ignaz Günther geschnitzten Hauptportale des Schlosses. Die originalen, jedoch durch Verwitterung stark gefährdeten Portale zählen zu den bedeutendsten Kunstwerken im Besitz der Bayerischen Schlösserverwaltung. Geschmückt werden die eindrucksvollen Türen von prächtigen Bildreliefs, die Sinnbilder der Architektur und Schönen Künste, der Jagd und Gartenkunst zeigen. Umrahmt werden diese im Barock beliebten Themen von reichem Figurenschmuck, Fahnen und Dekor, bekrönt von den Allianzwappen Bayerns und Sachsens.

250 Jahre Witterung hinterlassen ihre Spuren

Seit ihrer Entstehung und ihrem Einbau im Jahr 1763 haben die Einflüsse von 250 Jahren Witterung deutliche Spuren an den Eichenholzreliefs hinterlassen. Den fortschreitenden Verfall haben auch regelmäßige Pflege- und Restaurierungsmaßnahmen nicht stoppen können. Vergleiche mit historischen Fotografien zeigen deutlich, dass Details der Schnitzerei bereits verloren gegangen oder stark verflacht sind. Um die Portale vor dem weiteren Verfall zu schützen, haben wir uns im Jahr 2008 dazu entschlossen, die beweglichen Türflügel komplett durch bildhauerische Kopien zu ersetzen.

Details der Portale

(1) 250 Jahre Witterung gehen selbst am harten Eichenholz nicht spurlos vorüber… (2) …da hat der Putto Grund zum Weinen.

Restauratoren, Wissenschaftler, Techniker und Bildhauer haben in den vergangenen zehn Jahren mit den Portalen gemeinsam ein Projekt realisiert, in dem es gleichermaßen denkmalpflegerische, technische und künstlerische Herausforderungen zu meistern galt. Der komplexe Weg vom Original zur Kopie stellte besondere Anforderungen an die Experten. Moderne Hightech-Verfahren gingen Hand in Hand mit der bildhauerischen Bearbeitung.

Ein Konzept für die Kopie

In Vorbereitung der Kopie der Günther-Portale wurden konzeptionelle Überlegungen angestellt und die technischen Möglichkeiten zur Realisierung dieser großen Aufgabe innerhalb der Fachabteilungen der Bayerischen Schlösserverwaltung erörtert. Dabei stand die Frage im Vordergrund, ob die Kopie den aktuellen Zustand mit allen verwitterungsbedingten Verlusten übernehmen soll oder es gerechtfertigt ist, bestimmte Details in freier Gestaltung wieder herzustellen. Um die ursprüngliche Vielschichtigkeit der Bildhauerarbeit Ignaz Günthers wieder erlebbar zu machen, entschieden sich die beteiligten Restauratoren, Kunsthistoriker, Architekten und Bildhauer, die abgeflachten Reliefs und Detailverluste in der Kopie herauszuarbeiten. Die Tore sind seit mehr als einhundert Jahren fotografisch erfasst, viele Details lassen sich gut nachvollziehen, auch wenn sie heute im Original nicht mehr ablesbar sind. So ist eine Kopie mit Ergänzungen entstanden, bei der es sich in Teilbereichen um eine dem Original angenäherte Interpretation handelt. Damit ist das Werk rückblickend jederzeit ins 21. Jahrhundert datierbar. Eine Kopie oder Rekonstruktion (zumindest für Experten) vom Original unterscheidbar zu machen, ist ein wichtiges ethisches Kriterium in der Denkmalpflege.

Eichenholz aus Frankreich

Eine besondere Herausforderung stellte die Materialbeschaffung für ein derartiges Projekt dar. Die Torflügel und Füllungen der Kopie sollten ebenso wie das Original aus Eichenholz gefertigt werden. „Das Holz muss von ausgesuchter Qualität sein und darf keine Leimfugen in der Fläche aufweisen. Bei einer Materialstärke von mindestens 100 Millimetern, einer Brettbreite von 70 Zentimetern und einer Länge von über 400 Zentimetern ist die Auswahl an geeigneten Hölzern sehr begrenzt,“ erklärt Bildhauerin Margaretha Binapfl die Anforderungen. Da im deutschsprachigen Raum kein abgelagertes, taugliches Holz verfügbar war, wurde es in Frankreich beschafft. Das importierte Holz wurde durch die Zimmerer des Restaurierungszentrums entsprechend der benötigten Formate der Türflügel zugearbeitet.

3D laserscanner

Mit dem 3D-Laserscanner erfassten die Experten der Firma Steinbichler Optotechnik präzise die Reliefs.

Hightech als Arbeitshilfe

Für präzise Voruntersuchungen, aber auch, um Arbeitszeit und Kosten zu verringern, bot es sich an, moderne Hightech-Verfahren als Arbeitshilfe zu nutzen. Zunächst wurden die Oberflächen der Türen dreidimensional gescannt. Auf Grundlage der Scans erfolgte die Ausarbeitung der Türreliefs aus dem Vollholz von einer spezialisierten Modellbaufirma mit Hilfe einer digital gesteuerten Fräsmaschine. Dabei wurden die Konturen der Darstellungen relativ genau herausgearbeitet.

3D modell scan portale fräsung

Das 3D-Modell auf Grundlage der Scans (1) diente als Vorlage für die Fräsmaschine (2).

Bildhauerische Meisterleistung in 4500 Stunden

Für die bildhauerische Bearbeitung blieben ca. 1-2 Millimeter Material auf allen Oberflächen stehen. Der Feinschnitt der vorgefrästen Bildreliefs erfolgte durch die Bildhauer in fast 4500 stündiger Handarbeit, da nur so eine spezifische Bildschnittoberfläche entsteht, wie sie von anderen Werken Ignaz Günthers bekannt ist. Die historischen Fotografien und die 3D-Scans erwiesen sich als wertvolle Arbeitshilfen der Bildhauer.

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Bildhauerin Margaretha Binapfl auf den Spuren Ignaz Günthers.

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Wenn diese Kopie kein Kunstwerk ist…

Den individuellen künstlerischen Ausdruck überzeugend einzufangen und trotz mehrerer Bildhauerhände ein harmonisches Erscheinungsbild zu erzeugen, waren Herausforderungen für unsere Bildhauerin und unsere Bildhauer. Die eigene Handschrift eines jeden Bildhauers darf hier so gut wie nicht in den Vordergrund treten, wir müssen uns dem Original und dem Künstler der damaligen Zeit unterordnen. „Unverzichtbar ist ein tiefes Verständnis von historischen Handwerkstechniken und den in damaliger Zeit verwendeten Materialien“, erläutert Oswald Senoner, für den die Schleißheimer Portale zudem der krönende Abschluss seines 35-jährigen Berufslebens in der Schlösserverwaltung waren.

Mit der Herstellung der geschnitzten Elemente war es aber noch nicht getan. Sie wurden in eine Türkonstruktionen eingearbeitet, die eine spezialisierte Schreinerfirma gefertigt hatte. Anschließend wurden die neuen Türflügel in die historischen Türgewände eingepasst, wobei die vorhandenen originalen Beschläge verwendet wurden. Der Aus- und Einbau der sehr schweren Türflügel erforderte eine ausgefeilte Logistik. Nach einer Überwinterungsphase wurden die noch rohen Holzoberflächen mit geeigneten Schutzüberzügen versehen und den originalen Giebelfiguren farblich angepasst.

Portale Schleissheim

(1) Einbau der neuen Portale (2) Vor Ort wurden sie noch farblich eingepasst.

Die alten und die neuen Portale empfangen nun die Besucher

Nun künden die Kopien der Ignaz Günther-Portale an ihrem Bestimmungsort vom gelungenen Zusammenspiel zwischen moderner Fertigungstechnik und herausragender bildhauerischer Erfahrung und Kunstfertigkeit. „Bei aller Hilfe ersetzen die Technologien nicht die manuelle künstlerische Umsetzung. Sie ersetzen vor allem nicht die Fähigkeit, die bewegte Formensprache des Rokoko in einer stimmigen Gesamtkomposition bildhauerisch nachvollziehen zu können und das Werk von Ignaz Günther wieder lesbar zu machen ohne es zu verfälschen. Diese Anforderung in die Praxis umzusetzen war bei diesem Projekt nur möglich, weil die Schlösserverwaltung über hoch qualifizierte Bildhauer verfügt, die ihre langjährige Erfahrung in das Projekt einbringen konnten,“ resümiert Projektleiter und Holzrestaurator Dr. Heinrich Piening.

schloss schleissheim portal

Die originalen Portale von Ignatz Günther wurden in den schützenden Innenraum des Neuen Schlosses Schleißheim verlagert. Beim Besuch des Neuen Schlosses könnt Ihr nun bald die Originale und die Kopien sehen. Ein Projekt, das uns begeistert! Zuletzt herzlichen Dank an die Mooseder-Stiftung, deren großzügige Spende die abschließenden Holzarbeiten ermöglichte.

 

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