Lieblingsstücke unserer Autoren, Residenz München
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Es steckt noch eine Kugel im Lauf… Ein silbernes Wunderwerk aus den Steinzimmern der Residenz

Zu den schöneren Momenten innerhalb der Museumsarbeit gehört es sicherlich, wenn man Verwaltungs- und Schreibkram für ein paar Stunden geschmackvoll arrangiert auf dem Büro-Schreibtisch belassen kann und sich den Kunstwerken in Depots und Schauräumen unmittelbar zuwenden darf, um sich intensiv mit einem interessanten Einzelstück zu beschäftigen.

... zum Beispiel mit diesem guten Stück!

… zum Beispiel mit diesem guten Stück!


Leider kommt der Fall gar nicht so häufig vor, wie man vielleicht meinen würde, und auf jeden Fall viel seltener, als man eigentlich dazu Lust hätte… Eine dieser Gelegenheiten ergab sich vor einigen Wochen, als uns Kollegen aus dem Bayerischen Nationalmuseum in der Residenz einen Besuch abstatteten, um eine große silberne Prunkuhr aus dem späten 17. Jahrhundert genauer unter die Lupe zu nehmen. Eine sehr ähnliche Uhr, die sich ehemals ebenfalls im Besitz der bayerischen Kurfürsten in der Residenz befand, gehört heute zu den zahlreichen Schätzen des Nationalmuseums, wohin sie im 19. Jahrhundert aus herrscherlichem Besitz überwiesen wurde. Beide Uhren wurden von denselben Augsburger Silberschmieden und Silberkistlern – Kunsttischler, die sich auf die Anfertigung von mit Silberblech beschlagenen Prunkmöbeln spezialisiert hatten – hergestellt und fordern deshalb zum eingehenden Vergleich geradezu auf. Grund genug also, die „Residenz-Uhr“ eingehend zu studieren und von den gut versteckten Marken der beteiligten Meister (nachdem wir sie, mit Leitern und Taschenlampen bewaffnet, schließlich gefunden hatten) Abdrücke zu nehmen. Und gleichfalls Grund und Gelegenheit, auch unseren Lesern ein paar ihrer so schönen wie faszinierenden Details vorzustellen.
Detail ZIfferblatt

Erworben wurde das ohne seinen reich geschnitzten Tisch immer noch mannshohe Prunkstück von dem prachtliebenden Kurfürsten Max Emanuel (reg. 1679-1726), der es wohl zusammen mit anderen Meisterwerken der barocken Augsburger Luxusmöbel-Produktion ursprünglich in seinem neu eingerichteten Appartement am Grottenhof der Residenz aufstellen ließ. Dementsprechend ist auch das repräsentative Bildprogramm der Uhr auf das absolutistische Herrschaftsideal der Epoche ausgerichtet: Das Ziffernblatt umgeben die olympischen Götter unter dem Vorsitz ihres väterlichen Monarchen Jupiter, der mit Blitzbündel und Adler im Zentrum thront, wo ihn die wenig geliebte Gattin Juno und allerhand spärlich bekleidete Göttinnen und Nymphen umringen, deren verführerisch glatte Haut durch das schimmernd polierte Silber wiedergegeben ist.
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Die Botschaft ist allgemein gehalten, aber klar: Der Göttervater – sprich der Fürst – ist Herr des Kosmos und der Zeit, symbolisiert durch das Ziffernblatt und die umlaufenden Figuren des Tierkreises, die in ausgearbeiteten Reliefs dargestellt sind, sowie durch die beigegebenen Verkörperungen der Erdteile. Denn auch dem Erdenrund gilt die fürstliche Aufmerksamkeit: Das zeigt an der Spitze der Uhrenarchitektur die Figur des Herkules, ein weiteres klassisches Sinnbild des irdischen Monarchen, der einst mit seiner übermenschlichen Kraft einen silbernen Globus schulterte, der heute verloren ist.
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Unsere Uhr ist aber nicht nur prunkvoller Zeitmesser, sondern fungierte vormals zugleich als raffinierter Kabinettschrank: Zwischen den wie Edelstein leuchtenden Säulen aus Rubinglas lassen sich die seitlichen Fronten mit Schlüsseln öffnen und offenbaren dahinter Reihen reich verzierter Schubladen für kostbare kleine Gerätschaften, die sich heute leider nicht mehr an Ort und Stelle befinden.
Schließlich offenbart sich der Uhrenschrank in seinem unteren Bereich aber auch noch als mechanisches Spielzeug: Was anmutet wie die barocke Version eines modernen, vom Kneipenbesucher geschätzten (und dann auch schnell recht kostspieligen) Flipperautomaten, ist ein reich dekorierter, silberner Kugellauf:
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Durch einen Mechanismus wird eine silberne Kugel immer auf’s Neue auf eine verschlungene, abschüssige Bahn gehoben, die sie schimmernd durchrollt und so vergleichbar einem Pendel ein festes Zeitintervall bemisst. Fast unnötig zu sagen, dass selbst die Innenwände des Kugellaufkastens reich bemalt sind und mit Spiegeln für den Betrachter sichtbar gemacht werden…
Detail Innenleben

Schon diese kurze Vorstellung macht deutlich, wie anders das Design-Gebot des 20. Jahrhunderts – form follows function – im Kontext barocker Repräsentationsstrategien funktionierte. Sicher – die Funktion kam nicht zu kurz: die Zeit konnte man natürlich auch auf dieser Uhr ablesen, wenn man denn wollte – und die Reflexe des Silbers im Kerzenlicht nicht zu stark blendeten. Die eigentliche Bestimmung dieses Prunkmöbels war aber vor allem, eine ganzheitliche Konzeption von irdischer Herrschaft und göttlich legitimierter Hierarchie sichtbar zu machen – anschaulich geworden durch materiellen Luxus und höchste handwerklich-künstlerische Vollendung, selbst an einem nominellen Gebrauchsmöbel wie einer Uhr!

3 Kommentare

  1. Peter Wolf sagt

    Wäre es nicht möglich beide Uhren für eine gewisse Zeit zusammenzuführen, z. B. wenn endlich mal das Nationalmuseum seinen Westflügel neu eröffnet.

    • Christian Quaeitzsch sagt

      Tatsächlich wäre solch eine Nebeneinanderstellung eine schöne Idee, denn schon der Vergleich auf Basis von Fotos dokumentiert im Detail eine Fülle interessanter Unterschiede in Aufbau und Bildsprache. Leider würde sich eine Zusammenführung aber aus konservatorischer Sicht sehr schwierig gestalten: Beide Objekte sind, trotz ihres robust wirkenden Äußeren, höchst empfindlich und sollten nach Möglichkeit nicht bewegt werden, allein schon um Erschütterungen und Klimaveränderungen zu vermeiden, die beim Trägerholz zum Absprengen des aufgelegten Silbers führen können. Zum Glück ist der Weg zwischen Residenz und BNM ja wenigstens kurz, so dass man beide Stücke innerhalb kurzer Zeit aufeinander folgend besichtigen kann!

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