Lieblingsstücke unserer Autoren, Residenz München
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Goldene Verlockung: Wie der Blick auf die Uhr zur Gewissensfrage wird…

Mit einem Schwung seiner goldenen Flügel senkt sich der junge Mann herab, um dem Mädchen vor ihm, statt sich lange mit Reden aufzuhalten, ein flatterndes Spruchband mit einer Botschaft zu überreichen. Sie nimmt es mit der rechten Hand entgegen, während sie auf der linken ein Täubchen balanciert. Das Paar umwirbelt eine schimmernde, fließendweiche Wolke, Rosen ranken sich um sie und – ach ja – die Zeit wird auch angezeigt, denn eigentlich handelt sich hier um eine Uhr…
 


Tischuhr aus vergoldeter Bronze und Alabaster, um 1780; Maße: 40 x 32 x 13 cm", Residenzmuseum, Raum 102


Die kleine Pendule – Pendeluhr – aus der neu eingerichteten Präsentation vergoldeter Bronzen im Residenzmuseums ist stilistisch noch der Spätphase des Rokoko zuzurechnen. Sie macht wunderbar den hohen künstlerischen und auch geistreichen Aufwand sichtbar, den das 18. Jahrhundert nicht nur in Malerei, Architektur oder Skulptur, sondern ebenso in der Ausgestaltung von luxuriösen Gebrauchsgegenständen für fürstliche und zahlkräftige Benutzer betrieb: Heutigentags verleitet das funktionelle und glatte Design des Funkweckers eher, den Störenfried morgens mit kräftigen Schwung vom Nachttisch zu räumen. Und hinsichtlich des figürlichen Schmucks ist ein misstönender Kuckuck unter geschnitztem Hirschgeweih wohl das höchste der Gefühle. Im Vergleich dazu entfaltet unsere schimmernde kleine Uhr ein ganzes, komplexes Panorama von Bedeutungen: So wird dem Betrachter, der eigentlich nur rasch die Zeit ablesen wollte, schnell klar, dass der geflügelte Jüngling der Liebesgott persönlich ist: Rosen, Turteltäubchen, der Verzicht auf überflüssige Kleidung und der Köcher mit den Pfeilen der Sehnsucht weisen uns eindeutig darauf hin. Und auch die passende Partnerin wartet schon, während der Zeiger wandert.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Der Text auf dem Spruchband warnt die junge Dame mit dem diskreten Hinweis „Le danger vole autour de la simple colombe“ – übersetzt etwa: „Die Gefahr umschwebt die schlichte Taube“. Die Taube und das Mädchen, so dürfen wir schließen, sind eins – sie verkörpern die Unschuld, die vom erotischen Ansturm des Liebesgottes bedroht wird. Das ist auch deshalb pikant, weil die Kompositon von herbeischwebendem Engel, Taube und wartender Mädchengestalt boshafterweise an die traditionelle Darstellung der Verkündigung des Erzengels Gabriels an die Jungfrau Maria erinnert, die allen (außer frommen) Hintergedanken natürlich enthoben sein sollte.

Das Verkündigungsrelief am Altar des Bürgersaals in München, 1710


So bekommt die galante kleine Szene einen heiteren Doppelsinn, der aber in Verbindung mit der Funktion als Uhr einen ernsten, ja melancholischen Unterton erhält: Das Ticken des Pendels macht dem Betrachter das unbarmherzige Verstreichen der eigenen Lebenszeit bewusst. Die Frage, ob er daher nun sofort und ohne weitere Verzögerung dem Ruf der Liebe folgen, oder lieber weiter auf dem Weg von Sitte und Anstand wandeln soll, musste von jedem selbst beantwortet werden. Die Konsequenzen sind jedenfalls klar: Auf dem vergoldeten Relief im Sockelbereich der Uhr sind kleine geflügelte Bengel dabei, die dummen Vögelchen, die sie mit Zucker angelockt haben, in Käfige zu sperren. Und nur einige Jahre vor Anfertigung unserer Uhr hat der französische Philosoph, Schriftsteller und Kunstkritiker Denis Diderot 1765 die enthusiastische Beschreibung eines Gemäldes von Jean-Baptiste Greuze verfasst: Es zeigt ein Mädchen, dass bitterlich weinend den Tod seines kleinen Vogels beklagt und Diderot interpretiert dieses Motiv genüsslich und süffisant für seine schmunzelnden Leser als Symbol der verlorenen Jungfräulichkeit.

Jean-Baptiste Greuze (1725-1805), Mädchen beweint seinen toten Vogel,1765, Edinburgh – der Maler hat das Motiv mehrfach aufgegriffen.


Da unsere Pendule früher in den Gemächern der jungen Töchter König Max I. Josephs stand, sollten die Prinzessinnen Amalie und Elisabeth bei jedem Blick auf die Uhr wohl freundlich ermahnt werden, sich stets ihrer gesellschaftlichen Position angemessen zu benehmen…
Wir dagegen verlegen die moralischen Betrachtungen angesichts des piependen Weckers in die Morgenstunden und können uns einfach an der fantasievollen und schimmernden Schönheit erfreuen.

Prinzessin Amalie, Lithographie nach Joseph Stieler (1781-1858), Residenzmuseum


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