Geheimnisse, Residenz München
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„Les jeux sont faits!“ – Glücksspiel bei Hofe

Weihnachten vorbei, Sylvester und Neujahr sind durch – die Feststimmung flaut langsam Richtung Alltag ab und geblieben ist nur ein weiterhin unentschlossener Winter und die Frage, wie man die immer noch langen Abende nun gestalten soll, bis es wieder wärmer wird. Für einen Bewohner der Residenz des 17. oder 18. Jh., der ohne nächtliche Straßenbeleuchtung und Fernwärme auskommen musste, und sich ohne Not nur ungern von den Kerzen und Kaminen der Appartements wegbewegt haben dürfte, tauchte die Frage, wie dunkle Stunden zu füllen seien, zum Glück gar nicht auf – denn die Lösung lag für ihn auf der Hand: das höfische Spiel!

Lust auf eine Partie? Spielmarken aus Meißener Porzellan, Mitte 18. Jh. (Residenz, Raum 66)

Lust auf eine Partie? Spielmarken aus Meißener Porzellan, Mitte 18. Jh. (Residenz, Raum 66)

Die Bedeutung, die das Glücksspiel mit Karten für die höfische Gesellschaft besaß, ist mit der heutigen Situation kaum zu vergleichen. Der Autor selbst ist mit seinem begrenzten Fassungsvermögen nie über die Regeln von Mau-Mau und Uno hinausgelangt („heißt eine Sieben jetzt zwei nehmen, zweimal aussetzen, oder zwei nehmen statt aussetzen….??“) und erinnert sich nur ungern an einen komatösen Abend, an dem er gezwungenermaßen Canasta erlernen sollte und den wackeren Mitspielern damit Stimmung und Partie ruinierte.
Im 18. Jh. gehörte die Kenntnis der Karten jedoch zur aristokratischen „Grundausbildung“, die zudem auch für die Dame als anständiger Zeitvertreib galt, den sie mit dem Herrn gemeinsam ausüben durfte. Davon künden noch heute aufwendig gefertigte Spielrequisiten, die sich teilweise in den Sammlungen der Residenz erhalten haben – etwa die zierlichen Jetons – also Spielmarken – aus Porzellan, die von der Kurfürstin oder einer ihrer Hofdamen in einer kostbar bemalten kleinen Schatulle verwahrt wurden (siehe oben).

Die Grüne Galerie der Residenz wurde in der Mitte des 18. Jh. regelmäßig als

Die Grüne Galerie der Residenz wurde in der Mitte des 18. Jh. regelmäßig als „Spielsalon“ genutzt

Tatsächlich waren die gemeinsamen Partien um teilweise hohe Summen ein tragender Bestandteil des höfischen Gesellschaftslebens, sei es in der Münchner Residenz, der Wiener Hofburg oder in den Prunkgemächern von Versailles. Denn das gemeinsame „Jeu“ war auch ein Spiel vor den Augen der anderen, und Regel und Gewinn hießen in diesem Falle gelungene Selbstdarstellung von Rang und Lebensart. Dies bedeutete natürlich auch, dass sich nicht jeder mit jedem an den Kartentisch setzte. Degenhardts Song „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ galt schon am Münchner Hof: Die kurfürstliche Kammerordnung von 1769 schrieb vor, dass Besucher von Residenz-Festlichkeiten, die nicht mindestens den Rang eines Kammerherren innehatten, die inneren Gemächer, wo die Herrscherfamilie selbst kartelte, zu meiden hätten.

Selbstverständlich gab es auch damals wie heute passionierte, vielleicht auch suchtartig Spielende und Höflinge, die nur aus Anstand mithielten. Die Aussicht, das zugige Familienschloss durch ein glückliches Blatt endlich zu entschulden, mag viele immer wieder aufs Neue fasziniert haben. Da die Standesregeln dem Adel den deklassierenden Gelderwerb durch eigene Arbeit verboten, war das – formal gesehen – absichtslose, vergnügliche Kartenspiel eine ehrenvolle Möglichkeit, die klamme Kasse zu füllen. Doch auch das Risiko war hoch: Aristokratische Lebensart verlangte einen generösen, unbedenklichen Umgang mit den verachteten Goldstücken – der Prestigeverlust bei knauserigen Einsätzen wäre fatal gewesen.

kindlicher Spieltrieb? Der kleine Max Emanuel mit seiner Schwester im höfischen Kostüm ) S. Bombellis, ca. 1666, Schloss Nymphenburg)

kindlicher Spieltrieb? Der kleine Max Emanuel mit seiner Schwester im höfischen Kostüm (S. Bombelli, ca. 1666, Schloss Nymphenburg)

Während heutiger Nachwuchs ermahnt wird, sein Taschengeld ordentlich zusammenzuhalten, wurde etwa der kleine, 1662 geborene Erbprinz Max Emanuel von seiner kurfürstlichen Mutter getadelt, sein kleines Budget doch nicht so unpassend bürgerlich zu sparen, sondern doch bitte wie ein künftiger Edelmann auszugeben, und zwar flott! Und so wurden denn bei festlichen Zusammenkünften, etwa an den zahlreichen Galatagen anlässlich fürstlicher Hochzeiten oder zu Ehren kurfürstlicher Gäste und Verwandter, bei den sogenannten „Appartements“ – regelmäßigen Zusammenkünften in den Reichen Zimmern der Residenz – und natürlich sowieso während der wochenlangen Karnevalssaison spätestens nach dem Konzert und dem oft nur mühsam durchgehaltenen Menuett die Spieltische hervorgeholt:

ausklappbarer Spieltisch, um 1740, Residenz, Raum 31

ausklappbarer Spieltisch, um 1740, Residenz, Raum 31

Diese häufig gebrauchten Möbel standen in den Vorzimmern der Appartements bereit, etwa in Gestalt zierlicher Konsoltische mit ausklappbaren Beinen, deren grün bespannte Innenplatte umgelegt werden konnte und manchmal Aussparungen für vier Kerzenleuchter bot. Mit ihrer Hilfe verwandelten sich Salon und Galerie innerhalb von Minuten in ein Casino. Allerdings wurde nicht wie im Wirtshaus Schafkopf oder Doppelkopf aufgeblättert. Es ging nicht um Strategie und Pokerface, sondern um den Nervenkitzel und wie sehr man äußerlich entspannt mit Gewinn und Verlust vor den Augen der anderen umzugehen verstand. Die favorisierten Spiele bei Hofe hießen im 17. und 18. Jh. „Pharao“ und „Landsknecht“: Beide gleichermaßen beliebt und berüchtigt, weil sie zum einen im Prinzip erschreckend simpel waren und man trotzdem in kurzer Zeit richtig Geld verlieren konnte. In beiden Fällen „wettete“ man mit seinem Blatt gegen die Bank, die nach getätigtem Einsatz ihre Karten aufdeckte – eine Art Roulette, bloß ohne Kugel.

Dieses Prunkmöbel wurde schon seinerzeit eher angestaunt als benutzt...

Dieses Prunkmöbel wurde schon seinerzeit eher angestaunt als benutzt…

Die Zeiten dieser brisanten Vergnügungen sind in der Residenz vorbei. Unabhängig von der Gunst der Glücksgöttin bleibt uns die gefahrlose Freude an den Dingen, die an die höfische Spielkultur der Vergangenheit erinnern – etwa der prunkvolle Spieltisch mit integriertem Tric-Trac-Brett (Backgammon), dessen Platte mit kostbaren Einlegearbeiten um 1670 für Kurfürsten Max Emanuel angefertigt wurde!

1 Kommentare

  1. Claudia Breuer sagt

    Wie üblich: informativ und flott geschrieben. So kann Geschichte vermittelt werden. Mehr davon! Danke!

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