Geheimnisse, Lieblingsstücke unserer Autoren, Residenz München
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Besinnlich ist das nicht – Winterdarstellungen in der Residenz, Teil 1

winter tapisserie residenz

Für unser Museum neigt sich ein ereignisreiches, mitunter turbulentes Jahr seinem Ende entgegen: Wir konnten die Wiedereröffnung der Grünen Galerie feiern und viele Tausend Besucher während der Residenzwoche empfangen. Es galt die neue Präsentation der vergoldeten Bronzen zu organisieren und auch sonst ist uns mit Restaurierungen, Führungen und sonstigen Veranstaltungen kaum langweilig geworden. Schließlich rummelt, silberglöckchenklingelt und duftet noch das alljährliche Weihnachtsdorf im ehrwürdigen Geviert des Kaiserhofs.

Residenz München_Kaiserhof_Foto Anton Brandl

repräsentativ (aber nicht so weihnachtlich) – Die unter Maximilian I. errichteten Kaiserhoftrakte der Residenz alltags

Und das, obwohl gerade dessen Bauherr, der eher sinistre bayerische Kurfürst Maximilian I. (reg. 1598-1651) diese herrschaftlichen Mauern errichten ließ, um wildwuchernde Häuschen und geschäftiges Treiben jenseits der Residenz, in der Bürgerstadt, zu halten.
Weihnachtsmarkt also und Advent und damit bekanntermaßen der klassische Moment innezuhalten, besinnlich durchzuatmen und versonnen in die Flamme der Bienenwachskerze zu blicken. Wie man sich zurzeit Maximilians, also zu Anfang des 17. Jahrhunderts, adventliche Gemütlichkeit vorstellte, zeigen hingegen anschaulich die sogenannten Monatsteppiche, die die Räume rund um den Kaiserhof und über dem gegenwärtigen Weihnachtsdorf schmücken. Wie die Bezeichnung schon vermuten lässt, handelt es sich um eine Serie von 12 großformatigen Bildteppichen, die die einzelnen Monate in Form von jahreszeitentypischen Beschäftigungen darstellen, wie man es ähnlich auch von Darstellungen an mittelalterlichen Kirchenportalen und aus Stundenbüchern kennt.

winter tapisserie residenz detail

Monatsteppich Dezember von Hans van der Biest nach Entwürfen Peter Candids, vollendet zwischen 1612 und 1614, Residenzmuseum, Raum 53

Ein Blick auf den Dezemberteppich lässt vermuten, dass auch um 1610 der Jahreswechsel in Bayern oft ohne Schneefall gefeiert wurde. Aber vielleicht sind die dargestellten Personen auch so relativ leicht bekleidet, weil sie mit schweißtreibender Arbeit beschäftigt sind – nämlich dem Schweineschlachten!
Eltern und Kinder knien über den zu Boden geworfenen Körper des Tiers, das noch wenig mit unseren rosigen Hausschweinen zu tun hat und mit seinem borstigen Fell eher heutigen Wildschweinen ähnelt. In einem Kübel wird das Blut aufgefangen und gerührt, im Hintergrund von einem weiteren Schweinekörper der Mantel aus Borsten abgesengt.

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Die ganze Szene hat wenig mit unserer Auffassung von festlicher Besinnlichkeit mit putzigen Knuddeltierchen zu tun. Wir wünschen selten, dass der tierische Protagonist des Disney-Weihnachtsfilms ein solches Ende erleidet. Dennoch ist klar, warum Maximilians Hofmaler, der Niederländer Peter Candid (um 1548-1628), der die Motive für die Monatsteppiche entwarf, diese Szene als Symbol des Dezembers gewählt hat: Der Wintereinbruch markiert das Ende der Mastzeit, in der sich die Schweine weitgehend selbstständig und nur von Hirten bewacht ihre Nahrung im Wald suchten. Mit Beginn der kalten und dunklen Jahreszeit wird das eingepökelte Schweinefleisch zum wichtigen Nahrungsmittel, das auch die Festtafel bereichert, mit Weihnachten als Auftakt und erstem Höhepunkt und der Fastnacht als Finale, bevor das Kirchenjahr im Frühling eine lange Fastenperiode verordnet, die erst wieder mit Ostern endet. Insofern zeigt der Dezemberteppich tatsächlich ein Bild froher Erwartung. Allerdings ist dies in seinem Wahrheitsgehalt mindestens so fragwürdig, wie die die Fotos glücklicher Kinder um den dekorierten und gedeckten Weihnachtstisch in unseren Illustrierten. Bäuerliches Leben sah zu Beginn des 17. Jahrhunderts anders aus, als es Candids Bild wohlgenährter Familien dem bayerischen Hof suggerierte. Nicht allzu viele von Maximilians Untertanen dürften ein solches Fest gefeiert haben, wie es auf dem Januarteppich zu sehen ist, der eine animierte Tafelrunde vor behaglich loderndem Feuer zeigt.

 

Aber selbstverständlich sollten die Teppiche Visionen eines idealen Zustands zeigen, denn wie so viele andere Kunstwerke dienten sie auch als Mittel der Repräsentation und Legitimation der Herrschenden. Dies zeigt nicht zuletzt das Wappen der Wittelsbacher, das unübersehbar den Rand jedes Teppichs schmückt.

winter tapisserie residenz wappen

Um die Residenz mit kostbaren Tapisserien auszustatten, ließ Maximilian eigens unter hohen Kosten Teppichwirker aus den Niederlanden nach München holen. Im Laufe der Jahre schufen sie auf ihren Webstühlen mehrere Serien, die zum Teil sogar reich mit Goldfäden durchwirkt wurden. Die Monatsteppiche verherrlichten nicht nur die Segnungen des guten Regiments, das den Jahres- und Lebenslauf der Untertanen sicherte, sie bildeten zugleich auch das beherrschte Territorium ab: Im Hintergrund der verschiedenen Darstellungen erscheinen die wichtigsten Städte Altbayerns. So sind auf dem Dezemberteppich die Mauern und Türme von Straubing zu sehen, wo im 17. Jahrhundert ein überregional bedeutender Viehmarkt stattfand, auf dem Zucht- und Schlachttiere verkauft wurden.

winter tapisserie residenz straubing

Die von Maximilian im Auftrag gegebenen Teppiche gehörten zum kostbarsten Inventar der barocken Residenz. Nur zu feierlichsten Anlässen wurden sie ausgepackt und an den Wänden der Prunkräume aufgespannt (übrigens über Bilder und Türen hinweg!). Diesem seltenen Gebrauch und der schonenden Bewahrung verdanken sie ihre Erhaltung bis heute. Und das ist allemal ein Grund zum Feiern – ein Fest für die Augen sowieso und also vielleicht auch ein Grund, kurz (oder lang) vor ihnen innezuhalten…

 

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