Residenz München
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Schöne Mütter und wohlgeborene Verehrer – eine Miniatur aus der Sammlung des Residenzmuseums

Münchener Residenzmuseum. Miniaturensammlung. Verlobung von Kurfürst Karl Albrecht und Maria von Wessobrunn. Franz Matthäus Schaeffler 1725–35.

Geschäftig, für heutige Augen aber auch rätselhaft geht es zu in dieser kleinen Gouache (= Malerei mit wasserlöslichen Deckfarben) auf Pergament, die sich in der Sammlung der Residenz befindet und im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand: Mehrere Dutzend Figuren und Figürchen knien, schweben und paradieren in teils drangvoller Enge umeinander herum. Kein Wunder, denn der verfügbare Raum ist beschränkt – nur rund 18 auf 11.5 cm misst die fein gemalte Miniatur, die das Angelöbnis des bayerischen Kurfürsten (und späteren Kaisers) Karl Albrecht (reg. 1726–1745) mit der „Schönen Mutter“ von Wessobrunn, d.h. der Jungfrau Maria, darstellt.

Das Gnadenbild Mutter der schönen Liebe aus Wessobrunn. Innozenz Metz um 1704.

Das Gnadenbild Mutter der schönen Liebe aus Wessobrunn. Innozenz Metz um 1704.

Es handelt sich dabei um das auch heute noch auf dem Seitenaltar der Wessobrunner Kirche ausgestellte Gnadenbild der mädchenhaften Gottesmutter mit demütig niedergeschlagenen Augen und geschmückt mit einem Kranz von Rosen und Lilien. Dieses in unzähligen zeitgenössischen Kopien und Reproduktionen weit über die Grenzen Altbayerns bekannte Gemälde hatte zu dem Zeitpunkt, als es auf unserer Miniatur umgeben von Engeln und verehrt vom knienden Kurfürst-Kaiser auftaucht, schon eine erstaunliche – selbstredend wundersame – „Karriere“ hinter sich: Begonnen entweder als Bild einer „weltlichen“ Prinzessin oder als Darstellung Mariens als stolze Himmelskönigin, verwandelte es sich unter dem Pinsel des benediktinischen Maler-Mönches Innozenz Metz (um 1640–1720) gleichsam aus eigenem Antrieb in ein Idealbildnis der „Ancilla Domini“, der demütigen „Magd des Herrn“. Die Legende berichtet, wie der erstaunte Künstler angesichts seines göttlich gelenkten Pinsels ausrief „Manhu! quid hoc?“ (wobei wir die Frage, ob dem frommen Maler das „Was ist das?“ tatsächlich gleichzeitig auf hebräisch und lateinisch entschlüpft ist, hier ruhen lassen – es waren halt gnadenreiche Zeiten). Und weiter: „Ich ersiehe eine übernatürliche Schönheit in diesem Bildnuß. O das ist nicht meine Hand, sondern eine himmlische“. Und auf dass er nach diesem göttlich inspirierten Treffer auch keine schwächeren Profanwerke mehr schüfe, ließ ihn der Herr in seiner Weisheit in diesem Moment erblinden – Hmm; soweit die Legende…

Kupferstich des Klosters Wessobrunn. Michael Wening um1701.

Kloster Wessobrunn (noch ohne Gnadenkapelle), Kupferstich von Michael Wening, aus „Historico-Topographica Descriptio“, Teil 1, S. 143–144, 1701.

Ins altehrwürdige Benediktinerkloster Wessobrunn gelangte das rasch hochverehrte Bildnis der „Mutter der schönen Liebe“ (dieser Ehrentitel geht auf eine Textstelle im apokryphen Bibelbuch des Jesus Sirach zurück) im frühen 18. Jahrhundert, wo es 1706 zunächst auf dem Hauptaltar der Klosterkirche aufgestellt wurde. Kurz darauf gründete der Wessobrunner Mönch Plazidus Angermayr eine Bruderschaft zu Ehren des Bildes und der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Diese wurde von Papst Clemens XI. bestätigt und zählte Mitte des 18. Jahrhunderts über 600.000 Mitglieder.

Spätestens hier kommen die Wittelsbacher ins Spiel, denn die besondere Marienfrömmigkeit gehörte traditionell zum Herrschaftsverständnis der bayerischen Kurfürsten. Verstärkt seit dem 16. Jahrhundert, seit Wilhelm V. (reg. 1579–1597) und seinem Sohn Maximilian I. (reg. 1597–1651) und dem intensiven Engagement der Herrscher für die Sache der Gegenreformation, war die Verehrung der Gottesmutter Teil des offiziellen Regierungsprogramm: Die Errichtung der Mariensäule auf dem Münchner Rathaus- (damals: „Schrannen“) Platz und die Platzierung der monumentalen Bronzemadonna von Hans Krumpper an der Residenzfassade, als weithin sichtbare Landespatronin durch Maximilian I. waren öffentlichkeitswirksame Zeichen, die das Herrscherhaus in diesem Sinne setzte.

Residenz München, Ansicht Westfassade 'Patrona Boiariae', Hans Krumpper, 1615

Maria als „Patrona Boiariae“, als Schirmherrin des bayerischen Stammes, Bronzeplastik an der Westfassade der Residenz von Hans Krumpper, Bartel Wenglein, 1616. © Bayerische Schlösserverwaltung

Dazu kamen Gesten privater Andacht wie die zu Lebzeiten geheim gehaltenen, mit dem eigenen Blut geschriebenen Briefe, in denen sich Maximilian und weitere Wittelsbacher der Madonna in der Altöttinger Gnadenkapelle überantworteten, an deren Altar sie auch ihre Herzen bestatten ließen.

Trotz ihres wenig repräsentativen Kleinformats gehört unsere Miniatur wohl eher zur Gruppe der offiziellen Kundgebungen: Anlass und Vorbild der Darstellung war nämlich die Aufnahme von Karl Albrechts Vater, des Kurfürsten Max Emanuel (reg. 1679–1726), in die Wessobrunner Bruderschaft und der 1723 vom gleichen Max Emanuel finanzierte Bau einer eigenen, prunkvollen Kapelle für das verehrte Gnadenbild.

Residenz München. Kurfürst Max Emanuel

Porträtgemälde von Karl Albrecht als König. Nymphenburg. Machtbewusst und begeisterte Verehrer schöner Frauen – spirituell und auch sonst: Vater Max Emanuel und Sohn Karl Albrecht. © Bayerische Schlösserverwaltung

Als Erbe und Nachfolger seines wenige Jahre danach verstorbenen Vaters trat Karl Albrecht gleichfalls in beide Verpflichtungen ein. Als Vorlage für die Münchner Miniatur lässt sich daher der auf weite Verbreitung zielende Kupferstich benennen, den der Augsburger Graphikünstler J. A. Friedrich d. Ä. um 1723 schuf und der eben Max Emanuel als Verehrer der Wessobrunner Jungfrau zeigt – mit dem identischen allegorischen Bildapparat, der im Stich wie auf der kleinen Gouache die fromme Stiftung und die Aufnahme in die Bruderschaft verherrlicht.

Münchener Stadtmuseum_Friedrich-J-Max-Emanuel

Max Emanuel als Verehrer der Wessobrunner Jungfrau. Kupferstich des Augsburger Graphikünstlers J. A. Friedrich d. Ä. um 1723. © Münchner Stadtmuseum

Unter einem Baldachin kniet der mit feierlicher Allongeperücke und reicher Kleidung aufgeputzte Kurfürst vor dem Gnadenbild der lächelnden Jungfrau, das Engel ihm wie das Verlobungsbild einer fürstlichen Braut unter dem bekrönenden Wittelsbacher Wappen präsentieren. Tatsächlich ähnelt die Bildkomposition stark den Darstellungen der „mystischen Verlobung“, in der ausgewählte Heilige das visionäre Einswerden mit Maria oder Christus als „Braut“ oder „Bräutigam“ als besondere göttliche Gnade erfahren.

Münchener Residenzmuseum. Miniaturensammlung. Verlobung von Kurfürst Karl Albrecht und Maria von Wessobrunn. Franz Matthäus Schaeffler 1725–35. Detail Karl AlbrechtHinter dem Kurfürsten präsentiert ein kleiner Putto auf einem Samtkissen die herrschaftliche Aufnahmeurkunde, die „Formula Votiva“, die (wie Angermeyer berichtet) in Karl Albrechts Bitte gipfelt: „Neme mich / O Schönste! Für einen ewigen Diener auf“
Im Hintergrund des Bildes formiert sich indessen eine Art Heerlager in bayerischem blau-weiß uniformierter Engelsknaben. Sie symbolisieren die übrigen Mitglieder der frommen Bruderschaft, die sich als Streitmacht für die Ehre der jungfräulichen Gottesmutter verstand und deshalb als „Militia Wessofontana“ bezeichnet wurde.

Münchener Residenzmuseum. Miniaturensammlung. Verlobung von Kurfürst Karl Albrecht und Maria von Wessobrunn. Franz Matthäus Schaeffler 1725–35. Detail MilitärparadeGleichzeitig wird wohl auch auf die zahlreichen Feldzüge Max Emanuels und Karl Albrechts angespielt, die hier als Militärkampagnen unter dem Schutz Mariens interpretiert werden. Allerdings muss die „Schöne Mutter“ wie in ihrem Porträt auch dabei mehrfach die Augen niedergeschlagen haben, denn beide Kurfürsten steuerten Bayern im 18. Jahrhundert in desolate Kriege hinein….

Münchener Residenzmuseum. Miniaturensammlung. Verlobung von Kurfürst Karl Albrecht und Maria von Wessobrunn. Franz Matthäus Schaeffler 1725–35. Detail Putti mit Architekturplan

Links im Vordergrund präsentieren Putti eine Architekturzeichnung, auf welcher der neue, von Max Emanuel gestiftete Gnadenaltar (Weihe 1724) für Wessobrunn zu erkennen ist: Ein zweigeschossiger Säulenbau mit Gottvater im Auszug und goldenen Engelsfiguren, die überschwänglich das separat gerahmte Gnadenbild den Gläubigen aus Wolken heraus präsentieren. Seitlich stehen zwischen Säulen die Eltern Mariens, Anna und Joachim. Im Zuge der Säkularisation im frühen 19. Jahrhundert, die auch Wessobrunn erfasste, wurden Altar und Kapelle abgerissen, so dass nur noch einige Kupferstiche und unsere Miniatur in der Miniatur zu den wenigen erhaltenen Bildzeugnissen dieses barocken Kunstwerks gehören.

Münchener Residenzmuseum. Miniaturensammlung. Verlobung von Kurfürst Karl Albrecht und Maria von Wessobrunn. Franz Matthäus Schaeffler 1725–35. Detail AltarNoch weiter links befindet sich auf unserem Blatt ein Bilddetail, das auf dem als Vorbild dienenden Kupferstich noch fehlt – nämlich ein Altar zu Ehren des heiligen Drachenkämpfers Georg, auf welchem der Kurhut ruht: 1729 hatte Karl Albrecht mit großem Zeremoniell den Ritterorden des Heiligen Georg als Wittelsbacher Hausstiftung neubegründet. Er sollte die Elite des bayerischen Adels unter dem Herrscher vereinigen. Erklärtes Hauptziel des Ordens war es, mit ritterlichem Eifer den Glaubenssatz der Unbefleckten Empfängnis Mariens zu verteidigen (der auch innerkirchlich über Jahrhunderte hinweg umstritten war). Der kniende Kurfürst selbst trägt das weiß-rote Kostüm und den silberblauen Mantel des Ordensmeisters, eine Ehrentracht, die gleichermaßen seine Position und die seines Hauses, wie auch die Gottesmutter verherrlicht.

Mit seiner Masse an Bildsymbolen wird die kleine Miniatur so einem picke-packe vollen Zeitdokument, das die enge Verbindung zwischen Krone und (in diesem Fall katholischen) Altar vor unseren Augen nachvollziehbar werden lässt!

 

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