Geheimnisse
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Hört! Hört? „Der hochseligen Fürstin Gehörwerkzeuge“ oder: Warum König Ludwig I. seine Mutter exhumieren ließ

Herzogin Auguste von Pfalz-Zweibrücken

Sie sind ungemein schön und fein ausgebildet, etwas kleiner und schmaler als man sie gewöhnlich bei schön geformten Frauen zu finden pflegt. Ihr Längen-Durchmesser beträgt 1 Zoll 2 ½ Linie des Pariser Maßstabs und der größte Querdurchmesser 1 Zoll“.

Nein, der Gegenstand dieser maßgenauen Huldigung bezieht sich nicht auf „anzügliche“ Körperregionen. Wir finden ihn gleich mehrere anatomische Stockwerke darüber: Es sind die „Gehörwerkzeuge“ – mit anderen Worten, die Ohren – der Herzogin Auguste von Pfalz-Zweibrücken, die 1832 in einer geheimen Akte des Großherzoglich-Hessischen Hofmarschallamtes in Darmstadt detailliert beschrieben wurden – und somit zu den vielleicht bestdokumentierten Sinnesorganen royaler Geschichtsschreibung zählen. auguste wilhelmine ohrenUnwillkürlich sucht man das bescheiden dimensionierte Portrait der jungen Wittelsbacherin nach Indizien ab. Die Arbeit des Malers Johann Friedrich Dryander, aufgehängt in den Charlottenzimmern der Münchener Residenz, ist das einzige Erinnerungsstück, das Besuchern des riesigen Palastkomplexes einen Eindruck von der Physiognomie Augustes vermitteln kann. Ihre Schönheit wurde von Zeitgenossen gepriesen. „Der Wuchs ist vollendet. Madame vereinigt mit einer schlanken Taille, einem angenehmen und interessanten Gesicht sehr starke dunkle Haare und Augenbrauen über großen blauen Augen“. So weit, so gut. Aber die Ohren? Ein winziger hautfarbener Punkt ist alles, was die modisch toupierten, von grauem Puder leicht bestäubten Haarmassen vom Gegenstand unseres Interesses preisgeben.

Wer also war Auguste und was machte ihre Ohren aktenkundig?

1765, in der Stunde ihrer Geburt, nötigte sie ihrer Tante, Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt, kaum mehr als einen Seufzer ab: „Wo soll man Ehemänner finden für neun Prinzessinnen in Darmstadt?“. Reicher Kindersegen stellte, im Gegensatz zu namhaften finanziellen Ressourcen, keineswegs einen Mangel im Herrscherhaus der protestantisch regierten Landgrafschaft dar. Caroline selbst hatte fünf Töchtern das Leben geschenkt, als eine erneute Niederkunft ihrer Schwägerin die Anzahl der Darmstädter „Prinzeßger“ auf stattliche neun Exemplare erhöhte – der fleischgewordene Alptraum eines jeden kleineren Fürstenstaates! Wie bereits ihre Schwestern und Cousinen zuvor, wurde denn auch dieses kleine Mädchen mit gemischten Gefühlen im Darmstädter Residenzschloss begrüßt. Für die Dynastie der Wittelsbacher – und somit die Geschicke Bayerns – sollte es jedoch eine nicht unwesentliche Rolle spielen: Auguste Wilhelmine Prinzessin von Hessen-Darmstadt wurde zur Stammmutter der bayerischen Könige. Und dennoch weitgehend vergessen.

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Die 19-Jährige hat ihren Zeichenstift zur Seite gelegt und erfreut sich des kleinen Bouquets, das ihr soeben überreicht worden zu sein scheint. Rose und Nelke, alte Symbole der Liebe und des Verlöbnisses, lassen keinen Zweifel über die Identität des Schenkenden zu: als der Zweibrücker Pfalzgraf Max Joseph 1785 – zunächst unbekannterweise – um die Hand Augustes anhielt, hatte man ihm ausdrücklich versichert, die hohe Dame sei „très mariable“. Den kaum zu überbietenden Karrieresprung ihres Gatten, der – o Fortuna – vom zweitgeborenen Sohn der Nebenlinie einer Wittelsbacher Nebenlinie zum ersten König von Bayern aufstieg, hat Auguste nicht mehr erlebt. Aber: ihr erstes Kind, der ersehnte Stammhalter, der als Ludwig I. den Thron besteigen und das Fortbestehen der Dynastie sichern sollte, kam pünktlich nach neun Monaten gesund zur Welt. Gesund? Nun ja… Ludwig, der in abgöttischer Liebe an seiner Mutter hing und ihres frühen Todes im Jahr 1796 regelmäßig mit Lyrik eigener Produktion gedachte, hatte von ihr geerbt, was Zeitgenossen als „Harthörigkeit“ bezeichneten. Mit den Jahren soll die Größe jener Hörrohre zugenommen haben, deren Hilfe sich der Monarch während seiner Ministerialkonferenzen bedienen musste.

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1832, Ludwig zählt 46 Lenze, entschließt er sich, dem Übel auf den Grund zu gehen. Genauer: in die Gehörgänge. Es ist der in Darmstadt beigesetzte Leichnam seiner „verewigten Mutter“ (Auguste ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit 36 Jahren tot), von dessen „Erhebung“ und genauer Untersuchung er sich Aufschluss über sein Gebrechen verspricht. Die Kommission, die beauftragt ist, „Folgerungen für die Schärfung des Gehörs bei dem einen oder anderen Mitgliede der Familie seiner Majestät des Königs zu ziehen“, besteht aus Professor Tiedemann von Heidelberg, Spezialist für Hörorgane, dem großherzoglich-hessischen Oberhofmarschall Freiherrn von Perglas, sowie, „Verschwiegenheit zu beobachten besonders in die Pflicht genommen“, Stadtbau- und Hofwerkmeister Lautenschläger nebst „Gehülfen“.

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Ungewöhnliche Einblicke

Als sie den mit Silbertuch beschlagenen Sarg am 21. Juli aufstemmen, finden sie „den Körper der höchstseligen Frau Mutter seiner Majestät mumienartig eingetrocknet“ und trennen – „mit aller Vorsicht“ – „das Haupt der Fürstin vom Rumpfe“. In einer Schachtel, von Bindfaden umwickelt und mit Baumwolle ausgekleidet, reist Auguste zu genauer Analyse ihrer „Gehörwerkzeuge“ nach Heidelberg. In seinem mehrseitigen Dossier schildert Professor Tiedemann detailliert die Etappen seines Vorgehens – und liefert der Nachwelt höchst ungewöhnliche Einblicke.

Die eingetrocknete Haut des Kopfes und Antlitzes mit den noch gut erhaltenen äußeren Ohren wurden gelöst. Nach Trennung der äußeren Ohren von den knöchernen Gehörgängen und nach sorgsamer Entfernung der in diesen befindlichen vermoderten Haut der Gehörgänge mittelst einer eingebrachten Sonde, zeigte sich das Paukenfell in beiden Ohren durch Verwehsung zerstört. Zwei Gehörknöchelchen, der Hammer und Amboss, lagen frei in der Paukenhöhle. Sie wurden herausgenommen, gesäubert und aufbewahrt. Hierauf wurde der Schädel mehrere Tage in Wahsen gelegt um die eingetrockneten und unter der Haut befindlichen verwesten Theile zu erweichen und zu entfernen. Die äußeren, obgleich eingetrockneten Ohren sind noch sehr wohl erhalten“.

Monate später kann er abschließend eine „sehr bemerkenswerte Abweichung„ von der Norm in Augustes Hörtrakten feststellen und teilt des Königs Leibärzten mit: „Wiewohl sich die Paukenhöhle wohlgebildet und von der gehörigen Geräumigkeit zeigte, ging den Knöchelchen des Steigbügels alle Beweglichkeit ab, um die Schwingungen des Paukenfells fortzupflanzen“. Eine Verwachsung, wahrscheinlich hervorgerufen durch eine chronische Entzündung in Kindertagen, hatte der hessischen Prinzessin Zeit ihres kurzen Lebens das Hören erschwert. Rückschlüsse, die auf eine Vererbung dieses Defektes hindeuten könnten, lassen sich jedoch nicht ziehen.

Einer standesgemäßen Rückführung des „theuren Hauptes“ nach Darmstadt, die im Oktober erfolgt, geht ein reger Briefwechsel zwischen dem Leibchirurgen des Königs und Professor Tiedemann voraus, der konstatiert: „Nach meinem unmaßgeblichen Bedünken verlangt der Anstand und die Achtung, die wir den Resten der höchstseligen Fürstin schuldig sind, dass die Überbringung durch einen mit dem Geheimnis vertrauten Mann in einem besonderen Wagen geschehe“. Sei es das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Dokumentation gewesen – oder die unbestimmte Verlegenheit ob dessen, was künftige Forscher-Generationen wohl angesichts einer Fürstenmumie mit abgetrenntem Schädel und abgezogener Haut denken mochten: Bevor sich der Sargdeckel wieder über der vervollständigten Auguste schließt, wird ihr der Autopsie-Bericht in einer silbernen Kapsel beigelegt.

Wie hatte König Ludwig noch einige Jahre zuvor in einem Gedicht gefleht: „O! Mutter! Zu dem Höchsten dorten bitte, dass solcher leite Deines Sohnes Schritte“. Man fühlt sich versucht hinzuzufügen: und gib‘ ihm eins auf die Ohren!

 

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