Residenz München
Schreibe einen Kommentar

„Und ich sag: Ab in den Süden“: Mit jambischen Sprüngen auf den Spuren von Carl Rottmanns italienischen Landschaften….

„Anders Natur und Gebräuche auch wo italienisch die Sprache/Schöner wird Alles, es spricht alles erheiternd uns an.“
Mit solchen erwartungsfrohen Worten startet die „Grand Tour“ in Bildern, auf die sich die Besucher der Residenz machen können, die den gewinkelten „Allerheiligengang“ betreten, der sich um den östlichen Teil des Brunnenhofs herumzieht. Und heben sollen sich nicht nur mit rhythmischem Klappern die Versfüße, sondern auch die eigenen, bzw. die Pferdhufe – denn der Weg ist weit, führt er doch über Tirol und die schroffen Alpen ins Sehnsuchtsland Italien, ganz den Stiefel hinab bis an die Küste des fernen Siziliens, das einstige „Großgriechenland“!

Unser Cicerone ist dabei niemand Geringeres als Bayerns König Ludwig I. (reg. 1825-1848), begeisterter Italienfan und Philhellene der ersten Stunde – sowie beängstigend produktiver Dichter von royalen Gnaden.

Ludwig I. als Kronprinz, J.K. Stieler zugeschrieben, Residenz Ellingen

Ludwig I. als Kronprinz, J.K. Stieler zugeschrieben, Residenz Ellingen

Angefixt von einer Idee seines ebenso kreativen wie alerten Hofarchitekten Leo von Klenze, der in Ludwigs Auftrag ab 1816 den Hofgarten der Residenz mit Arkaden einhegte, plante der König, in den neuen Wandelgängen für die Augen der Münchner Spaziergänger einen Zyklus von insgesamt 28 italienischen Landschaftsbildern als Wandmalereien entstehen zu lassen. Den Auftrag erhielt ein Protegé Klenzes, der 1797 bei Heidelberg geborene Carl Rottmann, dem damit sein erster großer Wurf als einer der bedeutendsten deutschen Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts gelang.

Unter den nordwestlichen Arkaden hatten Rottmanns Landschaften einst ihren Platz

Unter den nordwestlichen Arkaden hatten Rottmanns Landschaften einst ihren Platz

Auf einer ersten, privat finanzierten Italienreise 1827 und einer weiteren, durch ein königliches Stipendium geförderten Tour zwei Jahre später sammelte Rottmann Inspiration und konkrete Motive, die er dann bis 1833/34 in einen engen, versetzbaren „Atelier-Kasten“ gequetscht und im tragischen Wissen um ein rasch fortschreitendes Augenleiden unter den Arkadengewölbe an die Wand brachte. Von Klenze entworfene Ornamente, welche die bewunderten Wanddekorationen des antiken Pompeji imitierten, fassten die 28 Fresken ein. Als Krönung und Leitfaden wurde jedes Bild von kommentierenden Versen aus der erlauchten Feder des Königs selbst begleitet. Anscheinend ging die Idee von Rottmann aus, denn im Januar 1830 hielt Ludwig mit der ihm eigenen Syntax im Tagebuch fest: „Maler Rottmann mir eine große Landschaft dieser gemalt gezeigt […] Auf leeren Räumen Verse, immer ein Hexameter und ein Pentameter aus meinen Gedichten gewählt, die auf dargestellt werdenden Landschaften unter Hofgartenbogen von ihm al fresco zu malen, zu setzen schlug er vor“. Neben pflichtschuldigster Bewunderung fanden die blaublütigen Zweizeiler dann auch schnell viel Häme. Nicht zu Unrecht wurden der lustige Satzbau des Königs und sein Heißhunger auf Adjektive verulkt. Allerdings darf der Autor dieses Beitrags hier nicht viel kritisieren, „neigt doch selbst er – vielfach in diesem Blog und kundig erprobt – solch‘ Lastern mit Leidenschaft zu, mühend des Notebooks eckige Tasten mit fliegender Hand, das Komma verachtend“. Deshalb nur: natürlich sind Ludwigs Verse keine Weltliteratur: Sprüche wie „Näher der Heimat nicht als Sizilien ist Reggio dem Deutschen,/Doch weil dazwischen kein Meer, glaubt er halbwegs sich heim“ fallen nicht unter Dichtung, sondern allenfalls unter Navigation. Andererseits war der Schritt des Königs, als (poetischer) Künstler an die Öffentlichkeit zu gehen, unter dem Gesichtspunkt der „Public Relation“ ein schon damals interessantes Konzept und kann sich gegenüber so manchem peinvollem Social Media-Desaster heutiger Politprominenz doch recht ordentlich behaupten.

Konzipiert war der Zyklus zunächst als ein Panorama des geliebten Traumlandes, die zugleich eine Kulturreise in die Vergangenheit sein sollte, zurück zu den Ursprüngen des gegenwärtigen klassizistischen Kunstideals: Über Florenz, die Wiege der Renaissance und Rom, die Bewahrerin des antiken Erbes, hin in die alte „Heimat“, das „griechische“ Sizilien.

Rottmann, Theater von Taormina: „WO EINST MÄCHTIG ERGRIFFEN DIE TAUSEND UND TAUSENDE SASSEN/ FLIEHET DIE EILENDE ZEIT EINSAM BESTÄNDIG VORBEI.“

C. Rottmann, Theater von Taormina: „WO EINST MÄCHTIG ERGRIFFEN DIE TAUSEND UND TAUSENDE SASSEN/ FLIEHET DIE EILENDE ZEIT EINSAM BESTÄNDIG VORBEI.“

Ziel war also weniger eine anekdotenhafte Vedutenmalerei mit viel „Dolce Vita“ und „Far niente“, sondern idealistische Programmkunst. Und das war gut so – denn zum einen eignet sich die Freskomalerei mit ihrer eingeschränkten Farbpalette und dem durchgeplanten, nachträglich nur schwer korrigierbaren Malprozess überhaupt nicht für kleinteilige Naturbeobachtung und atmosphärische Darstellung des viel bewunderten „südlichen Lichts“. Zum anderen deckte sich diese Programmatik mit Rottmanns eigener künstlerischer Vision, der pittoreske Genreszenen („italienisches Markttreiben“) hasste und seine Szenerien nicht als topographische Porträts verstand, sondern letztlich als Ideen-Metaphern. Seine Landschaftsausschnitte wird man in der von ihm gegebenen Form vor Ort daher kaum finden: Ähnlich wie die Meister der „heroischen Landschaftsmalerei“ vor ihm monumentalisierte er die vorgefundene Ansicht und fasste sie zusammen, um den Eindruck eines ewig Gültigen zu schaffen, in dem die hochgradig stilisierte Landschaft ganz zum Ausdruck wird – des Geschichtlichen zum Beispiel.

Allerdings sollte sich diese ursprüngliche Konzeption Im Laufe der Planungen nochmals charakteristisch verschieben. Vor allem im Verbund mit Ludwigs Doppelzeilern wandelte sich der Hofgartenzyklus mehr und mehr zu einem persönlichen Erlebnisdokument des königlichen Auftraggebers: Die „Menschheitsreise“ wurde zur „Wittelsbacher Tour“, die – gewissermaßen einander stellvertretend – dieselbe Richtung nahmen. So gingen die formal inhaltslosen Landschaftsbilder auch besser mit dem historischen Bilderzyklus zusammen, den Peter von Cornelius und seine Schüler in den südlich angrenzenden Arkadenabschnitten freskierten und der mit viel Kostüm und Schwerterklang die historischen Verdienste des Herrscherhauses ins rechte Licht rückte.

C. Rottmann, Trient

C. Rottmann, Trient

Erkennbar wird die Neugewichtung an mehreren Stellen innerhalb des Zyklus: So musste das schon fertige „Eröffnungsbild“, das den Leuchtturm von Genua zeigte, am Ende wieder abgeschlagen werden, weil der Übertritt nach Italien von Bayern aus eben über Tirol und Trient erfolgte ( – für Rottmann keine ganz große Katastrophe, weil er mit dem Genua-Fresko sowieso nicht zufrieden gewesen war). Auch die schroffen Alpenhänge, die über das Tal der Etsch und das winzig im Sonnenlicht kauernde Kirchlein der „Veroneser Klause“ ragen, kamen nicht so sehr als touristisches „must-see“ an die Wand, sondern weil hier dynastisch Relevantes gezeigt werden konnte: Schließlich hatte die militärische Sicherung dieses Gebirgspasses für das durchziehende Heer Kaiser Friedrich Barbarossas dem Stammvater Otto von Wittelsbach im Jahre 1155 das bayerische Herzogtum eingebracht!

C. Rottmann, Veroneser Klause: „WITTELSBACHS OTTO DER GROSSE, ERHABENER KÄMPFER FÜR TEUTSCHLAND!/ DIESE ALPEN, SIE SIND EWIGES DENKMAL VON DIR.“

C. Rottmann, Veroneser Klause: „WITTELSBACHS OTTO DER GROSSE, ERHABENER KÄMPFER FÜR TEUTSCHLAND!/ DIESE ALPEN, SIE SIND EWIGES DENKMAL VON DIR.“

Auch die Insel Ischia, wo der König angenehme Kuraufenthalte verbracht hatte (und ihn 1832 die Nachricht erreichte, dass sein Sohn Otto zum griechischen König erwählt worden sei), ist großzügig mit Motiven vertreten. Perrugia verbindet sich mit der erotisch prickelnden Erinnerung an die ausdauernd angebetete Marchesa Marianna Fiorenzi, die dort in der Nähe ein Landgut bewohnte („Herrliches ist in dir, Perrugia, enthalten…“). Auf dem Fresko „Messina“ ist man sogar geneigt, die königliche Reisegesellschaft selbst zu erkennen. Ist in dem vereinzelten Reiter, der sich rückwendend den Hut zieht, Ludwig selbst dargestellt, der Abschied von der geliebten Insel nimmt?

C. Rottmann, Messina: UM ALS SIZILIENS HAUPTSTADT ZU GLÄNZEN, WÜRDEST, MESSINA/ DU DIE WÜRDIGSTE SEIN, HÄTTE PALERMO ES NICHT.

C. Rottmann, Messina: UM ALS SIZILIENS HAUPTSTADT ZU GLÄNZEN, WÜRDEST, MESSINA/ DU DIE WÜRDIGSTE SEIN, HÄTTE PALERMO ES NICHT.

Auf jeden Fall dokumentieren die beiden Maultier-Sänften die üblen, für Kutschen ungeeigneten Straßenverhältnisse und erinnern daran, dass eine sizilianische Reise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch ein unbequemes Abenteuer größeren Ausmaßes darstellte – auch der reiselustige Goethe hatte knapp fünfzig Jahre zuvor kaum noch geglaubt, das Festland jemals wieder lebendig zu erreichen!
Über das biographische hinaus gesteigert zu mythologisch-historischer Bedeutung wird die königliche Reise durch malerische oder dichterische Reminiszenzen an die sagenhaften Geschehnisse, deren Zeugen die bewunderten Landschaften einst waren: So lässt Rottmann eine dämonische Schlange die Orakelhöhle der weissagenden Sybille am düsteren Averner See bewachen, der den Römern als Eingang zur Unterwelt galt.

C. Rottmann: WO DER UNTERWELT DÜSTEREN EINGANG DAS ALTERTHUM SETZET,/ WANDELN IM LICHT DER NATUR JETZO DIE MENSCHEN VORBEI.

C. Rottmann: WO DER UNTERWELT DÜSTEREN EINGANG DAS ALTERTHUM SETZET,/ WANDELN IM LICHT DER NATUR JETZO DIE MENSCHEN VORBEI.

Ein paar Bildstationen weiter steuert ein Schiff mit fliegenden Segeln auf die gefährliche Meerenge zwischen „Scylla“ und „Charybdis“ zu, die laut Homer schon dem alten Odysseus beinahe den Garaus gemacht hätte, der doch erst kurz zuvor den „Zyklopenfelsen“ hatte ausweichen müssen, den der erboste Riese Polyphem ihm nach ins Meer schleuderte: Rottmann scheint das knorrige Profil des einäugigen Zyklopen im Umriss der vordersten Klippe eingeschrieben zu haben!“.

C. Rottmann, „Scylla“

C. Rottmann, „Scylla“ und „Zyklopenfelsen“

Als der Zyklus 1833 enthüllt wurde, war das Lob (zumindest mit Blick auf Rottmanns künstlerische Leistung) überaus positiv. Dennoch gab es fast sofort Fälle von Vandalismus zu beklagen, die auch auf historischen Aufnahmen noch gut dokumentiert sind und Ludwig I. tief erbosten: „…Himmelsapperment, rief ich aus, die großen kreuzweisen Striche auf das Terracina darstellend, mir in die Augen fielen“ (Tagebucheintrag vom 19.8.1838).

C. Rottmann, Terracina

C. Rottmann, Terracina

Ihre wirkliche Prüfung erlebten die Wandmalereien aber im Zweiten Weltkrieg: Kurz vor der endgültigen Zerstörung wurden die Putzplatten mit den Fresken unter den bereits schwer beschädigten Arkaden in aller Eile und unter großen Verlusten von der Wand abgelöst und gesichert. Heute schmücken die von dieser Tortur dauerhaft gezeichneten Gemälde auf neue Träger montiert die Wände des Allerheiligengangs. Seit mehreren Jahren werden sie eins nach dem anderen restauriert und in ihrem Bestand gesichert. Derzeit erfahren die „Ruinen Roms“ ihre Verjüngungskur. Mittelfristiges Ziel ist es, unsere „Italienische Reise“ den Besucherinnen und Besuchern in einem Rahmen vorzustellen, der der kulturhistorischen und künstlerischen Bedeutung dieses wichtigen Landschaftszyklus des 19. Jahrhunderts gerecht wird, denn: „In Hesperiens Gärten geht man hier ein, es greifet Jubel den Geist, die Natur jubelt entzückt mit ihm“…

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.