Geheimnisse
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Herzogin Luise in St. Wendel – „Landesmutter“ einer coburgischen Exklave

herzogin luise coburg

Ein Gastbeitrag von Dr. Josef Dreesen,
Stadtarchivar von Sankt Wendel

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen unserer Blogserie anlässlich des Jubiläumsjahres „200 Jahre Albert und Victoria von Coburg“. Heute im Fokus: Prinz Alberts Mutter Luise und ihr tragisches Schicksal.


 

Als sich am 31. Juli 1817 Ernst I. und Herzogin Luise im Thronsaal des Schlosses Friedenstein das Ja-Wort gaben, wurde diese Hochzeit nicht nur in Coburg und Gotha gefeiert – sondern auch im fernen St. Wendel. Damals ahnten wohl weder die junge Luise noch die Einwohner St. Wendels, dass eben St. Wendel, vier Tagesreisen von Coburg entfernt, im tragischen Leben der Herzogin eine nicht unbedeutende Rolle spielen sollte.

Doch warum St. Wendel, heute die Kreisstadt des saarländischen Landkreises St. Wendel?

Für seine Teilnahme an den Befreiungskriegen gegen Napoleon erwartete Ernst territoriale Entschädigung. Diese erhielt er auch, jedoch ganz anders, als er es sich ausgemalt hatte. Denn nicht die erhoffte Ausdehnung seines Stammlandes war sein Lohn, sondern ein weit entfernter, ihm unbekannter linksrheinischer Landstrich zwischen den Flüssen Nahe und Blies mit 25.000 Einwohnern, zusammengesetzt aus Gebieten einstiger Dynastien, die die französischen Revolutionstruppen mehr oder minder hinweggefegt hatten. Ein kleiner Flickenteppich am Hunsrück war sein neuer, ungewollter Besitz. Ernst nahm dennoch an, widerwillig, versuchte jedoch von Beginn an, seinen Gewinn zu verkaufen, zu tauschen. Vorerst ohne Erfolg. 1819 erhob er seinen neuen Besitz zum Fürstentum Lichtenberg, benannt nach einer Burg bei Thallichtenberg, heute im Landkreis Kusel (Rheinland-Pfalz).

Karte Lichtenberg - Bruch ba

Karte des Fürstentums Lichtenberg. Stadtarchiv St. Wendel, Kartensammlung Bruch Nr. 1.

Erst 1821 gab Ernst dem Fürstentum ein eigenes Wappen, eine Verfassung, Landesorganisation, einen Landrat, also eine ständische Vertretung. Jedoch strich er in der im August 1821 eingeführte neue Coburger Verfassung ausdrücklich alle Bestimmungen, die das Fürstentum betrafen – Lichtenberg gehörte nicht zu seinem Herzogtum Sachsen-Coburg-Saalfeld, das machte er damit deutlich. Politische Mitspracherechte beschnitt Ernst. Dabei schrieb ihm bereits 1817 der St. Wendeler Bürgermeister Carl Cetto, Ernsts neue Landsleute seien „Unterthanen, die ihre Menschwürde sehr wohl fühlen und denen die persönliche Freiheit ein Bedürfnis sei. (…). Als Folge, der in ihrer Zahl als in ihren Wirkungen so vielfältigen Ereignisse unserer Tage sind Edelleute kein Zeitbedürfniß mehr, wohl aber sind es edle Menschen.“ Doch Ernst, ein Herrscher der alten Schule, Anhänger der Restauration, wollte nicht hören. Gut genug waren seine neuen Untertanen lediglich zum Auffüllen der coburgischen Kassen. Das wiederum gefiel den Lichtenbergern nicht. Spannung lag in der Luft.

Auch in der Ehe kriselte es.

Nach der Geburt des Erbprinzen Ernst am 21. Juni 1818 und des zweiten Sohnes Albert (Albrecht) am 26. August 1819 schien Ernst I. zunehmend das Interesse an seiner jungen Frau verloren zu haben, in fremden Betten Abenteuer und Abwechslung gesucht haben. Ein offenes Geheimnis, von dem auch seine junge Ehefrau wusste. Und die sich bitterlich beklagte:

„Das Vergnügen, was eine andere dir verschafft, kann dich ja doch nicht wahrhaft freuen, da es Sünde ist!“

Appelle, die auch hier auf taube Ohren stießen. Doch für Luise, einer selbstbewussten jungen Frau, sollte es noch schlimmer kommen: Ein Verhältnis wurde ihr am Hofe unterstellt. Eine Intrige? Möglicherweise. Ernst sah keine andere Wahl und verbannte seine Frau, so weit weg wie irgend möglich – in seinem Falle bedeutete dies: nach St. Wendel. Zwei Fliegen mit einer Klappe wollte er schlagen: Die unbequeme Luise fortschaffen, für Ruhe an seinem Hof sorgen – und für Ruhe in St. Wendel. Und seine Rechnung ging auf: Etwas Glanz brachte die Herzogin in die kleine Stadt an der Blies, als sie im November 1824 eintraf, schloss die Einwohner schnell ins Herz, wurde von den Einwohnern schnell ins Herz geschlossen, obwohl sie direkt nach ihrer Ankunft an Ernst schrieb:

„Am ersten Tag wurden mir die Herrn vorgestellt und Gestern Abend die Damen, manche kuriose Figuren waren darunter, doch behielt ich trotz mancher Anregung von Lachen meine Würde bei, selbst als man mich von geflickten Hemden u.s.w. unterhielt.“

Herzogin Luise als „Landesmutter“ einer coburgischen Exklave

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Statue der Herzogin Luise vor ihrem Wohnhaus in St. Wendel von Kurt Tassotti. Foto: Nicolas Pontius, Stadtarchiv St. Wendel.

Die Herren und Damen in St. Wendel sahen in Luise ihre Landesmutter, die sich dank ihrer sozialen Ader in der Armenfürsorge engagierte, die dank ihres Gefolges Geld in die Stadtkassen spülte. Über 2000 Gulden im Jahr steckte Luise in die städtische Armenfürsorge – zum Vergleich: Das Jahreseinkommen hoher Sachsen-Coburger Regierungsmitglieder in St. Wendel betrug rund 1800 bis 2200 Gulden. Daher reagierten die St. Wendeler auch empört, als Gerüchte laut wurden, Luise wolle – zwischenzeitlich waren Ernst und Luise geschiedene Leute, Luise heiratete 1826 Maximilian von Hanstein – die Stadt verlassen.

Gehen sollte sie schon bald, leider für immer. Denn während eines Aufenthaltes in Paris starb sie an Gebärmutterkrebs. Luise, die nach ihrer Verbannung ihre Söhne nie wieder sah, die in einer fremden Stadt etwas Glück fand. Einer Stadt, in der man sich bis heute an sie erinnert.

 

Header Foto: Herzogin Luise mit ihren zwei Söhnen, von Ludwig Döll, Gotha 1823/24. Schloss Ehrenburg, Coburg.


Anlässlich des Festjahres „Albert und Victoria von Coburg“ gibt es bei uns ein spannendes Jubiläumsprogramm. Alle Informationen dazu findet Ihr auf unserer Webseite.

 

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