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Weggestellt und vergessen?

Sonderausstellung Unbekannte Schaetze

Die Sonderausstellung „Unbekannte Schätze. Möbel und Kunstwerke aus den Depots der Bamberger Residenz“ diskutiert, warum zum Teil auch kunsthistorisch durchaus bedeutende Objekte nicht dauerhaft in der Neuen Residenz gezeigt werden können. Sie zeigt, dass es sich lohnt, der eigenen Sammlung im Haus größeren Raum einzuräumen.  


 

Sonderausstellung Unbekannte Schaetze, Stuehle

Sonderausstellung „Unbekannte Schätze. Möbel und Kunstwerke aus den Depots der Bamberger Residenz“, 2020.

Allerorten schallt es aus den Museen: Die Ära der Blockbuster-Ausstellungen ist vorbei! Endlich genug Zeit, sich auf die eigene Sammlung zu konzentrieren.

Auch wenn die Neue Residenz in Bamberg mit ihren Prunkappartements und der Staatsgalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen als ständigen Einrichtungen zugebenermaßen ohnehin noch nie in den Verdacht gekommen ist, sich am „Höher Schneller Weiter“ der internationalen Kunstwelt zu beteiligen, liegt sie mit dem neuen Sonderausstellungskonzept, das regelmäßig Stücke aus dem Depot präsentieren soll, plötzlich – und zugegebenermaßen unerwartet – voll im Trend.

Sonderausstellung Majestaeten Koenigskinder Verfassungsvaeter

Sonderausstellung „Majestäten, Königskinder, Verfassungsväter. Die Neue Residenz im langen 19. Jahrhundert“, 2019.

So wurde letztes Jahr aus Anlass des 100. Jubiläums der Bamberger Verfassung unter dem Titel „Majestäten, Königskinder, Verfassungsväter. Die Neue Residenz im langen 19. Jahrhundert“ in einer Sonderausstellung – auch mit Leihgaben, in der Hauptsache aber mit Objekten aus dem eigenen Bestand – an die Nutzung der Residenz in nachfürstbischöflicher Zeit erinnert. Für dieses Jahr war als Vorlauf des feierlichen Abschlusses der langjährigen Sanierung der Residenz und der Neukonzeption des Fürstbischöflichen Appartements eine Ausstellung ausschließlich mit Objekten aus den Bamberger Depots geplant. Auch wenn durch die Corona-Krise nahezu alle Veranstaltungen und Sonderführungen abgesagt werden mussten – die Sonderausstellung konnte planmäßig Anfang Juli eröffnet werden.

Was ist ausstellungswürdig?

Sie ist ein Fingerzeig für die zukünftige Ausstellungstätigkeit in der Neuen Residenz. Die Ausstellungsarchitektur lässt sich an einen komplett gewechselten Objektbestand anpassen. Sie ist vielseitig einsetzbar und offen genug, um mit dem Tausch einzelner Objekte und Beschriftungen auch neue Perspektiven generieren zu können. Interaktive Elemente wie ein Kinderhörparcours sind vorhanden, müssen allerdings in Corona-Zeiten noch auf ihren Einsatz warten.

Audienzzimmer Kaiserappatement

Das Audienzzimmer des Kaiserappartements noch weitgehend in der Möblierung Heinrich Kreisels (oben) und nach der Neukonzeption 2009 (unten).

Eine umfangreiche Sammlung wie jene der Bamberger Residenz kann in meinen Augen mehr leisten als die reine Möblierung von Prunkappartements, was selbstverständlich auch weiterhin die Königsaufgabe des zuständigen Museumsreferenten bleibt. Sie kann dabei helfen, den Blick auf historische Zusammenhänge zu schärfen. Die Frage, warum einzelne Objekte bei der Neumöblierung in den 1920er/30er Jahren im Depot landeten, ist nicht zuletzt auch die Frage nach der jeweiligen (Be-)Wertung vergangener Epochen. Wenn bei der jüngsten Neuaufstellung des Kaiserappartements im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts auf einmal Inventare und Fotografien aus der Zeit des Erbprinzenpaares Rupprecht und Marie Gabriele um 1900 zum Maßstab der Präsentation wurden, dann auch deswegen, weil diese Epochenschwelle zur Zeit der Einrichtung bereits 100 Jahre zurücklag – und damit wieder historisch und bildwürdig geworden war.

Es war einmal ein Empfangssalon

Trotzdem produzieren solche musealen Setzungen ebenso wie bauliche Veränderungen Objekte, die erst einmal ins Depot wandern, die im wahrsten Sinne des Wortes entortet werden. In der Sonderausstellung „Unbekannte Schätze“ wird dieses Thema anhand eines spezifischen Raumes exemplarisch durchgespielt. Gezeigt wird der Empfangssalon des Erbprinzen Rupprecht um 1900. Rupprecht, der Enkel des Prinzregenten Luitpold, und dessen Braut Herzogin Marie Gabriele in Bayern sollten nach ihrer Hochzeit das Königshaus in Franken repräsentieren und die Neue Residenz beziehen. Der Aufenthalt des Prinzenpaares, das sich in Bamberg zu beengt gefühlt hatte, dauerte jedoch insgesamt nur ein knappes Jahr.

Empfangssalon

Der Empfangssalon Erbprinz Rupprechts um 1900 (oben) und der Empfangssalon als Museumsraum in der Sonderausstellung „Unbekannte Schätze“ (unten).

Der Empfangssalon des Erbprinzen war um 1900 einer der am prachtvollsten ausgestatteten Räume der Neuen Residenz. Er befand sich im Anschluss an die Raumflucht des Kaiserappartements im Bereich der heutigen Staatsbibliothek, durch deren Einbau das Raumensemble an dieser Stelle gestört wurde.

Eine prachtvolle klassizistische Sitzgarnitur, die Büste seines Großvaters Luitpold und ein monumentales Schlachtengemälde: All diese Objekte verloren nach Rupprechts Auszug und erst recht nach den Umbaumaßnahmen des 20. Jahrhunderts ihren ursprünglichen Aufstellungsort. Sie wanderten entweder ins Depot, oder wurden in anderen Ausstellungskontexten wiederverwendet.

Jede Neukonzeption generiert Depotstücke

Noch schlechter traf es die Ausstattung der Bamberger Exilregierung 1919. Aus den Inventaren ist kaum mehr nachzuvollziehen, wie genau sich die Regierung behelfsmäßig für ihren nur wenige Monate dauernden Aufenthalt eingerichtet hatte. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden die zugehörigen Möbel, falls denn überhaupt etwas neuangeschafft wurde, später als weitgehend wertlose Gebrauchsmöbel eingestuft, wieder veräußert oder als Büroeinrichtung verwendet. Bildwürdig waren für die Museumsmacher in den 1920er Jahren eben ausschließlich die fürstbischöfliche Zeit des Barock und Klassizismus sowie in Ansätzen noch die Bamberger Hofhaltung König Ottos und seiner Gemahlin Amalie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dem Königspaar und ihren Hinterlassenschaften widmete man immerhin zwei Räume des Fürstbischöflichen Appartements sowie einen musealen Sammlungsraum, der später allerdings wieder ausgeräumt wurde.

Gemaelde Residenz Bamberg

Die Heilige Familie von Johann Kupetzky auf dem Weg in die fürstbischöfliche Privatkapelle …

Und heute? Auch die Neukonzeption des Fürstbischöflichen Appartements, deren Umsetzung sich in den letzten Zügen befindet, ist selbstverständlich nichts anderes als eine museale Setzung. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, als Leitlinie der Einrichtung nicht den einen, ideal passenden Zeitschnitt zu wählen, sondern die Vielfalt historischer Schichten anhand einer Präsentation der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zu zeigen; sprich, die gewachsenen historischen Schichten, die bis zur Konzeption der 1920er Jahre reichen, auch als solche zu belassen und wo möglich behutsam auf den Stand früherer Inventare zurückzuführen. Auch diese Konzeption wird wiederum Depotstücke generieren, die es verdient hätten, in der Dauerausstellung gezeigt zu werden. Künftige Sonderausstellungen mit Entdeckungen aus dem Depot sind also gleichsam vorprogrammiert.


Die Sonderausstellung „Unbekannte Schätze. Möbel und Kunstwerke aus den Depots der Bamberger Residenz“ ist noch bis Ende September während der Öffnungszeiten der Neuen Residenz Bamberg zu besichtigen. Der Eintritt ist im normalen Residenzticket inbegriffen.

 

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