Hinter den Kulissen

Ein frühbarockes Tintenzeug – ein zufälliger Fund auf der Burg Prunn

Tintenzeug Burg Prunn Ausstellung

Bei Arbeiten in der Burg Prunn fand der Kastellan per Zufall ein gut erhaltenes Tintenzeug. Auf der folgenden Abbildung sieht man das noch verunreinigte Fundstück in allen Einzelteilen: in der Mitte der Korpus, rechts der Sandstreuer und links der Rest des Tintenfasses.

Tintenzeug Burg Prunn

Zu einem Tintenzeug gehören, neben dem Korpus, der dekorativ aussehen soll, immer ein Tintenfass und ein Sandstreuer, die in die runden Aussparungen des sonst hohlen Korpus eingehängt werden. Mit dem Sand wurde die noch nasse Tinte, die mit einem angespitzten Federkiel aufs Papier gebracht wurde, durch Aufstreuen fixiert und getrocknet. Die Ablage vorne diente zum Niederlegen des Federkiels.

Bei unserem Tintenzeug handelt es sich um eine Fayence. Der beige Tonscherben ist mit grün marmorierter Glasur überzogen. Diese Art der Glasuren findet man gehäuft im süddeutschen und südtiroler Raum. Vergleichbare Tintenzeuge weisen auf ein Entstehungsdatum um 1675 hin.

Neben sehr feinen Tintenzeugen, die so wertvoll waren, dass sie nur für den höfischen Gebrauch geeignet waren, gibt es auch schon früh solche „irdenen“ Tintenzeuge, die hübsch anzusehen, für das gehobene Bürgertum gefertigt wurden.

tintenzeug sevres meissen

links: Prunkschreibzeug der Madame Pompadour; Manufaktur Sèvres 1756; in der Residenz München; rechts: Prunkschreibzeug der Manufaktur Meissen; um 1870; ausgestellt in Schloss Linderhof

tintenzeug höchstädt

Weitere Beispiele von Fayencetintenzeugen aus den 18. Jahrhundert verschiedener Manufakturen, ausgestellt im Fayencemuseum in Schloss Höchstädt

Der Korpus ist bis auf einige Gebrauchsspuren sehr gut erhalten, während der Sandstreuer etwas gelitten hat und das Tintenfass doch sehr beschädigt wurde. Um das dekorative Fundstück gefälliger museal in einer Vitrine in der Burg Prunn präsentieren zu können, kam es zur Bearbeitung in die Keramikrestaurierung der Bayerischen Schlösserverwaltung.

Dort wurde es zunächst dokumentiert und von Verunreinigungen befreit. Tintenspuren und andere Gebrauchssuren wurden jedoch belassen, da dies interessante Hinweise auf den früheren Gebrauch geben könnte. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen kann man so auf Reste alten Materials, wie z.B. hier die Tintenreste, zurückgreifen.

Das beschädigte Tintenfass und der Sandstreuer wurden so belassen wie sie waren, und es wurden in Absprache mit der zuständigen Referentin für Keramik ein neues Tintenfass und einen Deckel rekonstruiert. Eine Rekonstruktion setzt immer gewisse Überlegungen, Recherchen und Nachforschungen, wie diese historisch ausgesehen haben könnten, voraus. Für die Rekonstruktion des Tintenfasses wurde von dem vorhandenen Sandstreuer eine Silikonform angefertigt und mit Formmasse nachgegossen.

tintenzeug silikonformen

Auf der obigen Abbildung sieht man die hellblauen Silikonformen, die mit der noch weichen Gießmasse befüllt sind. Rechts sieht man den Kaffeedeckel, der für die Nachformung des Deckels verwendet wurde.

Der weiße Rohling wird nach dem Aushärten weiterbearbeitet, das heißt: er wird geschliffen, angepasst, eventuell werden Details anmodelliert. Es handelt sich hierbei nicht um keramisches Material, sondern ein mit Wasser vermengtes Pulver, das weichflüssig ist und dann aushärtet. Dieses Medium ist speziell für die Keramikrestaurierung geeignet.

Der fertige Rohling wird am Ende retuschiert. Die Retusche hat nichts mit Glasur zu tun, da diese ja eingebrannt ist. Sondern es wird mit Lack, lichtechten Pigmenten und Lasuren der optische Eindruck der Glasur imitiert. Die Herausforderung liegt hierbei zum einen darin, den Farbton zu erwischen, aber auch die Verläufe, Opazität, Struktur und Glanz imitativ nachzuvollziehen. Ein Effekt, der bei der Glasur durch das Schmelzen zufällig hervorkam, muss nun mit Hand und Pinsel bewusst nachgemalt werden, ohne „bemüht“ auszusehen. Vieles, was beim schlichten Hinsehen wie ein einziger Farbton wirkt, besteht in Wirklichkeit für das scharfe Auge aus einem Zusammenspiel und Ineinanderfließen unterschiedlichster Farben.

Tintenzeug Burg Prunn

Zunächst wurde die ganze Replik mit einem hellen Grünton überzogen, wie man in der Abbildung oben sieht. Dieser helle Grundton scheint nach Auftrag der Lasuren jeweils mehr oder weniger durch.

Tintenzeug Burg Prunn

Tintenzeug Burg Prunn

Durch eine spezielle lasierende Nass-in-Nass-Technik, die in vielen Schichten aufgetragen wird, wird die grünen marmorierte Glasur nachempfunden. Um der Ergänzung ein hochglänzendes Finish zu geben, werden mehrere Schichten Hochglanzlack aufgetragen. Die Abbildung zeigt die Arbeiten während der Retusche. Auf der Mischkarte erkannt man verschiedene Farbmischungen, die zum Einsatz kamen.

Für den Deckel wurde der obere Teil eines anderen Deckels mit Knauf von einer Kaffeekanne, der optisch gut zum Tinten Zeug passt, mit Silikon abgeformt und ebenfalls mit der Gießmasse abgegossen. Auch dieser Rohling wurde nachbearbeitet; es wurde hier zum Beispiel ein kleiner Wulst am Rand nachträglich anmodelliert. Bei der Retusche und dem Lackieren wurde entsprechend vorgegangen wie beim Sandstreuer.

Tintenzeug Burg Prunn

Mit den beiden ergänzten Details kann nun das Tintenzeug je nach Wunsch in verschiedenen Varianten präsentiert werden. Kleine Glasurausbrüche am Korpus wurden bewusst belassen, da diese Gebrauchsspuren sind, die keine wirkliche Beschädigung oder optische Beeinträchtigungen darstellen. Das fertige Objekt könnt ihr gerne auf der Burg Prunn besichtigen.

 

Literaturempfehlung

„Mit Federkiel, Tinte und Streusand. Keramische Schreibzeuge aus vier Jahrhunderten“ in „Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 27/2011, S. 232-241). Dort werden ähnliche Schreibzeuge aus Tirol bzw. Südtirol von dem Österreichischen Volkskundemuseum in Wien präsentiert (S. 236-237).