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„Der vollkommene Pferde-Kenner“ – Ein Handbuch für barocke Pferdefreunde

der vollkommene Pferdekenner

Gegen Ende des Jahres wird die Bayerische Schlösserverwaltung einen neuen Ausstellungsraum zu den Pferden des Ansbacher Hofs im 18. Jahrhundert präsentieren, insbesondere zu drei historisch bedeutsamen Pferdepräparaten. Von vielen Ansbachern stark vermisst, waren die kuriosen Vierbeiner viele Jahre nicht ausgestellt. Als kleinen Vorgeschmack und für mehr Hintergrundinformationen wird es hier in den nächsten Wochen ein paar spannende Beiträge rund um das Thema „Pferde am Hof“ für euch geben.


 

Im Umfeld der Fürstenhäuser entstand in der Neuzeit eine umfangreiche Fachliteratur zum Thema „Pferd“.  Hier stand auch Ansbach nicht zurück: Das illustrierte pferdekundliche Buch „Der vollkommene Pferde-Kenner“ wurde 1764 vom Ansbacher Obrist-Hofstallmeister Wolf Ehrenfried von Reizenstein herausgegeben und dem Markgrafen Carl Alexander gewidmet. Die Illustration neben dem Titel zeigt die Residenz Ansbach. Der oder die eigentlichen Verfasser der Texte konnten bisher nicht widerspruchsfrei ermittelt werden, könnten aber unter anderem dem Umfeld der fürstlichen Stallungen entstammen.

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Mehr Platz für Vierbeiner: Pferde und Hunde prägten das Ansbacher Stadtbild des 18. Jahrhunderts, auch vor der Residenz, die hier im Hintergrund zu sehen ist. Titel-Kupfer des Buchs „Der vollkommene Pferde-Kenner“ (1764), gestochen von A. Hoffer (© BSV).

Der Obristhofstallmeister war eines der ranghöchsten Mitglieder des Hofstaats und gehörte zum engsten Kreis des Markgrafen. Ihm unterstand die „Logistikabteilung“ des Ansbacher Hofs, die für die Mobilität und Transporte zuständig war, und deren Bedeutung wir in diesem Artikel  skizziert hatten. Im Jahr 1786 benennt der Markgräflich-Brandenburgische Geheime Kanzlist Johann Bernhard Fischer Fischer das Personal des Marstalles:

„Bey dem hochfürstlichen Leib- und Marstall, sind ausser dem Herrn Obriststallmeister, zugleich zween adeliche und zween bürgerliche Stallmeistere, ein Sekretarius, drey Bereuter [= Bereiter], ein Gestüdtmeister, und eine große Anzahl Unterbedienten und Stall Leute angeordnet.“ (Fischer, S. 118f.)

Das als praktisches Handbuch gedachte Werk „Der vollkommene Pferde-Kenner“ beschreibt im ersten Band die Anatomie des Pferdes, seine Gangarten, Farben und die Pferderassen, gibt Tipps für den Pferdekauf, erläutert die Ausbildung von Pferd und Reiter, Unarten und Krankheiten der Vierbeiner, widmet sich dem Zubehör des Pferdes (Sattel, Zaumzeug) sowie dem Beschlag. Unter den Mitteln gegen die ein oder andere Unart von Pferden wird auch eine Erfindung von Reizensteins beschrieben, um dem Pferd das Koppen (ein Tick, bei dem das Pferd geräuschvoll aufstößt) durch schmerzhafte Bestrafung abzugewöhnen. Der zweite Band beschreibt chirurgische Eingriffe und bietet eine umfangreiche Rezeptsammlung für Medikamente gegen allerlei Pferdekrankheiten.

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Autsch! Bei dieser Erfindung des Obriststallmeisters schaudert es dem heutigen Pferdefreund: Die dargestellte „Maschine“ verabreicht starke Schläge bei schlechtem Betragen des Tieres. Für das Auslösen und darauffolgende Spannen der Peitsche brauchte es übrigens einen 24/7 Wache haltenden Stallburschen (© BSV).

Von besonderem Interesse ist auch das enthaltene jiddisch-deutsche Wörterbuch als Instrument zur Kommunikation mit jüdischen Pferdehändlern, das zugleich ein Zeugnis des jüdischen Lebens und des Austauschs zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung in der Markgrafschaft Ansbach darstellt: Die aufgeführten Begriffe und Dialoge beschäftigen sich nicht nur mit dem Handel, sondern erklären jüdische Bräuche oder thematisieren familiäre Beziehungen.

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Einen Hinweis auf die afrikanische Herkunft des edlen Berbers geben die anderen exotischen Tiere auf dieser Abbildung, ein Löwe und eine große Schlange (© BSV).

Die Illustrationen des Buchs zeigen die Körperteile des Pferdes, verschiedene Pferderassen, Figuren aus der Pferdedressur, Zubehörteile sowie das von Reizenstein erfundene „Instrument gegen das Koppen“ samt Darstellungen der Einzelteile. Ein Register samt Erläuterungen einiger Fachbegriffe und eine Auflistung internationaler Fachliteratur rund ums Pferd runden das Handbuch ab.

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Die Körperteile des Pferdes sollte ein „Pferde-Kenner“ benennen können – dank dieser Abbildung kein Problem mehr (© BSV).

Ein neu gestalteter Ausstellungsraum der Residenz Ansbach widmet sich den Pferden des Ansbacher Hofs. Ab Anfang Dezember ist hier neben historisch bedeutsamen Präparaten von Pferden aus dem markgräflichen Stall auch dieses Buch zu sehen.

 


Quellen

Wolf Ehrenfried von Reizenstein (Herausgeber), Der vollkommene Pferde-Kenner, welcher nicht nur alle Schönheiten, Fehler und verschiedene Landes-Arten der Pferde zu erkennen giebt, sondern auch anweiset, Wie man mit dem Pferd von seinem Ursprung an umgehen muß[…], 2 Bände (hier in ein Buch gebunden), Druck: Johann Simon Meyer, Uffenheim 1764. Digitalisat online bei der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB): https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/81955/1/

Johann Bernhard Fischer, Geschichte und ausführliche Beschreibung der Markgräflich-Brandenburgischen Haupt- und Residenz-Stadt Anspach, oder Onolzbach, und deren Merkwürdigkeiten; aus Urkunden, aeltern Schriftstellern und eigener Nachforschung gesammelt. Anspach 1786. Digitalisat online bei der Bayerischen Staatsbibliothek: https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11278051_00005.html

Literatur zum jiddischen Wörterbuch im Anhang des „Pferde-Kenners“: Renate Evers, „Der vollkommene Pferdekenner“, 1764: Jewish Horse Traders in the Margraviate of Brandenburg-Ansbach and their Language at the Threshold of Modernity, in: Leo Baeck Institute Year Book, Bd. 63, S. 201-228, London 2018.

 

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