Geheimnisse, Residenz München
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Krone ja – Krönung nein. Prunkvolle Insignien der bayerischen Monarchie in der Warteschleife…

Kroninsignien Königreich Bayern

2018 wird für die Freunde historischer Jubiläen ein anstrengendes Jahr – zumindest in Bayern: Gleich zweier bedeutsamer Weichenstellungen für die Landesgeschichte gilt es zu gedenken: Im Mai 1818 wurde nach verschiedenen Vorstufen, vor allem einer 1808 aufgesetzten provisorischen „Rumpf-Verfassung“, die erste Konstitution für das selbst noch ziemlich taufrische Königreich Bayern erlassen – ganz überwiegend auf den Monarchen zugeschnitten, aber doch bereits mit einem Katalog garantierter bürgerlicher Rechte und einer gewählten, im Ansatz selbstständig handlungsfähigen Volksvertretung. Ein Jahrhundert blieb diese Verfassung, nur hie und da revidiert, in Kraft, bis 1918 die Revolution den Wittelsbacher Thron umstieß und die Monarchie durch die Republik, das Königreich durch den Freistaat Bayern ersetzte – und uns so den zweiten Jubiläumsanlass des Jahres 2018 bescherte…
Grund genug also, sich zum Auftakt des Jubeljahres – sozusagen im Rückblick – hier im Blog die feierlichen Anfänge des turbulenten Geschehens zu vergegenwärtigen:

König Max I. Joseph mit der Schwurhand auf der Verfassungsurkunde von 1818 – das offizielle Herrscherporträt von Moritz Kellerhoven hing im bayerischen Landtag, dem Ständehaus in der Prannerstraße

Die passenderweise auch früh im Jahr, nämlich bereits am 1. Januar 1806 erfolgte Proklamation Bayerns zum Königreich und die Annahme des Königstitels durch den (damit letzten) bayerischen Kurfürsten Max Joseph – seit 1799 seinerseits der bereits vierte Regent dieses Namens, der aber nun als frisch gebackener Monarch eines nicht mehr dem Alten Reich eingeordneten, souveränen Staates mit der Nummerierung wieder von vorne beginnen durfte und sich seitdem Max I. Joseph nannte – sehr zur Freude der Historiker, die nun stets parallel mit den Ziffern IV. und I. jonglieren dürfen! Verwirrend – und deshalb: was könnte besser als solche abstrakten Rechenspiele das folgenschwere Geschehen symbolisieren? Am eindrücklichsten doch wohl die funkelnden Insignien der neuen Königswürde! Die schimmernde Krone, der juwelenbesetzte Reichsapfel, das majestätische Zepter und das Schwert, die heute auf schwer mit Gold bestickten Samtkissen in der Schatzkammer der Residenz zur Schau gestellt werden.

 

Die bayerischen Kroninsignien

Kroninsignien des Königreichs Bayern, Martin-Guillaume Biennais und Werkstatt, Paris, 1806/07

Schade an diesem staatstragenden Tableau ist leider nur, dass die mit royaler Aura aufgeladenen Meisterwerke der Goldschmiedekunst seinerzeit „ihren“ Einsatz letztlich verpassten. Denn damals, im Januar 1806 musste es vor allem schnell gehen, um die Gunst des historischen Moments zu nutzen: Die konfliktreiche Allianz, die Max Joseph 1805 mit dem mächtigen Franzosenkaiser Napoleon einging, führte zum Austritt Bayerns aus dem Reichsverband und ermöglichte vor dem tagespolitischen und militärischen Hintergrund die Annahme des Königstitels – was im Klartext eine „Neuerfindung“ Bayerns als zukünftig unabhängiges Staatswesen meinte (zumindest theoretisch – denn da war ja noch der anspruchsvolle Bündnispartner in Paris). Daher wurden gleich am Neujahrsmorgen 1806 mittels einer schlichten Zeremonie in der Residenz sowie einer zeitgleichen mündlichen Proklamation auf den öffentlichen Plätzen Münchens rasch Fakten geschaffen.

 

Auch die ökonomische Tradition, Kronen nur bei „festlichen Gelegenheiten“ mit Steinen zu besetzen, gab es: Das zeigt z. B. das perforierte Metallgerüst einer Kaiserkrone für Karl VII. Albrecht in der Schatzkammer der Residenz!

Jedoch waren sich Max Joseph und seine Berater auch ohne die Erfahrung einer durch TV und kitschiges Merchandising ausgeschlachteten Staatszeremonie à la William und Kate Windsor der hohen symbolischen Bedeutung eines feierlichen Krönungsakts mit Pauken, Trompeten, segnendem Klerus und jubelndem Volk bewusst. In der Residenz verfolgte man daher den Plan, eine solche öffentlichkeitswirksame Zeremonie möglichst bald „nachzuliefern“. Entsprechend gab man trotz klammer (sehr klammer) Kassen im Mai 1806 die hierfür benötigten Insignien im Kunst-, Mode (und Macht-)zentrum Paris in Auftrag und schickte zugleich (vermutlich mit klopfendem Herzen und per Einschreiben ) allerlei, aus älteren Schmuck- und Schatzstücken herausgelöste Juwelen zum Schmuck der neuen Krone mit.

Ein knappes Jahr später, im März 1807, trafen die kostbaren, von Napoleons Goldschmieden Martin-Guillaume Biennais und Jean-Baptiste LeBlond sowie dem Juwelier Marie-Étienne Nitot geschaffenen Symbole der neu etablierten bayerischen Monarchie in München ein. Erst hier sollte der mit einem Schätzwert von 300.000 Gulden wertvollste Edelstein der Münchner Schatzkammer, der vogeleigroße „Blauer Wittelsbacher“, in das Kronenkreuz eingesetzt werden.
Auf der achteckigen Goldschatulle für das Siegel des Königreichs, das den Regierungsdokumenten Rechtskraft verlieh, prangte in schimmerndem Relief das erst jüngst kreierte bayerische Rautenwappen mit Schwert und Zepter, Zeichen der neu gewonnenen Souveränität und „unumschränkten Herrschermacht“ – die ersten Entwürfe hatten dagegen noch pietätvoll auf die mittlerweile abgelegte Würde Max Josephs als Kurfürst des Reiches Rücksicht genommen.
Geziert wurden die Insignien aber nicht nur mit Edelsteinen und Bildsymbolen, sondern auch mit kurzen programmatische Sentenzen, welche die bayerische Akademie der Wissenschaften entworfen hatte. Sie zeigen, dass in diesem frühen Stadium der Monarchie das künftige Verhältnis zwischen Herrscher und Volk, das erst 1808/18 final in der Verfassung bestimmt werden sollte, noch in der Schwebe war. Die lateinische Umschrift auf dem goldenen Reichsapfel beschwört deshalb die „Eintracht von Landesvater und Vaterland“, die des Zepters mahnt seinen Träger: „Ihm ist nicht die Knechtschaft der Bürger, sondern ihr Schutz aufgetragen“.

Alles bereit für den festlichen Zug in die Frauenkirche also? Mintnichten: Die – ziemlich bunte – Bügelkrone sollte nie Max Josephs markanten Schädel behüten, sondern die teuren Insignien landeten schließlich dauerhaft in der Schatzkammer: Kriegswirren und desaströse Finanzen verzögerten eine feierliche Krönung Max I. Josephs immer wieder. Auch gab es bis 1817 kein Konkordat, also einen Staatskirchenvertrag, zwischen den neuen Königreich und dem Heiligen Stuhl und damit letztlich keinen autorisierten hochrangigen Kleriker, der die Krönung hätte vollziehen können, ohne Anfechtungen fürchten zu müssen. Schließlich wurde nach und nach ganz von dem kostspieligen Plan Abstand genommen wurde.

Auch Max I. Josephs Nachfolger sollten auf Krönungsfeierlichkeiten verzichten – bei den großen Staatsakten wurden stattdessen die Insignien auf ihren Prunkkissen vor dem Sessel des Monarchen arrangiert. Auch auf den offiziellen Herrscherporträts wurde mehr und mehr die blaue Seidenmappe mit dem Königssiegel, die das feierlich beschworene Staatsgrundgesetz von 1818 enthielt, im Doppelpack mit der daneben gestellten Krone zu einem üblichen Symbol der bayerischen Monarchie.

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