Residenz München
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Traumhaft? Ja! – Schlafen? Nein! – Cuvilliés Paradeschlafzimmer in der Residenz

Schlafzimmer Residenz München

„Mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck“ 

…so lautet die etwas furchterregende Zeile des berühmten Wiegenlieds „Guten Abend, gute Nacht“, das Johannes Brahms 1868 mit seiner seither vieltausendfach mehr oder minder gekonnt vorgetragenen Melodie hinterlegt hat. Etwas unkommod klingen die Zeilen schon, und da hilft auch das später aufgeschnappte Wissen nicht, dass die „Näglein“ eigentlich „Nelken“ sind. Sie machen das besungene Bett nicht gemütlicher, das man nur wieder verlassen wird, „wenn Gott will!“. Fast könnte man meinen, dem Dichter hätte das prunkvolle Parade-Schlafzimmer in der Münchner Residenz vor Augen gestanden, das François Cuvilliés im Auftrag des Kurfürsten Karl Albrecht, nachmals Kaiser Karl VII., in den 1730er Jahren schuf!

Auch hier kann man sich schwer vorstellen, nachts ein Auge zuzutun, wenn es auch reichlich von den „wachsamen Engelein“ gibt, die in der zweiten Strophe des Lieds einen Traumblick „ins Paradies“ gewähren. Ein Paradies aus Stuck und Gold, in dem einzuschlafen zum Glück niemals vorgesehen war, denn wenn es jemals in der Wittelsbacher Residenz einen rechten „Show-Room“ gegeben hat, dann wohl dieses mit zierlichen Schnitzereien, reich gestickten Samtstoffen und kostbaren Möbeln überreich ausgestattete Prunkgemach – geschlafen wurde in der Residenz andernorts und: diskreter.

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Blick in die Runde: Vom Bettalkoven aus öffnet sich die geschnitzte und stuckierte Bilderwelt des Schlafzimmers wie ein weiß-goldenes Panorama.

Denn dieser saalartige Raum, der in Anlehnung an die „Chambre“ französischer Schlösser, an der Spitze natürlich das namhafte Vorbild Versailles, entstand, fungierte nach Karl Albrechts und Cuvilliés‘ Willen vor allem als Gesellschaftssalon, der mit seiner Pracht beeindrucken sollte: Schließlich plante der Herr der hier aufgeschlagenen und reich mit vergoldeten Silberfäden bestickten Lagerstatt, in Kürze die kaiserliche Würde für sich in Anspruch zu nehmen und die Reichsregierung in die Münchner Residenz zu verlegen, die für diese imperiale Zukunft ebenso entschlossen wie luxuriös hochgerüstet wurde!

Als Mittelpunkt der 1730/37 neu eingerichteten „Schönen“ oder „Reichen Zimmer“ verfügte der im herrschaftlichen Dreiklang von Gold, Purpur und Elfenbeinweiß strahlende Raum über ein elaboriertes Bildprogramm, das ihn als (nominellen) Ort auswies, wo das künftige Reichsoberhaupt Ruhe und Kraft für sein stets segensreiches, schöpferisches Tagewerk tanken sollte. Klar, dass dafür nichts weniger als der gesamte Kosmos in kreisende Bewegung gesetzt wurde!

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Kuschelig sind die Textilien mit den starren Metallstickereien nicht – aber schön!

Glücklicherweise hat die wandfeste Ausstattung des Schlafzimmers die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wesentlich besser überstanden als der Rest der Raumflucht. Nur der Deckenstuck musste bis 1958 nach erhaltenen Vorlagen rekonstruiert werden, während fast alle geschnitzten Paneele nebst gestickter Alkovenbespannung (über deren Goldanteil schon im 18. Jahrhundert ebenso werbewirksame wie unwahre Riesenzahlen kursierten) noch original erhalten sind.

Ins Auge springen zunächst die farbig leuchtenden „Supraporten“, also die Bilder „über den Türen“, von Gaspare Diziani um 1717 geschaffen, die hier in einer Zweitverwendung Platz fanden: Dargestellt sind die vier Tageszeiten: Tag und Nacht in Gestalt des göttlichen Geschwisterpaares Apoll und Diana, die über Sonne und Mond herrschen, sowie der geflügelte Morgen mit Morgenstern und Sonnenscheibe, nebst einer mit Fackel ausgerüsteten Blondine, dem Abend, die ihre pummeligen Engelchen Tau über die erschöpften Blumen ausgießen lässt.

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Zu Seiten von Fensterwand und Bettalkoven flankieren die Tageszeiten jeweils reich geschnitzte Paneele, neben denen Rüstung und Waffen des – theoretisch – hier schlafenden Kurfürst-Kaisers hängen. Sie werden bekrönt von vier Gestalten, die man anhand der Blumen, Jagdwerkzeuge, Weinreben und einer kleinen Glutpfanne, mit denen sie jeweils hantieren, als die vier Jahreszeiten identifizieren kann – zur Sicherheit hat Cuvilliés ihnen noch Schilde mit den passenden Tierkreiszeichen zur Seite gestellt.

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Herbst mit dem Skorpion und Winter mit dem Steinbock sitzen sich zu Seiten des Prunkbetts gegenüber.

Wie detailversessen der berühmte Ausstattungskünstler die geschnitzte Wandabwicklung geplant hat, erkennt man nicht zuletzt daran, dass die maskenartige Köpfe, die jeweils den unteren Abschluss der vier Paneele bilden, gleichfalls individuell gestaltet sind und in Alter und Haarschmuck ebenso auf die jeweilige Jahreszeit Bezug nehmen!

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Junger Frühling und angejahrter Herbst fixieren den Besuche auf Augenhöhe.

Tag und Nacht, winterliche Ruhe und frühlingshafter Aufbruch sind natürlich eng verbunden mit Schlaf und Erwachen (nur falls Gott will, natürlich!!). Mit einem solchen Programm im Herzen der offiziellen Herrscherwohnung wird der hier regierende Fürst aber vor allem auch zum gottgleichen Herrn über die Zeit, den Jahreslauf und seine kosmischen Gesetze ausgerufen – nicht schlecht für einen simplen Kurfürst von Bayern (auch wenn in diesem Blog natürlich weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass Bayern und die Welt mehr oder minder deckungsgleich dasselbe sind).

An der Decke setzen sich die ambitionierten Aussagen und das mythologische Bilderspiel mit Tag und Nacht fort, wenn auch etwas spielerischer und interpretationsfähiger: Am weißen Stuckhimmel über dem Alkoven erscheint ein geflügelter Greis – nicht das Sandmännchen, sondern Traumgott Morpheus, der sich zur personifizierten Nacht herabsenkt, die ihn ausgerüstet mit Mondsichel, Kuschel-Fledermäusen und gelöschter Lampe im Wolkenbett erwartet. Drum herum gehen derweil stuckierte Nachgeschöpfe, Eule und Fuchs, im goldenen Dickicht auf Jagd.

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Vorkriegsaufnahme der mittlerweile rekonstruierten Szene direkt über dem Bettbaldachin.

Doch schon verbreitet gegenüber an der Fensterwand der Gott des Tages Aktivstress: Mit seinen vier Rennern kreuzt er im strahlenden Sonnenwagen über den Himmel, so dass sich Schwester Diana mit dem Mond-Diadem gerade noch unter ihm wegducken kann und die vorausfliegende Morgenröte mit ihrer goldglitzernden Taukanne fast überfahren wird.

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Ruhiger geht es hingegen über den riesigen, reich gerahmten (und im 18. Jh. sündhaft teuren) Spiegeln zu: Rechts nähert sich die verliebte Diana, in anderer Lesart die personifizierte Luna selbst, dem schönen Jäger und Hobby-Astronomen Endymion. Da sie den Ruf ihrer Keuschheit nicht aufs Spiel setzen möchte, hat sie ihn in ewigen Schlaf versenkt, um ihm hin und wieder bei Neumond einen Kuss zu rauben.

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Die Gruppe über dem linken Spiegel ist weniger eindeutig: Eine mit Blüten bekränzte Schöne umgarnt mit Girlanden einen schlafenden Krieger: Ist es Venus, die den begehrten Adonis von der gefährlichen Jagd ablenken will, oder die Zauberin Armida, die den Kreuzfahrer Rinaldo vom Kreuzfahren abhält? Im Kontext des Schlafzimmers vermuten wir, dass es sich um Eos/Aurora, die „rosenfingrige“ Göttin der Morgenröte handelt, die sich in den schlafenden Helden Kephalos verliebte und ihn – trotz Gattin Prokris – vom Fleck weg in den Olymp entführt!Schlafzimmer Residenz München details verzierung

Während so in den Hauptfeldern der Decke erneut ewige Naturgesetze mit dem Ordnungswillen absolutistischer Herrschaft verknüpft werden, weisen stuckierte Figuren in der Randzone des Gesimses darauf hin, dass Tag und Nacht in einer Residenz auch der höfischen Beschäftigung gewidmet sein sollen – immerhin ist das Paradeschlafzimmer ja in erster Linie ein Raum für festliche Zusammenkünfte gewesen: Und so verkörpern die auf Ranken gelagerten Figuren zivilisierte Tätigkeiten, Künste und Wissenschaften für jede Tageszeit: Malerei und Musik, Poesie, Geographie und – Astronomie!

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Noch unendliche viele Details gibt es zu entdecken, wenn man sich auf die faszinierende Reise in die Bildwelt der Reichen Zimmer begibt – also: wer muss da schon schlafen?

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Unendlich viel zu schauen – wir wünschen viel Spaß beim Entdecken!

 

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