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Neuerwerbung für unser Museums – das Vorlegemesser Albrechts V.

Das Zeitalter der Renaissance begann in München mit leichter zeitlicher Verzögerung, die neue Strömung musste erst einmal die Alpenbarriere überwinden. Dann ging es aber dafür auch gleich engagiert los: Maßgeblich mit dafür verantwortlich war Herzog Albrecht V. von Bayern, der 1550 an die Regierung kam.

Albrecht V., Porträt um 1726/30 aus der Ahnengalerie der Residenz

Albrecht V., Porträt um 1726/30 aus der Ahnengalerie der Residenz

Bis zu seinem Tod 1579 legte dieser Wittelsbacher eine wahre Sammelwut an den Tag, die in gleichem Maße antike Skulpturen (mitsamt diversen Fälschungen), detailreich illuminierte Bücher und kostbare Werke der Schatzkunst umfasste – das ganze unterlegt von den Madrigalen Orlando di Lassos, für dessen Musik der Herzog schwärmte, und dem er die Leitung seiner bald berühmten Hofkapelle anvertraute.

Weniger musik- und kunstbegeistert zeigten sich hingegen die höfischen Räte, die die Staatseinnahmen truhenweise in den Ateliers der Kunsthandwerker verschwinden und in Form von ziselierten Kelchen, Manuskripten und Gemälden für Albrechts Wohnräume zurückkehren sahen. Ihr Missfallen hielten sie in einer für damalige Verhältnisse drastischen Offenheit in einer schriftlichen Ermahnung fest, die noch heute spannend zu lesen ist.
Unter Albrechts Regierung entstanden nicht nur ein eigenes Kunstkammergebäude, sondern auch das heute noch bestehende Antiquarium in der Residenz, in dem die gesammelten Altertümer sowie in Räumen darüber die Hofbibliothek, der Kern der heutigen bayerischen Staatsbibliothek, aufgestellt wurden.

Während die Kunstsammlungen dieses Renaissance-Herzogs also noch heute den Münchner Besucher erfreuen, hat sich aus seinem näheren Lebensumfeld leider vergleichsweise wenig erhalten. Umso schöner ist es, dass wir vor einiger Zeit eine Neuerwerbung tätigen konnten, die eng mit dieser interessanten Herrschergestalt verbunden ist. Es handelt sich um ein sogenanntes „présentoir“ oder Vorlegemesser aus geätztem und ziseliertem Stahl mit einem Griff aus Steinbockshorn, das wohl in der Mitte des 16. Jahrhunderts für den Münchner Hof angefertigt wurde.

Nicht scharf, aber schön: Dieses reich geschmückte Messer wurde für Albrecht V. geschaffen.

Nicht scharf, aber schön: Dieses reich geschmückte Messer wurde für Albrecht V. geschaffen.

Solche aufwendig dekorierten Vorlegemesser waren wichtige zeremonielle Gegenstände, die regelmäßig an der frühneuzeitlichen Fürstentafel zum Einsatz kamen: Auf der breiten, stumpfen Klinge, deren gerundete Spitze jeden Anschein von Bedrohung verhindern sollte, reichten Vorschneider dem Herrscher und seiner Gemahlin die tranchierten Fleischstücke feierlich über die Tafel hinweg zu. In der Regel wurden die présentoirs paarweise angefertigt und gekreuzt auf der Tafel niedergelegt (das Gegenstück des Münchner Messers befindet sich heute im Musée le Secq des Tournelles in Rouen).

Auf diesem Holzschnitt von 1491 erkennt man links Tranchier- und Vorlegemesser

Auf diesem Holzschnitt von 1491 erkennt man links Tranchier- und Vorlegemesser „in Aktion“

Die öffentlich vor Zuschauern zelebrierte Mahlzeit des Monarchen war ein regelmäßiges höfisches Ereignis, dem höchste symbolische Bedeutung zukam. Jeder Handgriff wurde daher als Element eines fein differenzierten und hierarchisch gestaffelten zeremoniellen Akts gestaltet. Ob die Mahlzeit entspannt ablief und man dabei satt wurde, oder ob der fürstliche Esser unter den Blicken der Hofdamen, die stumm die Kalorien zählten, kapitulierte, bleibt letztlich ein Geheimnis, das die Tafelnden mit ins Grab genommen haben. Doch erklärt die repräsentative Bedeutung die künstlerisch aufwendige Gestaltung der eingesetzten Tafelinsignien – aufgrund ihrer kunstvollen Ausführung hatte Albrecht sogar mehrere solcher Prunkbestecke in seine Kunstkammer aufgenommen.

Am Klingenansatz unseres Messers zeigt sich beidseitig unter prächtig geschmückten Stechhelmen das eingeätzte Herzogswappen mit Rauten und schreitenden Löwen, das von kleinen Putten gestützt wird. Die Buchstabenfolge darüber verweist auf den Besitzer – A-lbrecht, H-erzog I-n O-ber- U-nd N-iederbayern. Das Wappen umzieht die Collane des goldenen Vlieses, des höchstrangigen Ritterordens, in den der Erbprinz Albrecht 1531 aufgenommen wurde.


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1546 heiratete der achtzehnjährige Albrecht die Habsburgerin Anna, eine Nichte Karls V. und Tochter des künftigen Kaisers Ferdinands I. Eventuell wurden das Vorlegemesser und sein Gegenstück aus Anlass dieser Vermählungsfeierlichkeiten angefertigt, oder aber um 1550, dem Jahr, in dem Albrecht die Herrschaft antrat und in München die Erbhuldigung mit anschließendem Festmahl für den neuen Herzog stattfand.

Wilhelm V. ließ im Antiquarium eine Estrade für die fürstliche Tafel errichten und seitliche Prunkbuffets für die Speiseutensilien einbauen

Wilhelm V. ließ im Antiquarium eine Estrade für die fürstliche Tafel errichten und seitliche Prunkbuffets für die Speiseutensilien einbauen

Öffentliche Tafel wird Albrecht vor allem im 1750 abgebrannten Georgssaal abgehalten haben, der noch in der Neuveste, der Keimzelle der heutigen Residenz, lag. Sein Sohn und Nachfolger Wilhelm V. hingegen ließ in den 1580er Jahren das väterliche Antiquarium in einem festlichen Bankettsaal umgestalten, in dem sich das höfische Tafelzeremoniell nun in seiner ganzen Pracht entwickeln konnte.

1 Kommentare

  1. Stephan Hoppe sagt

    Das ist ja eine ganz schön späte Renaissance hier in Bayern, obwohl sich in der Interpreation der europäischen Epoche in den letzten Jahren vor allem im angelsächsischen Bereich doch einiges verändert hat. Renaissance ist längst nicht mehr eine virale Strömung, die Barrieren überwinden musste, sondern ein Bündel aus kulturellen Innovationen, die nicht mehr als einheitlicher formaler Kanon gesehen werden müssen. Vgl.: Smith, Jeffrey Chipps: The Northern Renaissance. London 2004 oder Belozerskaya, Marina: Rethinking the Renaissance. Burgundian arts across Europe. Cambridge (MA) 2002. Oder online: http://edoc.hu-berlin.de/kunsttexte/2012-2/hille-christiane-3/PDF/hille.pdf

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