Geheimnisse, Lieblingsstücke unserer Autoren, Residenz München
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Steht schon in der Bibel: Ein Sohn ist uns geschenkt…

Entspannt und in Maßen heiter geht es auf dieser Darstellung der Madonna mit ihrem göttlichen Sohn zu. Es handelt sich um eine Miniatur des Malers Michael Scharner aus dem zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts, die in die Wände des berühmten Miniaturenkabinetts der Residenz eingepasst ist:



In lockerer Haltung sitzt Maria, das gewickelte Christuskind im Arm, an einem Tisch, der mit einem schweren Wirkteppich bedeckt und mit einem üppigen Blumenstrauß geschmückt ist. Diverse kindliche Engel dekorieren und unterhalten gleichermaßen: Sie bringen Weitrauben herbei und scheinen anzuregen, mit den Äpfeln eine Partie Boule zu wagen – oder vielleicht auch das im 17. Jahrhundert beliebtere Paille-Maille (funktioniert ähnlich kräfteschonend – nur mit Schlägern).

Irritierend ist vielleicht nur der etwas ironische Blick, den uns die himmlische Jungfrau aus schrägstehenden Augen zuwirft – ein Blick, dem ein regelmäßiger Besucher der Münchner Schlösserlandschaft des Öfteren begegnen kann. Ein kurzer Abgleich mit den Porträts in der Ahnengalerie zeigt uns: Die angebliche Maria heißt Henriette Adelaide, war von 1651 bis zu ihrem Tod 1676 Kurfürstin von Bayern und zudem Mutter unseres in den letzten Beiträgen schon oft gepriesenen Max Emanuel, den Henriette Adelaide am 11. Juli vor 350 Jahren zu Welt brachte.


Henriette Adelaide ohne Heiligenschein, gemalt von Jean Delamonce im Residenzmuseum (Leihgabe der Bayr. Staatsgemäldesammlungen)


Eine schwere Geburt übrigens – im Wortsinne: Die Ehe der temperamentvollen Henriette mit dem schüchternen und entsprechend wortkargen Kurfürsten Ferdinand Maria, die im Alter von 14 Jahren miteinander verheiratet wurden, lief anfänglich ziemlich schleppend. Die Prinzessin aus Turin fühlte sich im fremden München nicht wie in der nördlichsten Stadt Italiens, sondern anfangs nur wie im kältesten Kaff der Welt und hielt mit dieser Meinung nicht allzu sehr hinter dem Berg. Der Erwartungsdruck, der bayerischen Dynastie dennoch presto einen Nachfolger zu bescheren, dürfte für das Paar so belastend gewesen sein, wie sich es sich noch heute in der Vorstellung anfühlt. Als endlich nach acht quälend langen Jahren ein Kind zur Welt kam, erlebten Henriette Adelaide und Ferdinand Maria die Enttäuschung Nr. 1 für fürstliche Eltern des barocken Zeitalters – die Geburt eines Mädchens…


Später heiratete die kleine Maria Anna den französischen Kronprinzen...


Eine Lösung musste endlich herbei, und zwar über alle denkbaren Kanäle: Henriette Adelaide machte tapfer eine Brunnenkur in Bad Heilbrunn (für die ein eigenes Domizil mit Badehaus gebaut wurde) und betete gleichzeitig zu ihrem Schutzpatron, dem heiligen Kajetan von Thiene, der erst ganz frisch kanonisiert war und von dem man deshalb vielleicht am ehesten ein Wunder erwarten durfte: Ihm versprach sie, seinen Orden der Theatiner in Bayern anzusiedeln und in München eine Kirche in Dimensionen zu errichten, die der Größe ihres Kinderwunsches angemessen waren. Soviel medizinischer und spiritueller Aufwand konnte natürlich nicht vergebens sein: Im Sommer 1662 erblickte endlich Max Emanuel das Licht der Welt, um Bayern und seinen Zeitgenossen im Lauf der kommenden sechs Jahrzehnte viel Freude und mächtige Scherereien zu machen. Mit der Geburt zweier weiterer Söhne festigte die Kurfürstin ihre gesellschaftliche Rolle später sogar noch zusätzlich.

Welche Bedeutung Henriette Adelaide der späten, mit göttlicher Hilfe erfolgten Geburt des Kurprinzen beimaß, zeigt nicht nur bis heute der Prunk der barocken Theatinerkirche St. Kajetan gegenüber der Westfassade der Residenz. Zwar kleiner, aber dafür auch unmittelbarer ist Scharners Miniatur ein Beleg für eine Glorifizierung der Kurfürstin als Erhalterin und Garantin der Wittelsbacher Dynastie, die nicht mehr leicht zu steigern scheint. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Kostümierung als Madonna für jeden Betrachter als bloße „Verkleidung“ zu erkennen ist: Als heilige Mutter göttlicher Kinder präsentiert Henriette Adelaide sich stolz der Verehrung ihrer Untertanen im Kreis ihrer Nachkommen.
 


Max Emanuel, der kostbare Erbe, ist prominent im Vordergrund platziert...


Als Christuskind fungiert der 1665 geborene Viktor Amadeus, das hübsche Engelsmädchen rechts vorne ist die älteste Tochter Maria Anna Christina, und der langhaarige „Apfelengel“ ist niemand anderes als Max Emanuel. In Lebensgröße gemalt und als Altarbild in der Hofkapelle aufgestellt, wäre eine solche Darstellung wohl nur schwer möglich gewesen…


Engelchen bringen den Siegerkranz für den Sohn und Rosen der Schönheit für die Mutter...


Als kostbares Kunstkammerstück, dass Besucher und Höflinge mit wissendem Lächeln und einem passenden Kompliment bewundern konnten, war die prächtige Miniatur hingegen ein überaus geeignetes Mittel, Henriette Adelaides Auffassung ihrer Rolle als Fürstin und Landesmutter prägnant sichtbar zu machen.

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