Tipps und Aktuelles

„Was darf’s sein, der Herr?“ – Alltägliches beim Verfassungskonvent

Verfassungsmuseum Aschenbecher Herrenchiemsee

Von Uta Piereth und Katharina Martini //

„Getränke und Rauchwaren:
Unter der Ausgabe auf genau kontrollierte Bons sollen als Zubehör zur Verfügung gestellt werden:
Spezialbier: pro Person und Tag 1 Liter
Wein: pro Person und Tag ½ Liter
Rauchwaren: pro Person und Tag entw. 3 Zigarren oder 12 Zigaretten“

(aus den Akten der Staatskanzlei zum Verfassungskonvent)

Diese Aufzählung kommt uns heute kurios vor. Aber im August 1948, als der Verfassungskonvent mit seinen Experten auf Herrenchiemsee tagte, war es nicht selbstverständlich, dass es eine ausreichende Menge an Nahrungs- und vor allem Genussmitteln für alle Teilnehmer gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg und trotz Währungsreform war noch Vieles rationiert, das Nötige und erst recht das Angenehme! Damit jeder nur die ihm zustehende Menge bekam, setzte man Bons ein. All diese Vorräte mussten durch die Planer der Bayerischen Staatskanzlei nicht nur beschafft, sondern auch deren Transport auf die Insel organisiert werden, denn einen Laden gab es auf der Herreninsel nicht, fast alles kam vom Festland: Essen, Trinken, Benzin, Büromaterial, Blumen etc.

Verfassungsmuseum

Die Insellage hatte für den Konvent aber natürlich auch Vorteile. Die Besprechungen waren auf diese Weise leichter vor der Öffentlichkeit abzuschotten. Was nach außen drang, war meist so gewollt. Ausgewählte Journalisten hatten eine Zulassung und sollten bei einer täglichen Pressekonferenz einige Informationen erhalten. Allerdings taten sich die Reporter angesichts bloß zweier Telefonanschlüsse auf der Insel nicht gerade leicht mit der Übermittlung ihrer „News“ an die Redaktionen.

telefon verfassungsmuseum herrenchiemsee

Und wie muss man sich den konkreten Tagesablauf auf dem Konvent vorstellen?

Durch die genau geführten Protokolle können wir ermitteln, dass der Sitzungsbeginn nach dem Frühstück etwa um 9 Uhr stattfand. Die Vormittagssitzungen endeten meist gegen 13 Uhr, worauf eine ca. zweistündige Mittagspause folgte. Das Mittagessen bestand aus drei Gängen mit einer Tasse Kaffee.

verfassungsmuseum stundenplan

Am Nachmittag hielt man oft kürzere Sitzungen im Plenum ab mit einer kurzen Kaffeepause und anschließend eine längere Sitzung in den verschiedenen Ausschüssen, die erst gegen 20 Uhr endete. Nach dem Nachtessen, das wieder drei Gänge umfasste, kam es mehr als einmal noch zu Abendsitzungen, die auch bis in die frühen Morgenstunden dauern konnten. Um hier bei Kräften zu bleiben, wurden den Experten schlichte Butterbrote und Getränke als „Mitternachtsimbiss“ gereicht. Fachgespräche und Unterausschussberatungen fanden auch jenseits dieses Stundenplans und über die ganze Insel verteilt statt.

Foto Berger, Prien

Foto Berger, Prien

Das Arbeitspensum war wirklich enorm! Daneben sollte es eigentlich mehrere Ausflüge geben, um den Teamgeist zu stärken und – das war ein besonderes Anliegen der Bayerischen Staatskanzlei, die für die Organisation des Konvents verantwortlich war – die Schönheit Bayerns zu präsentieren. Bei einem halbtägigen Ausflug nach München in die Pinakothek und zu einer Exportschau sowie einem kurzen Abstecher zur Fraueninsel ist es aber geblieben. Gelegentlich haben einzelne Teilnehmer wohl auch mit einer Singstunde, bei einem Spaziergang oder beim Baden im Chiemsee versucht, die dichte Beanspruchung zu verarbeiten.

verfassungskonvent herrenchiemsee insel

Damit alle Teilnehmer bei allen Sitzungen anwesend sein konnten, – ohne eine Schiffsreise auf sich nehmen zu müssen – waren die meisten auf der Herreninsel untergebracht. Hier wurden sämtliche zur Verfügung stehenden Räume genutzt. Das Alte Schloss, in dem sich der Plenarsaal des Verfassungskonvents befand und in dem im vorangehenden Jahrhundert schon Ludwig II. genächtigt hatte, beherbergte einige Teilnehmer. Etliche quartierte man in Zimmern bei dort wohnenden Angestellten der Bayerischen Schlösserverwaltung ein. Andere waren mit ihren Ehefrauen im Schlosshotel untergebracht. Außerdem stand ein kleineres Gebäude neben dem Neuen Schloss Ludwigs II. zur Verfügung. Andere Personen nächtigten auf der Fraueninsel oder in Prien und Breitbrunn. Insgesamt waren wohl alle Betten auf der westlichen Chiemseeseite in diesen 13 Tagen belegt.

Verfassungsmuseum HCS

Wie man sich die tendenziell einfache Unterbringung vorstellen muss, was an Kosten oder Personalaufwand zu schultern war, kann man, ebenso wie die damalige Zeitungsberichterstattung und natürlich sämtliche inhaltliche Diskussionen des Verfassungskonvents, am besten ab 11.8. im neuen Museum selbst entdecken!