Residenz München

Miniatur-Mars meets Mother of Pearl….: Johann Wilhelm von der Pfalz in der Schatzkammer der Residenz

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In der Wechselvitrine in Raum IX der Schatzkammer präsentieren wir in periodischen Abständen jeweils einzelne Objekte oder eine kleine zusammengehörige Gruppe aus unseren reichen Beständen, die wir besonders spannend finden und deshalb von unseren Besucherinnen und Besuchern gesondert unter die Lupe nehmen lassen wollen. Anhand dieser Beispiele möchten wir die meist längeren, aber immer interessanten Geschichte(n) unserer Schätze ausführlicher darstellen, als es angesichts von über 1200 Kostbarkeiten in den insgesamt zehn Sammlungsräumen per Audioguide oder kurzen Begleittexten sonst möglich ist. Seit Dezember macht sich ein kleiner Mann, gewandet in vergoldetes Silber und farbiges Email, ganz groß im Licht der Vitrinenlampen – eine echte Perle unserer Kollektion…

Großer Anspruch in kleinem Format

Perlstatuette des Kurfürsten Johann Wilhelm als Mars - großformatige Barockperlen, vergoldetes und emailliertes Silber, Edelsteine; nach 1704

Perlstatuette des Kurfürsten Johann Wilhelm als Mars – großformatige Barockperlen, vergoldetes und emailliertes Silber, Edelsteine; nach 1704

Die aus einer unregelmäßig geformten „Barockperle“ entwickelte Figur des nicht einmal 20 cm hohen Zimmermonuments zeigt die markanten Züge des berühmten „Jan Wellem“: Johann Wilhelm aus der Neuburger Nebenlinie der Wittelsbacher (1658-1716) regierte seit 1679 von Düsseldorf aus die niederrheinischen Herzogtümer Jülich und Berg und stieg 1690 zum pfälzischen Kurfürst auf. Als „Schwager Europas“ international exzellent vernetzt, war er ein begabter Politiker, zugleich begeisterter Kunstmäzen – und in beidem der lebenslange Konkurrent seines bayerischen Verwandten Kurfürst Max Emanuel, dessen 300. Todestag wir 2026 in der Residenz mit Veranstaltungen und einem neuen Themenraum in Erinnerung rufen.
Johann Wilhelms Auftritt im barocken Theaterkostüm als Gott Mars verherrlicht den – zeitweiligen – Triumph des pfälzischen Wittelsbachers über den Münchner Vetter im weltweit ausgetragenen Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714). Es war ein kurzer Triumph, der wie ein barocker Bühnenzauber verpuffte und auf die geringe Größe unseres goldenen Erinnerungsmals schrumpfte. Dennoch sollten es letztlich Johann Wilhelms Nachfolger sein, die ab 1778 in Bayern regierten: Damals gelangte die Perlstatuette in die Münchner Schatzkammer.

Was feiert unser Denkmal also? Einen kleinen Mars oder einen großen Mann? Was verkünden die Bilder unter Johann Wilhelms Füßen und der Adler über seinem Haupt? Spielen wir einmal selbst „Perlentaucher“ und starten unsere Schatzsuche hier:

Merch, Mars oder Merkur?

Heutigen Sehgewohnheiten erscheint die Statuette des Kurfürsten, verkleidet als mythologischer Kraftprotz und „Supermann“ Mars, fast wie modernes „Merchandise“- wiewohl in einer Luxus-Edition aus kostbarstem Material. Die Helmzier in Gestalt eines Adlers, der auf einer Spiralfeder montiert bei jeder Erschütterung „ins Flattern“ kommt, unterstützt diesen Eindruck. Und obwohl es sich nicht um Spielzeug handelt, ist der wahrgenommene Widerspruch zwischen heroischer Botschaft und handlicher Form des barocken Kunstwerks real: Anders als sein kriegerischer Verwandter in München, Max Emanuel, der sich lebenslang aufwendig als „Türkensieger“ inszenierte, war Johann Wilhelm kein Heerführer – besser als Mars hätte ihn das Kostüm des wendigen, geflügelten Götterboten Merkur, des an Austausch, Spiel und Kunst interessierten Chefunterhändlers der Olympier, charakterisiert! Denn Johann Wilhelms lebenslanges und oft erfolgreich beschrittenes Schlachtfeld war die internationale Diplomatie! Dank seiner vielfältigen Familienverbindungen mit den wichtigsten europäischen Dynastien konnte er hier eine zentrale Rolle spielen: So gelang es ihm, im Auftrag seines Schwagers, Kaiser Leopolds I., im Spanischen Erbfolgekrieg eine Allianz zwischen dem Habsburger und der mächtigen Seemacht England gegen den französischen König Ludwig XIV. zu schmieden, der wiederum ein Bündnis mit Max Emanuel einging, das den Kaiser im Reich „beschäftigt“ halten sollte. Der unter Johann Wilhelms tatkräftiger Mitwirkung geschlossenen Allianz gelang es, im Jahr 1704 eine Reihe kriegsentscheidender militärischer Erfolge zu erzielen, darunter den für die bayerische Landesgeschichte so bedeutungsvollen wie desaströsen Sieg über Max Emanuels Truppen bei Höchstädt. Vor diesem zeitpolitischen Hintergrund erfolgte auch der Auftrag an einen bislang unbekannten Goldschmied für die Gestaltung unseres glitzernden Miniaturdenkmals.

„Mars macht mobil“ – Wittelsbacher Heiratspolitik

Machtvolle Familienbande: Johann Wilhelms Schwester Eleonore heiratete 1676 Kaiser Leopold I. Ihr gemeinsamer Sohn bestieg 1705 als Joseph I. den Kaiserthron (Miniaturen von Joseph Werner, Residenzmuseum)

Johann Wilhelms Karriere, die ihn weitab vom beschaulichen Neuburg am Donaustrand zum Niederrhein und Düsseldorf, und entlang des Neckars ins kurpfälzische Heidelberg führen sollte, verlief also beachtlich. Doch machte er sie eben nicht als Feldherr, sondern in erster Linie als Familienmensch! Bereits die pfälzische Kurwürde fiel seinem Haus als Erbe eines kinderlosen Verwandten zu. Zusammen mit seinen zahlreichen Schwestern war Johann Wilhelm zudem schon als „Twen“ in die ausgeklügelte Heiratspolitik seines so weitblickenden wie ehrgeizigen Vaters Philipp Wilhelm (1615-1690) eingebunden, die ihn schließlich zum „Schwager und Schwiegersohn“ Europas machen sollte. Der junge Johann Wilhelm selbst wurde 1678 in erster Ehe mit Erzherzogin Anna Maria Josepha, einer Halbschwester Kaiser Leopolds I., vermählt. Wie er, schlossen auch seine zahlreichen Schwestern (zumindest) dynastisch klug arrangierte Ehebündnisse, von denen die wichtigsten die Verbindungen Eleonores wiederum mit Leopold I. und Maria Annas mit dem körperlich wie geistig stark eingeschränkten Carlos II. von Spanien, einem weiteren Habsburger, waren. Diese Heiratspolitik führte Johann Wilhelm fast zwangsläufig an die Seite seiner in Wien und Madrid regierenden Schwäger und Neffen, die er in dem weltweit ausgetragenen Konflikt um die spanische Krone, der nach dem kinderlosen Tod des armen Carlos 1701 ausbrach, tatkräftig gegen Frankreich und seinen eigenen Verwandten Max Emanuel unterstützte.

Ein Großteil der berühmten Gemäldesammlung der Münchner Pinakothek zierte ursprünglich die Wände von Johann Wilhelms Düsseldorfer „Kunsthaus“ – einem frühen Vorläufer der öffentlichen Bildergalerien des 19. u. 20. Jh.!

Doch nicht nur in der Politik basierte Johann Wilhelms Einfluss auf diesem familiären Netzwerk: Auch als leidenschaftlicher Kunstsammler nutzte er seine Beziehungen, um bedeutende Erwerbungen zu tätigen, sich Geschenke aus den berühmtesten dynastischen Sammlungen machen zu lassen, oder Künstler befreundeter Höfe „auszuleihen“. Diese diplomatische Kunstpolitik bescherte seiner bis dato recht provinziellen Hauptresidenz am Ufer der Düssel einen bis ins späte 18. Jahrhundert fortdauernden internationalen Glanz, der sich vor allen an der berühmten, vom Kurfürsten in einem eigenen „Kunsthaus“ etablierten Gemäldegalerie festmachte. Allerdings wurden diese Schätze zum Leidwesen der Düsseldorfer nach Johann Wilhelms Tod Stück für Stück abgezogen – erst in die neue kurpfälzische Residenz Mannheim und dann an der Wende zum 19. Jahrhundert mit dem größeren Teil des pfälzischen Erbes nach München, von wo seit Ende 1777 die nun vereinigten Wittelsbacher Staaten zentral regiert wurden: Bis heute stellen die von Johann Wilhelm zusammengetragenen Kunstwerke einen wichtigen Bestandteil des bayerischen Kulturerbes dar!

Mars meets Minerva – Die Frau an seiner Seite

Nach dem frühen Tod seiner ersten Gemahlin, der habsburgischen Kaisertochter, vermählte sich Johann Wilhelm 1691 ein zweites Mal: Die Braut war die toskanische Prinzessin Anna Maria Luisa (1667-1743) aus dem reichen Haus der Medici-Großherzöge, das seit seinem Aufstieg im 15. Jahrhundert zahlreiche begabte Politiker und einflussreiche Kunstmäzene hervorgebracht hatte. Anna Maria Luisa erwies sich als würdige Erbin dieser Tradition. Zusammen mit Johann Wilhelm schuf sie im kleinen Düsseldorf, das gegen den (wiewohl etwas in die Jahre gekommenen) Glanz der Renaissance-Wiege Florenz in ihren Augen etwas abgefallen sein muss, einen barocken Musenhof, dessen Glanz weithin ins Reich ausstrahlte.

Heros und Kulturgöttin unter einem gemeinsamen Helm: Hofmaler Jan Frans van Douven stellt um 1700 das kurfürstliche Paar jeweils als Mars und Minerva dar!

Wie ihr Mann war die neue Kurfürstin – als geborene Mediceerin „erblich vorbelastet“ – selbst eine passionierte und kenntnisreiche Sammlerin. Besonders schwärmte sie für Schmuck und kleinformatige Juwelenkunst. In extra angeschafften Vitrinen in ihrem Düsseldorfer Appartement arrangierte sie mit Vorliebe eigenhändig zahlreiche Perlstatuetten, die sie bei lokalen Händlern bzw. ihrem „Kabinettsjubelier“ (sic) bestellte – oder auf den zahlreichen Reisen zum und vom Kaiserhof in der Messe- und Krönungsstadt Frankfurt erwarb, wo Luxus- und „Galanteriewaren“ zahlreich zum Verkauf standen. Sehr wahrscheinlich entstand auch der Perl-Mars in ihrem Auftrag als Geschenk für den Gemahl Johann Wilhelm. Die Münchner Perlstatuette ist daher nicht nur ein Denkmal politisch-militärischer Ereignisse, sondern auch der ehelichen Zuneigung eines Fürstenpaars im Zeitalter des Barock.

Grotesk kostbar – Perlenkunst des Barock

Hervorstechendes Charakteristikum unserer Statuette ist die Verwendung großer Perlen, die als Leib des Johann-Wilhelm-Figürchens das bestimmende, formgebende Element des barocken Juwelen-Kunstwerks darstellen. Perlen faszinieren von jeher: Als rätselhaftes Naturwunder entsteht ihr vielfarbiger Schimmer in unscheinbarsten Muschelschalen. Nicht ohne Grund stellten antike Künstler Venus, die aus Meeresschaum geborene Göttin der Schönheit, in einer Muschel dar. Später wurde die perfekte Perle dann zum Symbol Christi, der rein, ohne menschliches Zutun, im Leib seiner jungfräulichen Mutter Maria wächst. Weil sie schwer zu finden und kaum zu bearbeiten sind, wurden Perlen über Jahrhunderte teurer gehandelt als Gold. Als prestigereiche Schätze voll symbolischer Bedeutung wurden sie teils regelrecht inszeniert.
Mit der Ausweitung der internationalen Handelsrouten und Seewege kamen seit dem 16. Jahrhundert vermehrt große, unregelmäßig gerundete Perlen aus Südostasien und der „Neuen Welt“ auf den europäischen Markt, welche die portugiesischen Kaufleute mit dem Begriff „barocco“ bezeichneten – wovon sich letztlich der Name des zuerst als unförmig und bizarr kritisierten „Barock“Stils ableitet! In ihren zufälligen Formen erspürten Juwelenkünstler die Umrisse menschlicher oder tierischer Kleinskulpturen, die mit Ergänzungen aus emailliertem Edelmetall, Elfenbein und anderen wertvollen Materialien vervollständigt wurden. Als bizarre Hervorbringungen zwischen Tier- und Pflanzenreich inspirierten die Riesenperlen vor allem die Darstellung menschlicher „Raritäten“: kleinwüchsiger, grotesk deformierter „Gobbi“ oder „Zwerge“. Die zeichnerischen Vorlagen lieferte der lothringische Graphikkünstler Jacques Callot (1592-1635), der für Anna Maria Luisas Vorfahren in Florenz gearbeitet hatte.

Der bucklige Schankwirt auf seinem Fass (um 1700) fordert in der Schatzkammer (Raum IX) zum Trunk auf, der von geregelter Ordnung zu „barockem“ Rausch führt! Seine Vorbilder findet der freche Geselle unter den um 1616 radierten „Gobbi“ Callots!

Ende des 17. Jahrhunderts wurden solche Perlfigürchen im deutschsprachigen Raum für circa eine Generation zu heiß begehrten Sammlerstücken, die als verspielte Mirakel der Natur in den zeitgenössischen Wunderkammern und Kunstkabinetten Aufstellung fanden. Besonders tat sich hier der ebenso prunkliebende wie juwelenvernarrte Kurfürst von Sachsen und polnische König August „der Starke“ hervor, der ein ganzes Kabinett seines berühmten „Grünen Gewölbes“ im Dresdener Schloss mit „Perl-Kuriositäten“ ausstattete.

Schimmernde Perfektion … oder „barocke“ Groteske?

Perl-Sirene, wohl Oberitalien (Mailand ?), um 1580, und  Affengruppe auf Perlmuttschale einer Meerschnecke, deutsch, um 1700, Schatzkammer (Raum  VII u. IX)

 

Frühe Arbeiten in der Schatzkammer zeigen Fabelwesen wie die fischschwänzige Sirene, die auf die Herkunft der Perlen aus dem Wasser  verweisen – und aus fernen Weltgegenden, in denen auch der freche Affenkönig haust, der auf einer gravierten Perlmuttschnecke Hof hält…

Verschiedene Perlfiguren, deutsch, um 1720/25, Schatzkammer (Raum IX)

Jüngere Werke heben statt grotesker Motivik vermehrt die anmutige Schönheit und ‚exotische‘ Eleganz der Perlen hervor, wie es die kleine Tänzerin Colombine, der grazile Vogel und der majestätische Afrikaner mit Federkrone zeigen!

Doch auch in der Kleinkunst gilt wie für die ganz Großen: „Size matters“: Als schimmernde Symbole von Macht und Auserwähltheit fanden ungewöhnlich große, besonders geformte Perlen von jeher einen eigenen Platz innerhalb herrschaftlichen Repräsentation – und der Geschichte:

„Oh wie schön ist Panama“

Die Peregrina am Kostüm der spanischen Königin Margarethe (1584-1611), der Gemahlin Philipps III. Margarethes Onkel war Herzog Wilhelm V. von Bayern. Ihr Enkel Karl II. heiratete die Wittelsbacherin Maria Anna, Johann Wilhelms Schwester

Die berühmteste unter diesen „Mega Pearls“ dürfte die viel gereiste „Peregrina“ (ital. „Pilgerin“) sein: Die riesige, birnenförmige Perle (50,56 Karat) wurde im 16. Jahrhundert von Sklaven im Golf von Panama gefunden und als Sinnbild für den Reichtum der jüngst eroberten „Neuen Welt“ an den spanischen Hof geschickt. Als bedeutendes Kronjuwel erscheint die Peregrina auf zahlreichen Porträts spanischer Königinnen des 17. und 18. Jahrhunderts – auch Johann Wilhelms Schwester Maria Anna, die Gemahlin des letzten iberischen Habsburgers Carlos II. (1661-1700), hat sie getragen.

Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich die wachteleigroße Perle im Besitz Kaiser Napoleons. 1865 eroberte sie die Welt des Pariser Theaters: Giuseppe Verdi machte die Peregrina zum Thema des „Balletts der spanischen Königin“ in seiner Oper „Don Carlos“! Folgerichtig also, dass die „Pilgerin“ noch später in den Besitz einer wahren Königin der Bühne wanderte: Liz Taylor (1932-2011)!

Das „Pfälzer Auge“ sieht schwarz-weiß….

Ihre kostbare Brillant-Fassung erhielt die „Palatine“ erst 1784 (Schatzkammer, Raum IX)

Natürlich konnte das Haus Wittelsbach ebenfalls eine „eigene Familienperle“ vorweisen: Als Pfälzisches Aug oder La Palatine gefeiert, besticht sie mit ihrer ungewöhnlichen Zweifarbigkeit – einer dunklen „Kappe“ auf irisierendem Perlkörper. Johann Wilhelm erwarb das kleine Naturwunder vor 1711, vermutlich vom Amsterdamer Juwelier Jan Walrawn.

Teure Birnen aus Florenz – die Medici-Perlen

1823 arbeitete Kaspar Rieländer die älteren Ohrgehänge der pfälzischen Kurfürstin Elisabeth Auguste (Johann Wilhelms Großnichte) für die bayerische Königin Therese um

Die Juwelengeschenke Anna Maria Luisa de‘ Medici an ihren Gemahl Johann Wilhelm waren nicht die frühesten Präsente, die die Wittelsbacher von der berühmten toskanischen Händler-und Herrscherdynastie erhielten: Auch die großen Birnperlen, die bis heute die Ohrgehänge der bayerischen Königinnen schmücken, stammen ursprünglich aus Medici-Besitz: Als Geschenk Papst Clemens VII. an seine Nichte, die berühmte Katharina von Medici, kam 1533 ein ganzer Schatz exquisiter Perlen an den französischen Hof, als Katharina dort den späteren König Heinrich II. heiratete. Später gelangten sie über Katharinas Schwiegertochter Maria Stuart auf die britischen Inseln, wo noch später Marias Enkelin Elizabeth Stuart 1613 den pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. ehelichte. Mit Elizabeths Aussteuer gelangten die berühmten birnenförmigen Juwelen in die pfälzische und schließlich die Münchner Schatzkammer….

Fein perlendes Wasser….

Die bayerische Flussmuschel - eine lohnende Kapitalanlage? 

Die bayerische Flussmuschel – eine lohnende Kapitalanlage?

Aber nicht alle Perlen der Schatzkammer stammen aus entfernten Weltregionen: Auch hierzulande wurde seit dem 15. Jahrhundert in niederbayerischen und oberpfälzischen Gewässern nach Perlen gefischt – als streng überwachtes Hoheitsrecht der Landesherren. Stolz ließen die Kurfürsten die jährliche Ausbeute inventarisieren und präsentierten die aufgefädelten Perlen in den Schauschränken des barocken Schatzkabinetts. Versuche, die empfindlichen Perlmuscheln im 18. Jahrhundert auch in den Kanälen der Münchner Lustschlösser anzusiedeln, scheiterten allerdings am hohen Kalkgehalt des dortigen Wassers. Ihren letzten Höhepunkt erlebte die bayerische Perlfischerei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der über 150.000 Perlen „geerntet“ wurden. Mittlerweile hat Umweltverschmutzung den lebendigen Strom zum Erliegen gebracht – als Stütze des heutigen Staatshaushalts taugt die bayerische Perlmuschel nicht länger…

Tierisch symbolisch…

Mit der Beinhaltung eines Fechters, das Schwert gezogen, paradiert Johann Wilhelm auf schmalem Sockel. Unter ihm zeigen drei allegorische Miniaturen „John Bull“, den englischen Stier, und den kaiserlichen Adler im siegreichen Kampf gegen den französischen Hahn (lat. „gallus“ = Gallier). Sie verweisen auf die Siege des Jahres 1704. Ein Ergebnis war die Verhängung der Reichsacht über den unterlegenen Verbündeten Frankreichs – Bayerns Kurfürst Max Emanuel. Seine Würden und Privilegien, namentlich die prestigereiche (weil ranghöchste) 5. Kurwürde (nach den drei geistlichen Kurfürsten und dem König von Böhmen) samt dem daran geknüpften Ehrenamt eines Reichserztruchsess gingen zeitweilig auf Johann Wilhelm über: Eine späte Genugtuung, waren diese Ehrentitel doch einst Erbe der pfälzischen Wittelsbacher gewesen und erst im Dreißigjährigen Krieg auf die damals eng mit dem Kaiser kooperierenden Münchner übergegangen! Besonders stolz kann daher der Adler, der sowohl als kaiserlicher Wappenvogel wie als Verkörperung des Götterkönig Jupiters über Johann Wilhelms Helm aufsteigt, verkünden: „hic hostes fulminibus delet“ (Er [Johann Wilhelm] vernichtet seine Feinde mit [Jupiters] Blitzen).

Triumphale Rechenkünste

Die ovalen Miniatur-Gouachen an dem dreiseitigen Sockel des Perlfigürchens kombinieren symbolische Darstellungen mit kurzen lateinischen Devisen – bewusst verrätselten, mehrdeutigen Textzeilen, die die Bildinterpretation leiten.

sI nIMIs aLTa LIbent CaDes – „Wer zu hoch strebt, fällt tief“. In der Schlacht am Schellenberg (2.7.1704) müssen die französischen den kaiserlichen Truppen weichen. // CresCebtes DetegIt VMbras – „Die Sonne lässt seinen Schatten aufsteigen“: Der Adler, der siegreich zur Sonne fliegt, wirft seinen Schatten auf Max Emanuels unterlegenen Truppen bei Höchstädt (13.8.1704) // GaLLe tIMete CurnVa PerDent – „Du Gockel fürchte die Hörner, die dich vernichten!“ „John Bull“ verdrängt den gallischen Hahn: Am 25.11.1704 übergeben die Franzosen die Festung Landau den britischen Belagerern.

Zusätzlich setzen sich die einzelnen, farbig hervorgehobenen Buchstaben jeweils zu einem Chronogramm zusammen. In „Chronogrammen“ (lat. „Zeit-Schrift“), die im 17. Jahrhundert vor allem als Widmungsinschriften Verwendung fanden, werden die Buchstaben, die römischen Ziffern entsprechen (wie L für 50 und C für 100) addiert, so dass sich ein bestimmtes Erinnerungsdatum, in unserem Fall das Jahr 1704 ergibt:  sI nIMIs aLta LIbent CaDes
I(1)+I(1)+M(1000)+I(1)+L(50)+L(50)+I(1)+C(100)+D(500)=MDCCIV(1704)

Oder haben wir uns verrechnet, äh – verbuchstabiert…?!

Denk‘ mal minimal oder monumental… – Wittelsbacher Denkmalkultur

Die Genugtuung des Jahres 1704 sollte sich für Johann Wilhelm allerdings nicht als nachhaltig erweisen: Der Spanische Erbfolgekrieg endete trotz aller militärischer Erfolge in einem Erschöpfungsfrieden, in dem sich letztlich das ausgelaugte Frankreich des alternden Sonnenkönigs Ludwig XIV. durchsetzen konnte: Sein Enkel, der Bourbone Philippe von Anjou – ein Neffe Max Emanuels -, würde zukünftig die Reste des spanischen Weltreichs regieren: Sein Konkurrent, der Habsburger Erzherzog Karl – der Neffe Johann Wilhelms -, folgte stattdessen seinem überraschend verstorbenen Bruder Joseph I. als sechster Karl auf dem Wiener Kaiserthron nach.

Nach dem Tod Carlos ‚ II. (Mitte) kämpften der Habsburger Karl (links) und der Bourbone Philippe (rechts) im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) um ein marodes Weltreich…

Damit endete die 150 Jahre lang West und Ost umspannende Dominanz des Hauses Habsburg. Sie wurde ersetzt durch die neue Doktrin eines europäischen Gleichgewichts, die vor allem von den einflussreichen See- und Wirtschaftsmächten, namentlich Großbritannien, verfochten wurde: Im Zuge dieser politischen Neujustierung des geplagten Kontinents erfolgte die Wiedereinsetzung des geächteten Max Emanuel als bayerischer Kurfürst. Dieser Festlegung der Friedensverträge von Rastatt und Utrecht wurden – aller lebenslangen kaisertreuen Loyalität ungeachtet – Johann Wilhelms Interessen geopfert, denn er musste dem Bayern die 1708 übertragenen Ländereien und Ehrentitel wieder zurückgeben. Kein Wunder, dass der gesundheitlich bereits angeschlagene Pfalz-Neuburger nur kurz nach dieser politischen Demütigung im Juni 1716 das Zeitliche segnete! Und gut, dass er zumindest für die Augen der Nachwelt sich und seine Verdienste in allegorischer Verkleidung und naturnahen Porträts, in kleinem Format, oder auch groß dimensioniert, in vielfältiger Form hatte verewigen lassen – eine Strategie, in der auch unsere Perl-Statuette steht!

Düsseldorfer Reiterdenkmal und Mannheimer Bronzepyramide

1703/11 schuf Johann Wilhelms niederländischer Hofbildhauer Gabriel Grupello das bronzene Reiterstandbild des Kurfürsten auf dem Düsseldorfer Marktplatz. Die Unterschiede zwischen dem „Grünen Reiter“ und dem Münchner Perl-Mars sind offensichtlich: Die Statuette orientiert sich an barocken Fest- und Theaterkostümen, die antike Vorbilder dekorativ übersteigert. Grupello zeigt den Landesherrn zwar gleichfalls in Rüstung, aber nicht als mythologische Figur, sondern als historische Persönlichkeit. „Jan Wellems“ grünes Ross bäumt sich nicht heroisch auf, sondern geht in ruhigem Schritt. Mit dem Kommandostab erlässt der Kurfürst im Amtsornat hoch über dem geschäftigen Markttreiben Gesetze und garantiert staatliche Ordnung.
Näher am Stadtschloss, aber ebenfalls von Grupello, ließ der Sammler und Mäzen Johann Wilhelm 1705/15 vor seinem Düsseldorfer „Kunsthaus“, der berühmten Gemäldegalerie, ein bronzenes Ehrenmal mit reicher Bildsymbolik errichten. Über den personifizierten Landesteilen gruppieren sich Johann Wilhelms Tugenden. Sie gipfeln in der Figur der nackten Wahrheit, die vom Zeitgott Chronos/Saturn enthüllt wird. Der steile Aufbau und die mythologischen Verweise verbinden die große Bronze-„Pyramide“ mit dem kleinen Perl-Mars. 1738 wurde Grupellos Monument in die neue pfälzische Residenzstadt Mannheim überführt. Heute ziert sie dort den Paradeplatz nahe der barocken Schlossanlage, die Johann Wilhelms Bruder und Nachfolger Karl III. Philipp ab 1720 errichten ließ!

Volatiler Ruhm – Ein Denkmalbild wechselt den Ort

1713/14 ließ Johann Wilhelm seine politischen Erfolge durch den venezianischen Maler Antonio Pellegrini in großen allegorischen Leinwandgemälden an den Decken seines Lustschlosses Bensberg verewigen: Ein Bild zeigt den Beschluss Jupiters, dem loyalen pfälzischen Kurhaus auch die Würden des bayerischen Zweiges zu übertragen. Trotz göttlicher Anweisung wurde diese 1708 erfolgte Rangerhöhung, wie berichtet, bereits  1714 widerrufen. Doch schmückt Pellegrinis Gemälde seit 1973 an Stelle eines zerstörten Deckenfreskos das Gewölbe der Grünen Galerie in der Münchner Residenz und hält so – wie sein mythologisierendes Perlen-Konterfei in der Schatzkammer – die Erinnerung an Johann Wilhelms kurzlebigen Triumph wach….