Lieblingsstücke unserer Autoren

„Nur vom Feinsten – Luxusschlitten, Prunktragsessel und Kinderkalesche. Kurfürst Max Emanuels Fahrzeuge im Marstallmuseum“

Kurfürst Max Emanuel von Bayern (1662–1726) hatte nicht nur einen exquisiten Geschmack, sondern auch einen sicheren Machtinstinkt. In der Sammlung des Marstallmuseums in Schloss Nymphenburg befinden sich drei sehr unterschiedliche, luxuriöse Fahrzeuge des Kurfürsten. Was sie alle drei eint: Sie waren Statussymbole. Mit ihnen inszenierte Max Emanuel seinen Rang und machte seine politischen Ambitionen deutlich.

Max Emanuels Prunkschlitten

Besonders anschaulich zeigt dies der Herkulesschlitten des Kurfürsten. In der Zeit Max Emanuels, des Absolutismus, drückten Fürsten ihre Macht und ihre Legitimation mit vielfältigen Zeichen aus. Dazu gehörten neben bekannten Symbolen wie der Herrscherkrone so genannte Embleme, also Sinnbilder. Ein Emblem von Kurfürst Max Emanuel war niemand Geringeres als der antike Held Herkules, bis heute ein Begriff für übermenschliche Stärke.

Rennschlitten mit Herkules und siebenköpfiger Hydra von Kurfürst Max Emanuel, München, um 1680/83

Rennschlitten mit Herkules und siebenköpfiger Hydra von Kurfürst Max Emanuel, München, um 1680/83

Als große dramatische Skulptur in Aktion ist Herkules auf Max Emanuels gleichnamigem Prunkschlitten dargestellt. Der Held bekämpft (und besiegt natürlich) ein antikes Monster, die vielköpfige Schlange Hydra.

Der Sage nach war Herkules ein Sohn des Göttervaters Zeus und der sterblichen Prinzessin Alkmene. Er musste aufgrund der Verwünschungen der eifersüchtigen Ehefrau von Zeus, der Göttin Hera, zahlreiche Prüfungen bestehen. Die Tötung der Schlange Hydra war eine von zwölf „Herkulesaufgaben“, die er vollbringen musste, bevor er Unsterblichkeit erlangte und in den Olymp erhoben wurde.

So sah sich wohl Max Emanuel: Als Held, der stark, mutig und erfolgreich den Kampf mit jedem Gegner aufnimmt. Eindrucksvoll unter Beweis stellte er seine Kampfkraft als Feldherr in den Türkenkriegen, die ihn als „blauer Kurfürst“ (blau war die Farbe seines Uniformrocks) europaweit bekannt machte.

Hydra am Herkulesschlitten

Hydra am Herkulesschlitten

Der Herkulesschlitten ist der älteste erhaltene Schlitten im Marstallmuseum. Er wurde vom jungen Kurfürsten gleich zu Beginn seiner Regierungszeit vermutlich in der Werkstatt des Münchner Hofbildhauers Andreas Faistenberger bestellt. Neben der kunstvollen Schnitzarbeit ist auch die mehrfarbige, kostbare Lüsterfassung der Hydra hervorzuheben. Bei dieser aufwändigen Bemalungstechnik wurden über einer dünnen Silberauflage lichtdurchlässige, farbige Lasuren aufgebracht, so dass die Oberfläche edelsteinartig schillert.

Max Emanuel war ein begeisterter Schlittenfahrer. Die so genannten Rennschlitten, überaus kunstvoll verzierte Fahrzeuge, wurden für prächtige winterliche Feste am Hof benutzt. Dabei saß der Kurfürst selbst auf der rückwärtigen Pritsche und lenkte von dort das Pferd. Wesentlich bequemer im Schlittenkasten saß eine bevorzugte Hofdame, Mätresse oder die Kurfürstin.

Ausschnitt aus dem Kupferstich „Das Moderne Schlitten-Carousel“. In: Valentin Trichters „Neu eröffnete Hof-, Kriegs- und Reitschule“, Nürnberg 1729 (Foto: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Ausschnitt aus dem Kupferstich „Das Moderne Schlitten-Carousel“. In: Valentin Trichters „Neu eröffnete Hof-, Kriegs- und Reitschule“, Nürnberg 1729 (Foto: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Umzüge mit prächtig dekorierten Schlitten gehörten besonders am Dreikönigstag (6. Januar) und zur Faschingszeit zu den spektakulären höfischen Vergnügungen. Dabei verkleidete sich die Hofgesellschaft mit Masken und Kostümen.

Neben den Schlittenparaden veranstaltete man auch sogenannte Karussells. Die Schlitten wurden dabei vom Kavalier durch eine abgesteckte Bahn gesteuert. Die Dame versuchte mit Hilfe einer Lanze, eines Degens oder anderer Turnierwaffen Ringe oder Pappmaché-Figuren zu treffen.

Max Emanuels Schlittenfeste, die so genannten Schlittaden, zu denen er andere Fürsten und Feldherren einlud, waren für ihre Pracht berühmt. Sein Lebensplan sah vor, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs oder wenigstens Herrscher eines großen Königreichs zu werden. Für diesen Plan waren sein luxuriöser Herkulesschlitten und die aufwändigen Schlittaden kleine, aber wichtige Bausteine.

Der Tragsessel seiner Gemahlin

Maria Antonia von Österreich, Kurfürstin von Bayern, Gemälde in der Ahnengalerie der Residenz München, nach 1730

Durch die strategische Heirat mit der Kaisertochter Maria Antonia kam der bayerische Kurfürst diesem Ziel schon ein Stück weit näher. Die beiden heirateten am 15. Juli 1685 mit großer Pracht in Wien. Anlässlich der Hochzeit bestellte Max Emanuel zahlreiche repräsentative Objekte in Paris, darunter auch eine nicht erhaltene Brautkutsche mit sechs Geschirren sowie einen luxuriösen Tragsessel, der heute im Marstallmuseum als eines der hochrangigsten Ausstellungsstücke zu sehen ist.

Gala-Tragsessel von Kurfürstin Maria Antonia, Paris, um 1684/85

Gala-Tragsessel von Kurfürstin Maria Antonia, Paris, um 1684/85

Innenansicht des Tragsessels mit Goldtuch

Innenansicht des Tragsessels mit Goldtuch

Der Tragsessel der Kurfürstin war damals an Kostbarkeit kaum zu überbieten: Außen ist er vollständig mit rotem Samt bezogen, der üppig mit goldener Reliefstickerei verziert ist. Im Innenraum wurde für die Wände und Sitzpolster ein besonders edler Seidenstoff, ein Gold-Brokatell mit unterschiedlichen Webmustern verwendet, der mit glänzenden Goldfäden durchwirkt ist. Diese Ausstattung mit so genanntem „Goldtuch“ war ein Zeichen kaiserlicher Abstammung und somit höchst exklusiv.

Der Tragsessel wurde so sehr wertgeschätzt, dass er noch rund sechzig Jahre später, bei der Hochzeit von Max Emanuels Enkel, Kurfürst Max III. Joseph von Bayern mit der sächsischen Prinzessin Maria Anna Sophie im Jahr 1747 wieder verwendet wurde.

Kurfürst Max Emanuel und Kurfürstin Maria Antonia auf der Reiherjagd, Ausschnitt aus einem Gemälde von G.B. Curlando, Schloss Lustheim, um 1690

Kurfürst Max Emanuel und Kurfürstin Maria Antonia auf der Reiherjagd, Ausschnitt aus einem Gemälde von G.B. Curlando, Schloss Lustheim, um 1690 (Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Für seine zukünftige Frau hatte Max Emanuel in der Schlossanlage von Schleißheim das Jagdschloss Lustheim bauen lassen. Doch die zurückhaltende Kaisertochter und der temperamentvolle Kurfürst führten keine glückliche Ehe. Die ersten beiden Kinder starben kurz nach der Geburt. Zur Geburt des dritten Kindes im Jahr 1692 zog sich Maria Antonia nach Wien an den elterlichen Kaiserhof zurück. Währenddessen residierte Max Emanuel als Generalstatthalter in den spanischen Niederlanden und unterhielt in Brüssel einen prächtigen Hof, um seinen potentiellen Erbanspruch auf Spanien zu demonstrieren.

Maria Antonia starb kurz nach der Geburt des langersehnten Thronfolgers Joseph Ferdinand (1692–1699) im Alter von nur 23 Jahren. In ihrem Testament bedachte sie den ungeliebten Gatten nicht, sondern hinterließ ihren Privatbesitz ihrem Sohn.

Die Gartenkutsche seiner Söhne

Gartenkalesche für Kinder, Paris, um 1697/98

Die Kinderkalesche, die für Max Emanuels Söhne in Paris angefertigt wurde, steht den großen Prunkfahrzeugen im Marstallmuseum um nichts nach. Im Kleinen zeigt sie, was auch für große Herrscher wichtig war: Das Verdeck in Form eines Baldachins verwies auf einen hohen Würdenträger, die erlesenen Textilien waren teuer, die Bemalungen künstlerisch aufwändig und die Technik auf dem neuesten Stand.

Als Kalesche bezeichnete man damals eine vierrädrige, leichte und offene Kutsche für jeden Anlass. Sie war als Gala-Kalesche für festliche und repräsentative Fahrten ebenso im Gebrauch wie für Park- und Spazierfahrten. Damit die Prinzen auch bei schlechtem Wetter drinnen fahren üben konnten, wurden die Reifen mit Filz bezogen.

Der kleine Wagen wurde lange Zeit rege verwendet. Davon zeugen zahlreiche übereinanderliegende Farbfassungen und die Inventareinträge, in denen neue textile Bezüge vermerkt sind. Ursprünglich waren sowohl die Kutsche als auch die dazugehörigen Geschirre mit Silberbeschlägen und Kopfbuschen komplett in den bayerischen Farben Silber (statt Weiß) und Blau gehalten.

Gemälde der Kinder-Kalesche „Fuchs im Hühnerhof“

Gemälde der Kinder-Kalesche „Fuchs im Hühnerhof“

Die Gemälde an den beiden Seiten und der Rückseite der Kutsche zeigen vermeintlich ländliche Motive: Fuchs im Hühnerhof, Entenjagd und Fischfang. Die Szene im Hühnerhof hat jedoch ebenso wie die Figur des Pelikans auf dem Drehkranz der Kalesche eine weitere Bedeutung. Sie weisen den Betrachter auf das Thema der selbstlosen Elternliebe hin: Hahn und Henne beschützen ihre Küken vor dem Fuchs. Der Pelikan füttert seine Jungen mit dem eigenen Blut seiner aufgerissenen Brust. Diese Legende geht wahrscheinlich auf die Tatsache zurück, dass sich die kleinen Pelikane das Futter tief aus dem Schlund ihrer fürsorglichen Eltern holen.

Pelikanfigur auf dem Drehkranz der Kalesche

Pelikanfigur auf dem Drehkranz der Kalesche

Kurfürst Max Emanuel war nach heutigen Maßstäben kein fürsorglicher Vater, aber er versorgte natürlich seine Kinder materiell und achtete auf ihre Erziehung. Ein Familienleben fand dagegen kaum statt. Adelskinder dienten damals vorrangig dem Fortbestand und der Machtsicherung der Familiendynastie. Auch von seinen Kindern aus seiner zweiten Ehe war der Kurfürst während seines Exils in Frankreich und den Spanischen Niederlanden (heute in etwa Belgien) lange getrennt.

Kurfürst Max Emanuel mit seiner ersten Gemahlin Maria Antonia und Prinz Joseph Ferdinand, Gouache, um 1698

Prinz Joseph Ferdinand

Prinz Joseph Ferdinand, um 1695 (Miniaturensammlung der Residenz München)

Sein erster Sohn Joseph Ferdinand, der 1699 im jungen Alter von sieben Jahren verstarb, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in München, während sein Vater in Brüssel als Statthalter lebte. Er war trotz seiner Jugend die ranghöchste Person am Münchner Hof und lernte standesgemäß Reiten und Fahren, aber auch andere wichtige höfische Fertigkeiten wie Musizieren, Jagen oder Fechten. Ältere Herrscherkinder hatten natürlich auch Unterricht in Fremdsprachen, Geographie, Religion, Kriegsführung und Landwirtschaft, um sie auf ihre künftige Rolle vorzubereiten.

Gefahren wurden die Kinderkutschen des Adels übrigens nicht nur mit Ponys, sondern auch mit Ziegen oder großen Hunden. Generell sollten damals Adelskinder früh lernen, die Zügel in der Hand zu halten und eine Kutsche zu führen. Das galt natürlich auch im übertragenen Sinne für die spätere Lenkung des Staates.

Tiefer Absturz und neue Ambitionen

Nach der Heirat mit der Kaisertochter Maria Antonia von Österreich (1669–1692) kam Max Emanuel sogar kurzzeitig als Erbe des Spanischen Königreichs in Betracht. Doch um genau dieses Erbe kämpften die Dynastien der Habsburger (Österreich) und der Bourbonen (Frankreich) im Spanischen Erbfolgekrieg erbittert. Max Emanuel verbündete sich letztendlich mit den Franzosen – eine folgenschwere Entscheidung für seine Ziele und sein Land. In der Schlacht von Höchstädt im Jahr 1704 verließ er das Schlachtfeld als Verlierer.

Porträtgemälde, Kurfürst Max II. Emanuel von Bayern

Gemälde Max Emanuels in der Ahnengalerie der Residenz München, nach 1730

Im Exil, in den Spanischen Niederlanden und Frankreich, versuchte der Kurfürst, machtpolitisch das Beste aus seiner Situation zu machen. Um möglichst schnell wieder in Amt und Würden zu kommen, hätte er Bayern gegen die Herrschaft verschiedene Länder eingetauscht. Nach den Friedensschlüssen 1714 wurde er aber erneut als Kurfürst von Bayern eingesetzt und verbrachte seine letzten Lebensjahre im Bemühen, durch neue politische Bündnisse und prunkvolle Bauprojekte wieder größere Bedeutung zu erlangen.

Seine Familie kehrte schon 1701 nach München zurück. In zweiter Ehe hatte Max Emanuel 1695 Therese Kunigunde, die Tochter des Königs von Polen, geheiratet und mit ihr zehn Kinder gezeugt. Vielleicht hat auch noch sein Sohn Karl Albrecht (1697-1745), der spätere Kurfürst von Bayern und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, in München mit der Kinderkutsche fahren gelernt…

 


Literatur

Rudolf H. Wackernagel (Hg.): Staats- und Galawagen der Wittelsbacher, 2 Bde., München 2002

Gudrun Szczepanek / Friederike Ulrichs: „In- und außwendig mit Gold vertrefflichist außgeziert“. Tragsessel am Münchner Hof. In: Mario Döberl / Alejandro Alvarez (Hg.): Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts, Wien 2020, S. 313-344