Hinter den Kulissen, Residenz München
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Ein Eroberer geht an die Decke – eine Darstellung Alexanders des Großen von Peter Candid in der Residenz

Alexander der Große, gemalt von Peter Candid, um 1601/05

Alexander der Große, gemalt von Peter Candid, um 1601/05

Es war ein durchschlagender Erfolg und ein die Zeiten überdauerndes Paradebeispiel für erfolgreiche Public Relations: Als Alexander der Große (356-323 v. Chr.) auf seinem Feldzug gegen das gewaltige persische Weltreich die phrygische Stadt Gordium erobert hatte und im Anschluss etwas dem antiken Sightseeing in den schwelenden Trümmern frönte, fand er im dortigen Tempel einen alten Streitwagen vor, dessen Joch mit einem vertrackten Knoten scheinbar unlösbar an die Deichsel gebunden war.

 

Nur jener, so das zu der bekannten Sehenswürdigkeit verfasste Orakel, der diesen (genau: „gordischen“) Knoten löse, sei berufen, Asien zu unterwerfen. Warum Götter und Schicksal glaubten, in den auch damals schon rustikalen Zeiten die Weltherrschaft an die Fähigkeit, geduldig komplexe Verwirrungen aufzulösen und mehrere Fäden in der Hand zu behalten, koppeln zu können bleibt ihr Geheimnis. Bezeugt hingegen ist, dass der strahlende Makedone nach ein paar Minuten hektischen Dröselns genervt sein Schwert zog und den textilen Zauberwürfel kurzerhand in Stücke hieb. Interessanterweise auf Latein rief er dabei die geflügelten Worte: „Nihil interest quomodo solvantur“ – „Es kommt nicht darauf an, wie sie gelöst werden!“.

eloquentes Köpfchen: Antikes Bildnis des Alexander

eloquentes Köpfchen: Antikes Bildnis des Alexander

Mit dieser Episode, die der römische Historiker Quintus Curtius Rufus überliefert, schrieb sich Alexander nicht nur in die Herzen aller künftigen Anhänger einer stets beherzt zupackenden Realpolitik ein, sondern schuf auch die Grundlage für ein jahrhundertelang immer wieder gern aufgegriffenes Bildmotiv: So auch in der Münchner Residenz, wo der siegreiche Bezwinger einer ganzen Welt allerdings seit vielen Jahren ein wenig beachtetes Schattendasein im Schutz unseres Gemäldedepots führt(e).

Das längsovale Format der bemalten Leinwand und die in Untersicht gegebene Bildfigur weisen bereits darauf hin, dass es sich hier ursprünglich um ein Deckengemälde handelte: Bildfüllend und annähernd in Lebensgröße reckt der dynamisch aus dem Bild herausstürmende Alexander mit energischer Geste den zerhauenen Knotenknäuel, das blanke Schwert noch in der rechten Faust. Im Hintergrund blickt das bronzene Löwenhaupt der Wagendeichsel ungläubig auf die fransigen Reste seiner Befestigung. Dem nach Art römisch-griechischer Münzbildnisse im strengen Profil wiedergegebenen Kopf Alexanders verleiht der Helm mit mächtigem Federbusch Monumentalität, der „antikische“ Schuppenpanzer verhilft zur heldenhaften Statur. Ähnlich – halb archäologisch inspiriert, halb fantastisch übersteigert – muss man sich die Kostüme mythologischer Heroen vorstellen, die im frühen 17. Jh. begannen, die ersten höfischen Theaterbühnen Europas zu bevölkern. Zu dieser Zeit, um 1601/05 ist auch unser Gemälde entstanden: Geschaffen wurde es vom Hofmaler Maximilians I. (reg. 1597-1651), dem in Italien ausgebildeten Niederländer Pieter de Witte, genannt Peter Candid (um 1548-1628), dem die frühbarocke Residenz einen Großteil ihres beeindruckenden Bilderschmucks verdankt. Ursprünglich schmückte der Alexander zusammen mit anderen Gemälden der Candid-Werkstatt die Decken einer heute nur noch teilweise erhaltenen Raumflucht im Erdgeschoss der Residenz, die in den ersten Jahren des 17. Jh.s eingerichtet wurde.

Blick in die alten Räume, noch mit Resten des ursprünglichen Deckenschmucks (Vorkriegsaufnahme)

Blick in die alten Räume, noch mit Resten des ursprünglichen Deckenschmucks (Vorkriegsaufnahme)

Die gefliesten und gewölbten Gemächer, die zwischen dem damals noch bestehenden südlichen Residenzgarten (jetzt: Königsbauhof) und dem heutigen Grottenhof mit seinen plätschernden Brunnen lagen, dienten Maximilian I. als kühle Sommerwohnung mit Blick ins Grüne. Allerdings war der Herzog und spätere erste Kurfürst Bayerns nicht der Mann, sich durch solch angenehme Seiten des Lebens von seinem steten Ziel ablenken zu lassen, Ruhm und Einfluss seines Hauses zu mehren. Dies spiegelt sich auch im überlieferten Bildprogramm seiner Sommerwohnung: Neben dem erfolgreichen und früh vollendeten Feldherrn Alexander tauchten dort weitere als vorbildlich erachtete antike Herrscher auf: so die weströmischen Imperatoren Cäsar und Augustus und die oströmischen Kaiser Konstantin und Theodosius.

Candids Gemälde des Kaisers Konstantin ist verschollen

Candids Gemälde des Kaisers Konstantin ist verschollen

Diese ideale Reihe von Vorläufern wurde dann ins Regionale umgelenkt: Über die Gestalt Karls des Großen, des mittelalterlichen Erneuerers des antiken Kaisertums (den die Wittelsbacher gern als Ahnherren ihrer Familie reklamierten) und die ersten Wittelsbacher Bayernherzöge landete die Bildausstattung schließlich bei Ludwig dem Bayern, der 1328 selbst die Kaiserkrone errungen und München zu seiner Regierungszentrale gemacht hatte.

Candids

Candids „Ludwig der Bayer“ schmückt heute das Audienzgemach der Reichen Zimmer

In den maximilianischen Sommerzimmern lief die Abfolge der antiken Weltimperien also strikt auf den historischen Höhepunkt der Entwicklung – die Herrschaft über Bayern zu: Man darf annehmen, in der dort propagierten Lesart hätte Alexander seinen Knoten weit hinter sich geworfen, hätte er Griechenland und Perserreich für das Voralpenland eintauschen dürfen.

Im 18. Jh. wurden die Räume am Grottenhof genau wie die angrenzenden Gärten mehrfach verändert – die Ahnengalerie und das Privatappartement des Kurfürsten Karl Albrecht brauchten Platz, später zogen hier die Silberkammern der Residenz ein. Im Zuge dieser Umbauten und Umnutzungen wurde Candids stringentes Bildprogramm zunehmend aufgelöst, die Bilder von den stuckverzierten Decken genommen und deponiert. Die meisten sind spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Allein Alexander Magnus hält heroisch die Stellung. Und zum Glück gehen heutige Restauratoren mit den überlieferten Zeugnissen der Vergangenheit pfleglicher um, als der griechische Eroberer mit seinem traditionsreichen Knoten: Derzeit wird das Gemälde gereinigt und die marode Leinwand repariert. In den kommenden Jahren hoffen wir, das Bild am alten Platz wieder an die Decke zu bringen – denn der hinter der heutigen Ahnengalerie gelegene Raum mit seiner derzeit leeren Stuckdecke ist noch vorhanden.

ein leeres Versprechen (noch...)

ein leeres Versprechen (noch…)

So soll ein ursprüngliches Bildprogramm der barocken Residenz zumindest ein Stück weit wieder lesbar gemacht werden. Einen Anfang dazu konnten wir schon letztes Jahr machen, als wir die wieder aufgefundenen Darstellungen zweier bayerischer Herzöge an ihre alten Positionen zurückversetzt haben: Trotz allem alexanderlichen Hau-drauf-Aktivismus lohnt sich manchmal eben auch ein beharrliches Engagement!

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