Residenz München
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Festliches Blitzlichtgewitter und fürstliche Leuchtreklame – Höfische Feuerwerke in und um die Residenz

Nur noch ein paar Mal schlafen und der finale Tag dieses aufreibenden Jahres ist da – und auch der sollte sich gemäß der Tradition letztendlich in der Nacht, die dem heiligen Papst Sylvester geweiht ist, mit fulminantem Krachen und Zischen in farbigen Rauch, in bunten Funkenflug und einen Schauer aus Leuchtkugeln auflösen. Soweit die pyrotechnische Theorie und das Kalkül der Supermarktketten. Doch statt der ebenso spektakulären wie umweltschädigenden Böller-Batterien, Goldregen und Miniaturvulkane werden angesichts der Pandemie 2020 wohl vor allem bescheideneres Tischfeuerwerk und vielleicht hie und da verstohlen geschwenkte Wunderkerzen zum Einsatz kommen. Grund genug also, den Blick in die gute alte Zeit zu wenden, als die flüchtigen Vorläufer heutiger Party-Knallerei noch lang und intensiv vorbereitete Haupt- und Staatsaktionen waren.


 

Das „Durchlauchtigste Lust-Feurwerckh“ setzte den Herrscher und seinen Hof repräsentativ ins rechte Licht – wenn auch nur für einige Sekunden und damals wie heute nicht gänzlich ohne das Risiko eines rechten Reinfalls. Trotzdem klar, dass die Münchner Residenz, respektive ihre Bewohner, beim Zündeln schon ganz früh und immer ganz vorne mit dabei waren!

Dass Europas Herrscher in der Frühen Neuzeit überhaupt Feuerwerke als öffentlichkeitswirksame Propagandamittel nutzen konnten, ist wesentlich der damaligen Fortentwicklung der Waffentechnologie durch Sprengstoffe und Geschütze geschuldet. Die Vorväter heutiger Pyrotechnik-Künstler waren Ingenieure und Artilleristen. Wenn sie nicht auf dem Schlachtfeld irgendeine „Dicke Grete“ oder sonstige Kanone ausrichteten, um feindliche Festungsmauern unter „Schimpf-Feuerwerk“ zu legen, stellten sie ihre Kenntnisse in Friedenszeiten den fürstlichen Herrschaften als „Lust-Feuerwerker“ zur Verfügung. Die griffen gerne darauf zurück, konnte man so doch bei gemeinsamer Betrachtung schöner Explosionen der anwesenden Diplomatie gleich ohne unfruchtbares Wortgeplänkel plastisch vor Augen führen, wie viel kreativ nutzbare Feuerkraft der royale Veranstalter in der Hinterhand zurückhielt.

Dies erklärt auch, warum frühe pyrotechnische Spektakel in Renaissance und Frühbarock in der Regel als regelrechte „Feuerwerks-Dramen“ abliefen, also mit Einsatz menschlicher Staffage vor dem Hintergrund eigens errichteter Festarchitekturen aus vergänglichen Materialien inszeniert wurden. Die „Handlung“ lief meist auf die Belagerung, Stürmung und finale Sprengung einer imaginierten Festung hinaus, sei es die des Großsultans, eines bösen Zauberers, des Gottes der Unterwelt oder sonst eines missliebigen Zeitgenossen.

Ein Feuerwerk zu Ehren Kaiser Karls V.

Die flüchtigen Ereignisse konnten ihre Wirkung nur dann wirklich entfalten, wenn Sie mit graphischen Mitteln dauerhaft fixiert wurden. Den

Die flüchtigen Ereignisse konnten ihre Wirkung nur dann wirklich entfalten, wenn Sie mit graphischen Mitteln dauerhaft fixiert wurden. Den “Knalleffekt” von 1530 hielten Hans Sebald Beham und Nikolaus Meldemann als großformatigen Holzschnitt fest (hier Ausschnitt). Historischer Verein Oberbayern.

Ein frühes Beispiel im Heiligen Römischen Reich stellt hierfür der Münchner Besuch Kaiser Karls V. bei Bayern-Herzog Wilhelm IV. (reg. 1508-1550) im Sommer 1530 dar: Auf der Perlacher Heide vor den Toren der Stadt hatte man zu Ehren des hohen Gastes (mit dem man eher schwierige Beziehungen unterhielt) vor Tribünen ein imposantes Kastell aus Holz und bemalter Leinwand errichtet und mit 100 Stück gut bayerischer Geschütze belegt.

Jetzt wurde von außen und innen tüchtig geböllert, geraucht und gefeuert, bis die ganze Pracht schließlich zur allgemeinen Zufriedenheit in Flammen aufging und die Festgesellschaft anschließend hinter einer Art Ballon in Gestalt eines schwebenden Drachen in die Wittelsbacher Residenzstadt einzog. Ob sich die berühmte lange Unterlippe des Habsburger Kaisers vor unterdrücktem Gähnen zusätzlich gedehnt hat, als am selben Abend praktisch dasselbe Schauspiel nochmals auf dem Schrannen- (dem heutigen Marien-)Platz wiederholt wurde, oder ob er als Feldherr im Dauereinsatz das feurige Spektakel mit fachlichem Interesse analysierte? Die Festberichte hüllen sich darüber in Schweigen.

Von Feuerwerks-Dramen zu ausgetüftelten Lichtchoreografien

Solche frühen Darbietungen dürften noch einen recht chaotischen Eindruck gemacht haben, obwohl (oder vielleicht: weil?) Feuerwerke von Zeitgenossen als besondere Spezialität der deutschen Nation gepriesen wurden, der man sowohl einen Hang zum Kriegerischen wie zum Tüfteligen nachsagte. Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts mauserten sich die Spektakel zu regelrecht komponierten Lichtchoreografien, die gern vor dem Hintergrund symmetrisch angelegter Gartenpartien und begleitet von (möglichst lautstarker) Musik abgebrannt wurden. Mittlerweile auch schon in bescheidenem Multicolor, denn findige Chemiker setzten den explosiven Pulvermischungen nun vermehrt mineralische Salze zu, die bunte Flammen erzeugten (sattes Grün blieb allerdings bis ins 19. Jahrhundert hinein ein unlösbares Problem).

Französisches Beispiel von 1747, einem Jahr, in dem in Paris und der Provinz viel geknallt wurde - der Kronprinz heiratete....

Französisches Beispiel von 1747, einem Jahr, in dem in Paris und der Provinz viel geknallt wurde – der Kronprinz heiratete….

Reich illustrierte Anleitungen, sogenannte „Feuerwerksbücher“, entwickelten sich als eine eigene Untergattung von Fachliteratur, hielten die Erinnerung an gelungene Veranstaltungen wach, vermittelten Inspiration und lehrten die hochriskante Fabrikation immer raffinierterer Raketentypen – der „Schlangen“, „Fontänen“, „Girandolen“, „Sonnen“ sowie des beliebten Wasserfeuerwerks, das, angetrieben vom Rückstoß der Zündung, erst leuchtend über Schlosskanäle glitt, bevor es gefahrlos verglühte.

Ein kurfürstliches Spektakel

Wahrscheinlich kamen solche Effekte auch im Herbst 1662 zum Einsatz, der in München ganz im Zeichen der Feierlichkeiten stand, die das Kurfürstenpaar Ferdinand Maria und Henriette Adelaide aus Anlass der lang ersehnten Geburt ihres ersten Sohnes Max Emanuel veranstaltete. Thematisch untereinander verknüpfte Theater- und Turnierspiele gipfelten in der Aufführung der Feuerwerksoper „Medea vendicativa“ mit Musik des Hofkomponisten Johann Kaspar Kerll, die auf einer in die Isar gebauten Bühne stattfinden sollte, deren Einrichtung und Dekoration der Italiener Francesco Santurini besorgte.

Der als gigantischer Strauß unzähliger Raketen gezündete Abschlusseffekt der meisten Feuerwerke wurde als

Der als gigantischer Strauß unzähliger Raketen gezündete Abschlusseffekt der meisten Feuerwerke wurde als “Girandola” oder “Girandole” bezeichnet. Bayerische Staatsbibliothek München, Chalc. 135, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00018584-8, Bildnummer 39.

Im Laufe der mehrstündigen Handlung beschwor die böse Zauberin Medea zunächst in einer feurigen Höllenszene ihre dienstbaren Dämonen, bevor sie zur Seeschlacht gegen die Kräfte des Guten rüstete. Nun schossen sich auf dem Wasser kleine Galeeren nach dem Vorbild nassforscher altrömischer Circusspiele („Naumachien“) mit Raketen gegenseitig in Brand, bevor die Festung der besiegten Medea unter Böllerschüssen verrauchte. Als sich die farbigen Flammen legten, erschien dahinter als krönender Abschluss ein illuminierter Triumphbogen mit einer schwebenden Christusfigur und einer lateinischen Flammenschrift, die sich auf den kleinen Thronfolger bezog: „Laetamur in unos“ („Freude über den Einen“).

Soweit jedenfalls der Plan. Die Aufzeichnungen des anwesenden Marchese Pallavicino informieren uns hingegen, dass sich schon kurz nach Beginn der Aufführung der bayerisch-weißblaue Himmel illoyalerweise bezog und Regen einsetzte. Die Organisatoren gerieten in Panik und sahen im wörtlichen Sinne ihre Felle davonschwimmen, weswegen sie den Kurfürsten bewogen, sofort das gesamte Feuerwerk, also ohne Musik und dramatisches Spiel, abbrennen zu lassen. Die zugehörige Oper konnte ein paar Tage später im trockenen Salvator-Theater „nachgespielt“ werden. Dies war akzeptabel, weil das überregionale (Lese-)Publikum bzw. die Nachwelt nichts von dem nur halben Erfolg erfahren musste, da der reich illustrierte Festbericht wie üblich den idealen, nicht den tatsächlichen Ablauf des Spektakels schildern würde.

Schlechte Witterung als Spielverderber

Überhaupt machte das von Fürstenglanz und kostspieligen Investitionen unbeeindruckte Wetter der feurigen Propaganda des Öfteren einen Strich durch die Rechnung: Als im Januar 1765 im Nymphenburger Park die Hochzeit der Kurprinzessin Maria Josepha mit dem künftigen Kaiser Joseph II. mittels einer ausgedehnten Illumination von angeblich über 180.000 (!) Lichtern sowie Feuerwerk vor einer Triumpharchitektur mit Wittelsbacher und Habsburger Wappen gefeiert werden sollte, verfinsterte „ein ganz außerordentlich dick anhaltender Nebel dieses so herrliche Festin“, so dass der Berichterstatter voll Bedauern „das zwischen Nebel und Rauch denen Augen unsichtbar gewordene Feuerwerk blos nach der Einbildungskraft abschildern“ konnte – ein zeitgleich auf den Markt geworfener Kupferstich des geplanten Ablaufs half dabei.

So schön hätte es sein können - Feuerwerk im Nymphenburger Schlossparterre, Januar 1765

So schön hätte es sein können – Feuerwerk im Nymphenburger Schlossparterre, Januar 1765. Bayerische Staatsbibliothek München, Einbl. V,9 tb.

Wenn aber mal alles stimmte, die Lunte sofort richtig zündete (selten), niemand hinter den Kulissen zu Tode kam (leider gar nicht so selten) und der Wind nicht in Richtung der Zuschauer blies, konnte ein barockes Feuerwerk zu einer leuchtenden Glanzstunde höfischer Festkunst werden.

Eine spektakuläre Show für den zukünftigen Kaiser und seine Braut

Wie ausgefeilt und „erzählend“ sich ein solches Schauspiel dann vor den Augen der Betrachter entfaltete, dokumentiert der Bericht über die zwei Wochen währenden Hochzeitsfeierlichkeiten des Kurprinzen Karl Albrecht (nachmals Kaiser Karl VII.) mit der österreichischen Erzherzogin Maria Amalia im Herbst 1722. Als „Dirigent“ fungierte „Artiglerie-Brigade-Commendant“ Thomas Lintner. Zusammen mit wechselnden Dekorationen und illuminierten Prospekten, die gemalte Allegorien zeigten, symbolisierten damals unterschiedliche Arten von Feuerwerkskörpern verschiedene Aspekte der politisch lang ersehnten Verbindung.

Drei Salutschüsse markierten den Beginn der Veranstaltung, dann setzte die hohe Braut mittels der an einer Leine entlang laufenden Zündungsrakete die Aktion in Gang: Zunächst ließ die Gestalt der göttlichen Vorsehung Herzen mit lateinischen Glücks-Devisen aufleuchten, dazwischen strahlten farbig die Wappen Bayerns und Österreichs. Aufsteigende „Lust-Feuer“ und „Lust-Kugeln“ symbolisierten die dynastische Vereinigung von Wittelsbach und Habsburg. Nun brannten die Namen Karl Albrechts und Maria Amalias in feurigen Buchstaben, kaiserliche Adler und bayerische Löwen glänzten auf und verglühten, „Thau- und Regenfeuer“ deutete den „Segen von Oben“ an. Das Ganze in einzelne Akte unterteilt und begleitet vom Donnern der Geschütze.

Ein weiteres Feuerwerk wurde ein paar Tage später am Ufer des Starnberger Sees abgebrannt: Die Monogramme des Hochzeitspaares, die huldigenden Flüsse Bayerns und Österreichs sowie ein immergrüner Baum als Symbol der ersprießlichen Verbindung bildeten die anspielungsreiche Kulisse

Ein weiteres Feuerwerk wurde ein paar Tage später am Ufer des Starnberger Sees abgebrannt: Die Monogramme des Hochzeitspaares, die huldigenden Flüsse Bayerns und Österreichs sowie ein immergrüner Baum als Symbol der ersprießlichen Verbindung bildeten die anspielungsreiche Kulisse. Bayerische Staatsbibliothek München, Rar. 217, Bildnr. 38.

Das Ende des fürstlichen Funkenregens

Vielleicht war es die planerische Unsicherheit, der Dauerlärm und der eine oder andere Funke, der höfische Perücken verkohlte und das darin gestäubte Mehl zur ungewollten Explosion brachte, warum sich neben der dynamischen Feuerwerkspropaganda die lautlose, statischere Illumination mittels bemalter, rückwärtig belichteter Transparente zunehmend als leuchtende Alternative etablierte.

Das Fragment einer solchen Festdekoration aus bemalter Leinwand, die der bayerische Hof 1814 in Auftrag gab, hat sich in den Depots der Schlösserverwaltung erhalten. Mit ihrem gedämpften, aber festlichen Strahlen leuchten wir unseren Leser*innen in ein hoffentlich schönes und erfolgreiches Jahr 2021 hinüber – „Zwölf, elf, zehn,…“ – Guten Rutsch!

Die Illumination, die der Münchner Hof 1815 zu Ehren eines erwarteten Besuchs des Zaren in aller Eile vorbereitete, zeigte unter anderem den triumphierenden Einzug der russischen und österreichischen Truppen in Paris nach dem Sieg über Napoleon

Die Illumination, die der Münchner Hof 1814 zu Ehren eines erwarteten Besuchs des Zaren in aller Eile vorbereitete, zeigte unter anderem den triumphierenden Einzug der russischen und österreichischen Truppen in Paris nach dem Sieg über Napoleon.

 

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