Nicht nur als emotionaler Politiker und lustvoller Bauherr ist unser diesjähriger Jubilar Kurfürst Max Emanuel (1661-1726) – vital und kaum gealtert – in die bayerische Landesgeschichte eingegangen. Sondern gleichfalls, glaubt man der willfährigen Göttin Fama, die in der Residenz, in Schleißheim oder Nymphenburg stets verliebt zu seinen Ehren in ihre Trompete stößt, als großer Frauenheld: Auch hinter Alkovenvorhängen sei der Wittelsbacher, wie auf den Schlachtfeldern der Türkenkriege, stets heroischer Sieger geblieben – in vielfach wechselnden Konstellationen.
Mit der Rolle des Polyamoristen deckt Max Emanuel so ein weiteres Klischee barocker Herrschaftspraxis ab, nämlich bei Hofe eine großzügig alimentierte Mätressenwirtschaft zu unterhalten, wo offizielle und inoffizielle Geliebte um Macht und Einfluss buhlen und Steuern verprassen. Damit schließt er eine empfindlich gefühlte Lücke in der Landeshistorie, da nach den sittengeschichtlich unergiebigen Regierungsjahren seiner Vorgänger, des ebenso prüden wie knauserigen Maximilian I. und des schüchternen Ferdinand Maria, München doch noch der Anschluss an das große Vorbild, den französischen Hof, gelungen scheint. Schließlich habe der „Blaue Kurfürst“ sich nicht nur dem vielliebenden „Grünen Galan“ („Vert galant“) König Henri IV., sondern vor allem dessen Enkel Louis XIV. samt seinen berühmten Amouren, den schönen, intriganten Mancinis, La Vallières, Montespans, Fontanges, Ludres, Maintenons etc. zahlenmäßig angenähert: So legte Max Emanuel das Fundament für die Weiterentwicklungen des 18. Jahrhunderts, in dem sich München unter seinem erotisch umtriebigen Sohn Karl Albrecht zum „galantesten Hof des Reichs“ mausern sollte!

Ein Harem voll Schönheiten zu Füßen des Eroberers… – hat Max Emanuel sich selbst so gesehen? Vorlage der für ihn oder seinen Sohn ausgeführten Miniatur war das berühmte Gemälde „Alexander der Große im Frauenzelt des besiegten Darius“ des französischen Hofmalers LeBrun
Soweit die liebevolle Überlieferung. Inwieweit sie einem Faktencheck standhielte, wäre im Einzelnen zu überprüfen. Max Emanuels – großteils außereheliches – Intimleben hat im Land seiner Geburt von Anbeginn für genüssliche Gerüchte und schockierte Empörung gesorgt, nicht zuletzt, weil so manche Tochter des bayerischen Hochadels zeitweilig involviert war. Aber vielleicht ersetzte auch Eifer hie und da Genauigkeit, weil ja weder Diplomaten noch Hofkleriker die Laterne gehalten haben. Sowieso war man in der Residenz, die noch Maximilian I. persönlich unter das wachsame Patronat der Jungfrau Maria gestellt hatte, in Fragen freier Liebe nicht viel gewohnt – ist es durchgehend skandalös zugegangen? Und wenn?
Was feststeht, ist etwas ganz anderes: Nämlich, dass Max Emanuels Biographie, sein Aufstieg und historisches Nachleben in vielfacher und oft entscheidender Hinsicht von den Frauen geprägt wurde, die neben ihm und im Hintergrund seines Daseins wirkten. Die Solidarität von Gemahlinnen, Partnerinnen und weiblicher Verwandtschaft, die Netzwerke, die sie repräsentierten, ihre dynastischen Verbindungen und daraus ableitbare (erb)rechtliche Ansprüche, nicht zuletzt die finanzielle Ausstattung dieser Frauen wirkten vielfach ein auf Max Emanuels wechselhafte Politik. Einigen dieser „Influencerinnen“ wollen wir uns hier genauer zuwenden:
Die Mutter Henriette Adelaide – das Klischee einer „Italienischen Mama“?
Es braucht nicht Freud und seine Wiener Couch, um zu begreifen, dass Max Emanuels Mutter Henriette Adelaide von Savoyen (1636-1676) bis zu ihrem frühen Tod solch eine prägende, einflussreiche Gestalt in seinem Leben darstellte. Ob die, den Quellen zufolge, aufregend-spritzige, oft auch kapriziöse Frau wirklich ihrem Sohn, wie vielfach angenommen wird, den Ehrgeiz eingeimpft hat, den eigenen Rang unter Einsatz aller Kräfte zu erhöhen und nach einer Wittelsbacher Herrscherkrone zu streben, wissen wir nicht. Einiges spricht dafür: Schließlich waren Henriette Adelaides eigene Karriereträume durch den Verzicht ihres nüchternen Gemahls auf eine riskante Kaiserkandidatur 1657 noch vor Max Emanuels Geburt zu einem abrupten Ende gekommen. Dass die „zugereiste“ Kurfürstin ihren Stammhalter, dessen immer ängstlicher erflehtes Erscheinen im Sommer 1662 endlich ihre eigene, unsichere Position gefestigt hatte, mit enormen Erwartungen belud, wird gleichfalls deutlich. Große Hoffnungen klingen im barocken Gefühlsüberschwang ihrer Briefe mit, die sie dem Vierjährigen im Frühjahr 1667 schrieb: „Zwar bin ich körperlich sehr weit von Euch, doch mit dem Herzen bleibe ich Euch untrennbar verbunden, da ihr immer Gegenstand meiner Gedanken seid. Glaubt mir, mein schöner Engel, dass ich meine, ein Jahrhundert von Euch getrennt zu sein.“

Stolze und erleichterte Eltern: Das Kurfürstenpaar Ferdinand Maria und Henriette Adelaide mit einem jüngeren Bruder Max Emanuels, M. Scharner, um 1671
Es war Henriette Adelaide, die dem kleinen Max Emanuel, neben seiner italienischen Amme, die erste Frau mit fast absoluter Macht über sein junges Leben an die Seite stellte: Ihre Vertraute und Obersthofmeisterin, die verwitwete Gräfin Felicitas von Wolkenstein (geb. 1602), selbst vierfache Mutter, die vom Tag seiner Geburt an dem Haushalt des kleinen Kurprinzen vorstand und resolut die frühe Erziehung und Umgebung des Knaben bestimmte. Aber auch nach dem Austausch des zunächst weiblich dominierten Umfelds durch einen männlichen Hofstaat, der gewohnheitsmäßig um den siebten Geburtstag herum stattfand, blieb der mütterliche Einfluss bestimmend: So grummelt zumindest der kaiserliche Sondergesandte Graf Königsegg 1672 in seiner Kritik an der Münchner Weiberherrschaft, denn „allain will die education im ybrigen nit gelobt werden; dan diese beschicht merer nach dem Willen der Frauen Churfirstin als des Obristen Hofmaisters“. Und dieser weibliche Wille ging offensichtlich dahin, Max Emanuel möglichst früh mit allen zeitgenössischen Kompetenzen und dem Selbstbewusstsein eines modischen, stets zum Flirt bereiten „Galant Homme“ auszustatten. Sie sollten dem dann auch stets als überaus charmant und nahbar geschilderten Kurfürsten auf dem internationalen Parkett seines wechselvollen Lebens gute Dienste leisten! In Henriette Adelaides Appartement, das mit amourösen Emblemen ausgemalt war, „sichet die frau Churfürstin gern, das er, Prinz, bei denen Hoffrauenzimmer sich erlustige, wie dan die Freyele [Fräulein] von Wartenberg sein Favorita ist, und weilen selber zu seinen Jahren klein, gestölt er sich bisweilen, als wollte er ihro etwas in das Ohr sagen, wan sie aber das Gesicht widerhebt, thuet er sie kissen“.

Max Emanuel als Kind mit seiner älteren Schwester Maria Anna Christine, S. Bombelli zugeschr., um 1666 (BStGS/Schloss Nymphenburg).
Aber auch Max Emanuels bedenkenlosen Umgang mit Geld und seine lebenslange Bereitschaft, im Zeichen fürstlicher „Magnanimité“ und „Générosité“ Riesensummen, die er nicht hatte, zu investieren (was eine spätere, mehr bürgerlich als höfisch orientierte Geschichtsschreibung sehr beklagen sollte), schrieb der indignierte Königsegg der Leichtlebigkeit der welschen Mutter zu: „Weilen der Churprinz das schöne gelt, so ihme verehrt worden, behalten wollten, also hat Frau Churfirstin ihme zu verstehen geben, einem Firsten gebüre die Freigebigkeit und nit das Gelt in die Cästen zu legen, deme der Prinz anjezo volget“.
Ist sie das also – die frühkindliche Charakterbildung durch dominante Mutterfiguren? Abseits derartiger Spekulationen ist Henriette Adelaide aber nicht nur eine mögliche Initiatorin von Max Emanuels lebenslangen Aufstiegswünschen gewesen: In der Logik ihres Zeitalters repräsentierte sie zugleich sein Potential, diese zu verwirklichen, da er durch die Mutter in ein internationales Netz dynastischer Familienbeziehungen eingebunden war. Es machte ihn mit fast allen Akteuren seines späteren politischen Lebens – seien es Freunde oder Feinde – teils mehrfach blutsverwandt (wenn auch, je nach genetischer Bedenklichkeit älterer Ehebündnisse, mal mehr, mal weniger dickflüssig).

Wer den in Jahrhunderten unglaublich verästelten Stammbaum der Wittelsbacher erklimmen will, braucht nicht nur in der Münchner Ahnengalerie guten Überblick und starke Nerven…
Beispiele gefällig? Während Max Emanuels Oma väterlicherseits bereits eine Habsburger Kaisertochter war, war der Bayer über die Savoyer Mutter mit Mamas Cousin, dem französischen Sonnenkönig, verbunden, sowie seinem Sohn, dem Dauphin Louis, dessen Mutter zugleich die Tante von Max Emanuels erster Frau war. Da wiederum Max Emanuels Schwester Maria Anna diesen Dauphin, also ihren Großcousin, heiratete, waren dessen Kinder und Enkel, darunter der künftige Louis XV., Wittelsbacher Neffen, bzw. Großneffen. Einer von ihnen, Philippe d‘Anjou, wurde als Felipe V. König von Spanien – an Stelle von Max Emanuels Sohn mit seiner Habsburger Cousine, der Kaisertochter Maria Antonia, Nichte der französischen Königin sowie des spanischen Königs (dem man sie eigentlich lieber vermählt hätte). Über ihre Savoyer Cousins und Cousinen war Henriette Adelaide zudem die Großtante des badischen „Türkenlouis“ wie des kaiserlichen Oberbefehlshabers Prinz Eugen, die später mit und gegen ihren kurbayerischen Vetter ins Feld ziehen sollten.
Es könnte noch seitenweise so weitergehen, aber schon jetzt scheint plausibel, dass Max Emanuel die lebenslangen militärischen Konflikte, in denen er agierte, letztlich als erweiterte Familienkräche mit harten Bandagen betrachtet hat (ähnlich wie heute, nur ohne Weihnachtsbaum…).
Maria Antonia – ein Traum von spanischer Sonne
Eng – noch enger als die Verbindung zur Mutter – hätte Max Emanuels Beziehung zu seiner ersten Ehefrau Maria Antonia (1669-1692) sein können, der 16-jährigen Tochter seines Onkels (2. Grades) Kaiser Leopold I. (1640-1705), die er im Juni 1685 „per procurationem“, also über Stellvertreter, mit Pracht, Pomp und barockem Feuerwerk in Wien heiratete. Allerdings erwies sich diese politisch motivierte Verwandtenhochzeit – ein weiteres der seit rund 150 Jahren vielfach geschlossenen Eheabkommen zwischen Habsburg und Wittelsbach – zwischenmenschlich nahezu sofort als beeindruckender Fehlschlag.

Schon als Junge wurde Max Emanuel auf eine künftige Verbindung mit Maria Antonia vorbereitet. Vielleicht gelangte Joseph Werners Gouache der kleinen Kaisertochter in diesem Zusammenhang in die Münchner Miniaturensammlung
Die ganze tapfere Verlorenheit des jungen Mädchens, dem die Idee solch einer Ehe als alternativlose Pflicht gegenüber ihrer Familie vermutlich früh eingepflanzt wurde, klingt schon aus dem gestelzten Formbrief Maria Antonias an ihren bayerischen Verlobten, den sie bislang kaum vom Sehen kannte. Nun hofft sie als Braut „also in bälde die gelegenheit zue bekomen, deroselben persönlich zuzeigen die absonderliche affection, so ich zu eur liebden habe“.
So herzlich, wie es hier klingt, sollte es dann auch werden: Habsburger Prinzessinnen waren zwar oft mit den dynastischen Familienmerkmalen langer Gesichter samt der berühmten Unterlippe geschlagen, in aller Regel aber nicht dumm. Und so wusste Maria Antonia sicherlich, dass Max Emanuel in ihr eigentlich ihre Mutter, die spanische Infantin Margarita Theresa (seine Cousine 2. Grades) heiratete. Also doch Freud’sche Pathologien? Nicht ganz: Über eben diese Mutter besaßen Maria Antonia und ihre potentiellen Nachkommen Erbansprüche auf den spanischen Thron, die mit einiger Wahrscheinlichkeit auch wirksam werden dürften, da ihr nur acht Jahre älterer Onkel im fernen Madrid, der 1661 geborene Carlos II., (genetisch absolut nachvollziehbar) nicht in der Lage sein würde, weitere, mit ihm selbst vielfach versippte Kinder zu zeugen.
„Rêves d’Espagne“ – „Spanische Träume“ machten sich die Zeitgenossen, wenn sie etwas Wunderbares, Außergewöhnliches und Opulentes imaginierten. Und so war Maria Antonia also vermutlich für Max Emanuel in erster Linie eine Wertanlage für ein goldenes, bayerisch-iberisches Traumzeitalter. Entsprechend behandelte er sie auch: Während er sich in diesen Ehejahren meist im Felde aufhielt, ließ er seine kostbare, nach München verbrachte Kurfürstin in der Residenz vor allem engmaschig überwachen. Wenn selbst anwesend, berührte er das Kapital möglichst wenig und beschäftigte sich dagegen lieber intensiv mit wechselnden Freundinnen wie der Gräfin Preysing, die oft zum Hofstaat seiner Frau zählten.
Ob diese ostentative Untreue ihres fast unbekannten Gemahls die immer noch ganz junge Maria Antonia emotional verletzt hat, und wie tief, wissen wir nicht. Die Ungerechtigkeit, sich angesichts derartiger Freiheiten selbst gleichzeitig rigoros beschränkt zu sehen, wird sie gefühlt haben. Vor allem aber muss in einer so hierarchisch strukturierten Welt wie der barocken Adelsgesellschaft die Demütigung, die ihr Rang als Kaisertochter und erste Frau des Münchner Hofes durch diese öffentliche Missachtung erfuhr, ungeheuer kränkend gewesen sein. Damit verwirkte Max Emanuel in Maria Antonias Augen wohl auch ihre, wenn nicht der Zuneigung, so der Pflicht geschuldete Loyalität, die sie stattdessen wieder ihrer Ursprungsfamilie zuwandte: 1692 – Max Emanuel war kurz zuvor aufgebrochen, um die (letztlich seiner Ehe gedankte) Statthalterschaft über die Spanischen Niederlande anzutreten – kehrte die Kurfürstin an den Wiener Hof ihres Vaters zurück, ein in dieser Epoche gänzlich unkonventioneller Schritt, der die Tiefe des Zerwürfnisses zeigt! Dort, mitten im Habsburger Machtzentrum, brachte sie Max Emanuels spanischen Erbprinzen „in spe“ zur Welt – und ließ den kleinen Joseph Ferdinand hier zurück: 
Maria Antonias letzte – hoffentlich befriedigende – Handlung war, Max Emanuel zu enterben. Dem Witwer im fernen Brüssel oblag es, ungerührt „den höchst bedawrlichen Todtfahl Unser gliebten Frawen Gemahlin liebden, deren Seelle der Allerhöchste genädig sein wolle, wehemiettigst zuvernehmen“…
Shopping (a) Queen: Die zweite Vermählung mit Therese Kunigunde von Polen

Einen historischen Moment lang schien die Ernennung Joseph Ferdinands (gest. 1699) zum spanischen Kronprinzen den labilen Frieden Europas zu garantieren…. (Postumes Porträt nach J. Vivien in der Ahnengalerie)
Dass Max Emanuel trotz des viel beachteten Zwistes mit seiner Gemahlin dennoch von ihrer Familie die begehrte Statthalterschaft über das blühende Belgien erhielt, verdankte er übrigens gleichfalls einer machtvollen Habsburgerin: Es ist eine weitere der so phantasielos wie unübersichtlich getauften Maria Annas, hier die Schwester Kaiser Leopolds I. Sie war zugleich Mutter des spanischen Carlos II., für den sie die Regentschaft führte, wild entschlossen, ihr Haus an der Macht zu halten – und sei es in Gestalt ihres Großneffen, des neugeborenen Joseph Ferdinand. Vor allem sie unterstützte daher mit Nachdruck die Einsetzung seines (persönlich fragwürdigen) Vaters Max Emanuel auf den einflussreichen Statthalterposten.
Der sich leider als sehr kostspielig herausstellte! Geld wurde daher ein wichtiger Faktor bei der Suche nach einem geeigneten Ersatz für die verstorbene Maria Antonia, die fast sofort nach der Beisetzung auf Hochtouren anlief. Aus anfänglich 67 (!) Kandidatinnen sollte sich bis 1694 angesichts einer versprochenen Mitgift von 500.000 Talern eine weitere, ebenso spannende wie unterhaltliche Frauengestalt in Max Emanuels Leben herausschälen:
Die 19-jährige Therese Kunigunde Sobieska (1676-1730) war die Tochter von Max Emanuels altem Waffengefährten aus Wiener Tagen, dem polnischen König Johann III. Sobieski (1629-1696).
Hatten die Frauen im Gesichtskreis des Wittelsbachers bislang vor allem mit dynastischen Beziehungen geprunkt, waren diese im Falle der ebenso hübschen wie reichen, also doppelt attraktiven Polenprinzessin die einzige Leerstelle: Ihr Vater punktete zwar als berühmter Kriegsheld und Retter der Christenheit, sein Blut floss jedoch nur ziemlich blassblau durch die Adern. Polen war kein Erbkönigreich, sondern eine Wahlmonarchie: Nicht als Geburtsrecht, sondern auf Zuruf seiner (großzügig bestochenen) Mit-Adeligen trug der ursprüngliche Hetman (Feldmarschall) Sobieski seit 1674 die Krone! Eigentlich war Therese Kunigunde ihrem ausersehenen, alt-aristokratischen Gemahl also nicht ebenbürtig, was ihre Möglichkeiten als Kurfürstin sicher – wenn auch nicht an der Oberfläche – mitbestimmt hat.
Schon die erste Begegnung zu Silvester 1694 im niederrheinischen Wesel verlief turbulent: In einem demonstrativen Akt ungeduldiger Ritterlichkeit überquerte der stürmische Bräutigam den durch Treibeis gefährlichen Rhein, um die unbekannte, am anderen Ufer campierende Gemahlin erstmalig zu umarmen. Allerdings war der inzwischen 32-jährige Max Emanuel anscheinend nicht mehr der zwar mit einer unendlich langen Nase, aber hübschen braunen Locken und einem flotten Schnurrbärtchen gezierte Draufgänger seiner frühen Porträts. Die überfallene, sowieso nervöse Therese Kunigunde zumindest war von dem so teuer eingekauften Ehemann entsetzt und wollte sofort wieder abreisen. Es brauchte einen konzertierten Einsatz des Beichtvaters wie Max Emanuels ganzen, von Mama anerzogenen Charme, um sie zum Bleiben zu bewegen. Schnell war klar, dass hier keine blasse Maria Antonia 2.0 in das großzügig mit Goldgulden gepolsterte Ehebett steigen würde – und das machte letztlich Lust auf mehr!

Therese Kunigunde mit dem Porträt ihres ältesten Sohnes, des 1697 geborenen Erbprinzen Karl Albrecht, J. A. Wolff, 1704 (Schloss Nymphenburg)
Zumindest Max Emanuel, der erprobte Eroberer, war von der Herausforderung offensichtlich gereizt. Glühend formulierte Briefe, die die Gemahlin im Brüsseler Damenappartement zudeckten, weisen wenigstens auf anhaltendes gegenseitiges Interesse hin. Und Minimum zehn Mal muss man an sich in allernächster Nähe begegnet sein, denn so viele Schwangerschaften in ebenso vielen Jahren bescherte der Blaue Kurfürst seiner besseren Hälfte. Dann sollten Spanischer Erbfolgekrieg und Exil die Gatten ab 1704 für ein weiteres Jahrzehnt bis 1715 dauerhaft voneinander trennen. Besonders in dieser Phase ohne Max Emanuel, in der die Kurfürstin zunächst engagiert für den flüchtigen Gemahl als Regentin in der Münchner Residenz agierte, bevor sie ab 1705 ausmanövriert in ihrem eigenen Exil (eher zufällig) in Venedig festsaß, wird die polnische Prinzessin für uns als spannende Zeitgenossin greifbar. Schon früher haben wir dies in einem lesenswerten Blogartikel ausgeführt. Deshalb wollen wir stattdessen den Blick hier noch kurz auf gemeinsam durchlebte Eheturbulenzen zwischen Brüssel und München richten!
Liebe und Krieg: Therese Kunigunde und die Gräfin Arco

„Familienbild“ der königlichen Sobieski-Familie mit der jungen Therese Kunigunde neben ihrer Mutter ganz rechts (Schloss Neuburg)
In partnerschaftlichen Fragen setzte Therese Kunigunde insofern frische Akzente, als sie – gleich einer barocken Kate Middleton – eben nicht automatisch die Normen und Vorstellungen allerhöchster Kreise in ihre Beziehung mit dem Wittelsbacher einbrachte: Schon Vater Johann Sobieski hatte ihre damals bereits verwitwete Mutter Marie Casimiere, eine französische Adelige, nicht aus dynastischem Kalkül umworben, sondern seine „Marysieńka“ („Mariechen“) tatsächlich aus emotionalen Motiven geheiratet. Therese Kunigunde war von ihren königlichen Eltern – keinesfalls selbstverständlich! – einen liebevollen Umgang auf Augenhöhe gewohnt. Zudem brachte sie außer ihrer halben Million (und dem damit einhergehenden Selbstbewusstsein) das kriegerische Temperament des Vaters mit in die Ehe, anscheinend gepaart mit dem offensiven Naturell der Mutter, welches man der Überlieferung zufolge wohl mit dem schönen Modewort „anstrengend“ belegen darf.
Diese spannende, aber auch explosive Mischung traf nun in Brüssel auf die ebenbürtige Persönlichkeit von Max Emanuels berühmtester, wohl auch einflussreichster – und vielleicht meistgeliebter Mätresse: Agnès Lelouchier (um 1670-1717). Max Emanuel hatte die schöne, geistreiche Wallonin kurz nach seiner Ankunft in Brüssel kennen und anbeten gelernt. Zügig versorgte er sie mit einem Scheingemahl aus der mit Henriette Adelaide nach Bayern eingewanderten Arco-Familie samt zugehörigem Gräfinnentitel. 1695 – sozusagen als Hochzeitgeschenk – erblickte der gemeinsame Sohn Maximilien Emanuel das Licht der Welt, den der stolze Vater als „Chevalier de Bavière“ legitimierte.

Die kämpferische Therese Kunigunde, gezügelt vom offiziellen Habitus in einem Staatsporträt nach J. Vivien (Schloss Nymphenburg)
Seit wann genau die zu allem Überfluss sehr religiöse Therese Kunigunde über die anstößige Rolle „der Arco“ genauere Kenntnis erlangte, ist nicht klar. Auf jeden Fall schon früh, und was der überraschte Generalissimus Max Emanuel fortan erlebte, war ein häuslicher Krieg mit Dauerbeschuss. Anders als ihre blaublütigeren Kolleginnen auf vielen Thronen Europas tolerierte die temperamentvolle Therese Kunigunde die Mätresse nicht. Sie opponierte vielmehr lautstark, indiskret und öffentlichkeitswirksam, mündlich wie schriftlich, inklusive Scheidungsappellationen an den Papst! Obwohl gegenüber moralischen Einwendungen indifferent, fürchtete Max Emanuel sehr wohl gesellschaftliche Skandale. Und ein solcher war dieser unerwartete Sturm, angesichts dessen er sich zunehmend in der Defensive fühlte: Wiederholte Maßregelungen der widerständigen Gemahlin, selbst Bitten um Vermittlung an (ausgerechnet!) die Schwiegermutter fruchteten nichts („Wollte ich mich immer nur dort aufhalten, wo keine bekannten Damen auf mich warten, müsste ich nach Indien reisen“). Der gefeierte Türkensieger musste sich zu einem strategischen Rückzug entschließen: Unter Schmerzen wurde La belle Agnès in den folgenden Jahren wie radioaktives Material stets wechselnd nach Amsterdam, Turin und schließlich Paris verschoben. Womit sich Max Emanuel aber nun einer zweiten Front gegenübersah: Die kämpferische Gräfin Arco war nicht bereit, das Feld zu räumen oder sich in ein teuer vergoldetes Exil verabschieden zu lassen. Im Namen Cupidos tauchte die reisefreudige Geliebte immer wieder in der Nähe des Kurfürsten auf, drohte sogar damit, in der Münchner Residenz zu erscheinen: Entnervt spielte Max Emanuel bereits mit dem Gedanken, sein „Chère Anfan“ von einer bewaffneten Eskorte auf bayerischem Gebiet abfangen und über die Grenze schaffen zu lassen.
Soweit ließ es die kluge Arco allerdings nicht kommen, die sich schließlich doch zu einer dauerhaften Niederlassung in Paris bewegen ließ. Stattdessen überschüttete sie den flüchtigen Geliebten mit zahllosen Briefen, in denen sich Schwüre der Zuneigung mit Vorwürfen apart und fortlaufend ergänzten. Und auch Max Emanuel sah sich gezwungen, über Jahre hinweg sowohl seine Frau wie seine Geliebte parallel mit jeweils abgestimmten Beschwichtigungen und Liebesbeteuerungen auf geduldigem Papier in Schach zu halten. Dass die große Politik des Wittelsbachers in diesen Jahren zeitweilig unkonzentriert wirkt, verwundert nicht. Vielleicht ist die Flucht ins Exil zumindest in dieser Hinsicht auch eine Rettung aus immer schwerer beherrschbaren Verhältnissen gewesen?
In Frankreich erfand sich die kluge, auch geschäftstüchtige Gräfin Arco schließlich nochmals neu – als Vertraute, Beraterin und Kunstagentin ihres in die Jahre gekommenen Ex-Lovers. Wie sie namhafte Künstler aus dem Umkreis des Versaillers Hofes und des Modezentrums Paris für ihn und seine – teils erst als Kopfprojekte vorhandenen – Schlossbauten im barbarisch fernen Bayernland akquirierte, haben wir in einem eigenen Blogbeitrag schon einmal skizziert.
So bleibt an dieser Stelle nur, mit Max Emanuel „Cherchez la Femme!“ zu seufzen: Ohne die italienische Henriette Adelaide oder die österreichische Maria Antonia, ohne die aufgeregte Therese Kunigunde und die aufregende Agnès Arco wäre das historisch-kulturelle Erbe Max Emanuels weniger beeindruckend, die Erinnerung an ihn bliebe unvollständig und – mag unser Kurfürst noch so blau sein – farblos….
Interessante Einblicke in das aufregende kurfürstliche Privatleben bieten die seit Kurzem publizierten Briefe Max Emanuels an die Gräfin Arco: Regine Mainka-Tersteegen: Zwischen Leidenschaft und Staatsraison. Briefe von Kurfürst Max Emanuel von Bayern an Agnès Lelouchier 1701-1716, Starnberg 2026 (Apelles Verlag)






