Residenz München
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Machtwechsel zum Jahreswechsel: Wie mangelnder Impfschutz Mannheim nach München brachte

kurfürst karl theodor

Ausgebremste Festfreude zu Sylvester und stattdessen ansteckende Krankheiten mit weitreichenden sozialen und politischen Folgen – uns mittlerweile sattsam bekannt, aber auch in früheren Jahrhunderten in der Münchner Residenz eine drohende Realität: Am 30. Dezember 1777 verschied hier der beliebte Kurfürst Max III. Joseph mit erst 50 Jahren an den Folgen einer Pockeninfektion. Unklugerweise hatte der Wittelsbacher, der als Anhänger einer moderaten, systemkonformen Aufklärung eigentlich die neuartige, noch recht brachiale Impfung mittels eingeritztem Kuhpockensekret befürwortete, für sich selbst auf die vorbeugende Maßnahme gegen die allgegenwärtige Krankheit verzichtet.

Kurfürst Max III. Joseph, Pastell v. J. Lander, 1766

Nun konnte auch die wundertätige Statue der Schmerzhaften Muttergottes, die eigens aus der Josephsspitalkirche an sein Bett gebracht wurde, nicht mehr helfen – Max III. Joseph starb und mit ihm der letzte erbberechtigte Nachkomme der bayerischen, „wilhelminischen“ Linie der Wittelsbacher Dynastie. Allerdings hatte hier – anders als beim Impfen – vorausschauende Vorsorge gewaltet: Schon zu Zeiten von Max III. Josephs Vater waren die Münchner Kurfürsten enger mit ihren pfälzischen Vettern zusammengerückt, nachdem das Verhältnis jahrhundertelang angespannt und seit dem Dreißigjährigen Krieg miserabel gewesen war. Angesichts allgegenwärtigen Mangels an männlichen Nachfolgern sicherten sich nun die zerstrittenen Wittelsbacher an Rhein und Isar durch mehrfach erneuerte Erb- und Hausverträge die gegenseitige Nachfolge in ihren Territorien zu, um ihren gemeinsamen dynastischen Machtblock im Reich als Ganzes gegen äußerfamiliäre Konkurrenz zu verteidigen. Pünktlich zum Jahreswechsel 1777/78 trat nun der Ernstfall ein: Anstatt sekundenschneller Email-Datenpakete galoppierten geschundene Kurierpferde in der Rekordzeit von einem Tag aus der Münchner Residenz ins Mannheimer Schloss, um dort dem pfälzischen Kurfürsten Karl Theodor (1724-1799) zu verkünden, dass er mit dem Tod seines Cousins nun auch bayerischer Herrscher sei. Die Nachricht platzte wie die sprichwörtliche Bombe mitten in den höfischen Sylvestergottesdient und löste beim neuen Regenten von Pfalz-Bayern unmittelbar Feststimmung aus: „Jetzt sind Deine guten Tage vorbei“ soll sich der 53-Jährige selbst zugemurmelt haben. Scheint befremdlich, ist aber verständlich: Karl Theodor hatte keine große Lust auf München, wohin er aber, so schrieb es der Hausvertrag vor, seine Residenz verlegen musste – weit weg von dem aufwendig ausgebauten Mannheimer Schloss und seinem Sommerparadies Schwetzingen.

Schloss Mannheim, Nordansicht Ehrenhof

Schloss Mannheim, SSG Christoph Hermann

Bekanntlich nehmen es die Bayern übel auf, wenn ihr weißblaues Land der Seen und Berge nicht für das Schönste unter der Sonne anerkannt wird, und so blieb die Beziehung zum neuen Landesherrn dauerhaft kühl. Als wenig hilfreich erwiesen sich zudem Karl Theodors kaum verhüllte Bemühungen, Bayern im Tausch gegen die Österreichischen Niederlande (also Belgien) den begehrlichen Habsburgern zu überlassen und fernab von München seine bisherigen niederrheinischen Territorien zu einem neuen „Königreich Burgund“ auszubauen. Das Projekt kam bekanntlich nicht zustande, die Habsburger blieben in Wien, aber man konnte sich in Bayern schon ziemlich ungeliebt fühlen. Und so führt Karl Theodor, den man in der Kurfpfalz bis heute verehrt und dem die Münchner immerhin und nur beispielsweise den Englischen Garten oder die Öffnung der Kunstsammlungen sowie des Hoftheaters verdank(t)en, in der bayerischen Regentenliste ein rechtes Schattendasein. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Residenz, die der zugereiste „Mannemmer“ ziemlich lang, nämlich von 1778 bis zu seinem Tod 1799 bewohnte: Hier stößt man sich zwar an jeder Ecke den Zeh an gebauten und gemalten Erinnerungen an Maximilian I., II. und III., aber kaum an den Herrscher, der hier in der letzten Phase des Ancien Regime, den Umbruchsjahren der Französischen Revolution und angesichts des aufkommenden Imperium Napoleons Hof hielt. So scheint es aber nur auf den ersten Blick! Zeit, sich auf eine – zumindest ausschnitthafte – Spurensuche zu begeben, die uns quer durch alle in der Residenz vertretenen Kunstgattungen führt:

J. W. Hofnaas, Kurfürst Karl Theodor (nach P. Batoni), nach 1775 (derzeit provisorisch ausgestellt in R. 100)

Im Bild, sei es Kopf oder Brust, begegnet uns Karl Theodor in Residenz (natürlich) in der Ahnengalerie und – in starrem Blickkontakt mit seiner zweiten, unglücklichen Ehefrau Maria Leopoldine – in den sogenannten „Neuen Hofgartenzimmern“ (Raum 33). Mittlerweile können wir aber auch den „ganzen Mann“ präsentieren: Aus dem Depot geholt und aufwendig restauriert zeigt sich der Pfälzer lebensgroß in Öl. Es handelt sich um eine routiniert ausgeführte Kopie des Hofmalers J. W. Hofnaas nach dem offiziellen Staatsporträt, das Karl Theodor beim international gefeierten Promi-Maler Pompeo Batoni anlässlich eines Romaufenthalts im Jahr 1775 in Auftrag gab. Leicht war es für den frühklassizistischen Künstler nicht, den etwas speckigen Zügen des hochadeligen Touristen mit Knubbelnase herrschaftliche Würde zu verleihen angesichts des Sammelsuriums von zeremoniell unabdingbaren Bildrequisiten: Der um den Leib geschnallte Harnisch des persönlich ganz unkriegerischen Karl Theodor betont unvorteilhaft den aristokratischen Embonpoint (vulgo: Spitzbauch) des 50-Jährigen. Der traditionelle Kurfürstenumhang mit schleppenden Ärmeln sieht von jeher wie ein Bademantel aus und die gleich zwei Ordensketten (Hubertus-, und Löwenorden) über dem Hermelinkragen wirken auf heutige BetrachterInnen schnell überdekoriert. Und doch zeigen der feste Griff zum Kommandostab und der frontale Blick aus blauen Augen sehr eindrücklich, dass der Porträtierte ein Machtmensch ist, zeitlebens gewohnt und willens, Herrschaft auszuüben. Die gut sichtbar platzierte Reichskrone verweist auf Karl Theodors wichtiges Vorrecht, zwischen Tod und Neuwahl eines Kaisers als „Vikar“, stellvertretend die Reichsregierung zu leiten, Darstellungen der verschwiegenen Sphinx und der weisen Staatsgöttin Minerva/Roma symbolisieren seine universalen Herrscherqualitäten.

Gleichfalls ein feines Bewusstsein für die Zurschaustellung von Macht – und Liebe zur antiken Kunst – dokumentiert ein weiteres römisches Mitbringsel Karl Theodors, das nach wechselnder Aufstellung in verschiedensten Räumen der Residenz mittlerweile in der Schatzkammer präsentiert wird: Eine spektakuläre, 1774/80 aus vergoldeter Bronze und Lapislazuli gefertige Nachbildung der berühmten Trajanssäule, die wir bereits in ihrem eigenen Blogartikel vorgestellt haben. Die Münchner Schatzkammer ist aber generell für unsere Entdeckunstour ein wichtiger Ort – denn hier landeten große Teile des opulenten und reichhaltigen „Pfälzer Schatzes“, den man mit Karl Theodors Umzug aus den Mannheimer Tresorräumen in mehreren Chargen nach München transportierte: Kapitale Stücke unserer Sammlung wie der prachtvolle Renaissance-Münzpokal, die mittelalterliche „Krone einer englischen Königin“ oder die gleichfalls aus England über Holland und Düsseldorf nach Mannheim gelangte „Holbein-Schale“ aus emailliertem Gold und Kristall – lauter Schätze, die die Pfälzer Linien in Jahrhunderten zusammengetragen hatten – kamen mit Karl Theodor nach Bayern.

Aber nicht nur Schatzkunst, auch tägliche Gebrauchsgegenstände aus Edelmetall brachte der neue Landesvater von Zuhause mit: So wurde seine umfängliche Silberkammer mit den (stets etwas knappen) Münchner Beständen vereinigt.

Das schön geschwungende Handwasserbecken aus Silber zeigt das kurfürstliche Monogramm CT und wurde 1812 nachträglich mit einer eingravierten Königskrone versehen

Das schön geschwungene Handwasserbecken aus Silber zeigt das kurfürstliche Monogramm CT und wurde 1812 nachträglich mit einer eingravierten bayerischen Königskrone versehen

Dass trotzdem von den Tellern, Terrinen, Platten und Kerzenleuchtern in eleganten Rokoko-Formen heute in unserer Sammlung nur noch wenige Stücke präsentiert werden können, liegt an den unruhigen Zeiläuften unter Karl Theodors Regierung: Um wechselweise bayerische Truppen gegen das revolutionäre Frankreich bzw. die Kontributionen ebendieser Franzosen zu finanzieren, musste Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder Silbergeschirr eingeschmolzen und vermünzt werden, und bei einer besonders hektischen Aktion wanderte aus Versehen und ausgerechnet auch das eigentlich gut versteckte Mannheimer Prunk-Service in den Ofen – Karl Theodors starrer Herrscherblick auf Hofnaas‘ Gemälde lässt sich also schon auch verstehen („nur umgeben von Idioten…!“).

Ach – Mannheim! Schönes, kultiviertes, musikalisches Mannheim! Vermutlich hat es Karl Theodor in Erinnerung an sein weitläufiges, 1777 noch nicht einmal fertig gebautes Schloss am Rhein sentimental vor sich hingemurmelt – vor allem angesichts des mittlerweile unmodernen Rokoko-Mobiliars in seinen neuen Münchner Wohnräumen (den heutigen „Kurfürstenzimmern“), die dem zeitgemäßen Stil des Frühklassizismus so wenig entsprachen. Den spiegeln immerhin einige aus Mannheim nach München verpflanzte Möbel. Zum Beispiel ein scheinbar schlichter, aber hocheleganter Toilettetisch aus der Werkstatt des kurpfälzischen Kunsttischlers J. J. C. Kieser (Raum 35): Wie ein Origami-Kunstwerk auf- und ausgeklappt offenbart er eine Fülle von Ablageflächen, Schubladen und Fächern nebst unverzichtbarem Spiegel und besticht geschlossen durch den grazilen Schwung seiner Konturen und die zurückhaltende Farbenpracht der sorgfältig aufeinander abgestimmten Furnierfelder aus edlen Hölzern.

Bevor er im Mannheimer Schloss Aufstellung fand, stand unser Tisch zunächst im berühmten „Badhaus“ der Schwetzinger Sommerresidenz – Karl Theodors bevorzugtem Aufenthaltsort und seiner ureigensten Schöpfung, architekturtypologisch eine Art frühkklassizistisches Brüderchen der barocken „Badenburg“ im Nymphenburger Schlosspark. Ursprünglich für die Fassade dieses kostbaren kleinen Wellness-Tempels bestimmt (und thematisch überaus passend) war auch eine Statue des jugendlichen Liebesgottes Amor von der Hand des kurpfälzischen Hofbildhauers P. A. v. Verschaffelt. Letztlich kam das Werk aber nicht zur Aufstellung und so wanderte der marmorne Götterknabe mit dem übrigen Tross nach München, wo er über einem monumentalen Kamin der „Steinzimmer“ in der Residenz Aufstellung fand (Raum 106). Hier blickt Amor erkennbar ratlos aus seinen (für Verschaffelts Figuren so typischen) Kulleraugen auf uns herab und fragt sich, wie er aus der heiter-erotischen Atmosphäre der Schwetzinger Badewelt zwischen die schweren Gipsmarmorwänder der frühbarocken Residenzräume mit ihrem staatstragenden christlich-katholischen Bildprogramm gelangt ist. Die Fassade des Badehauses ziert heutigen Tags stattdessen ein Abguss…

kurpfälzische Badefreuden statt alpenländische Idylle - sein geliebtes

Kurpfälzische Badefreuden oder alpenländische Idylle? – sein geliebtes „Badehaus“, seinen bevorzugten Rückzugsort inmitten des weitläufigen Parks seiner kurpfälzischen Sommerresidenz Schwetzingen musste Karl Theodor notgedrungen als neuer Herrscher über das vereinigte Pfalz-Bayern zugunsten des ungeliebten München hinter sich lassen….

Zusammen mit anderen kurfürstlichen Bildhauern ist Verschaffelt auch in einem anderen Lieblingsprojekt Karl Theodors tätig geworden: Der von ihm erst geförderten, dann komplett als Staatsbetrieb übernommenen Porzellanmanufkatur, die seit 1755 im linksrheinischen Städtchen Frankenthal produzierte. Wie die meisten seiner fürstlichen Standesgenossen war KT ein Porzellan-Enthusiast (und machte sich, auch hierin typisch, übertriebene Vorstellungen von der wirtschaftichen Rentabilität einer „eigenen“ Landesmanufaktur).

Begeistert von dem französischen Dekor mit bunt leuchtenden Vögeln (hier: Gläserkühler) gab Karl Theodor ein eigenes „kurpfälzisches Vogelservice“ in der Frankenthaler Manufaktur in Auftrag

Von dieser Vorliebe künden nicht nur Exporte wie das berühmte Vogelservice aus Sèvres-Porzellan, das 1760 als Geschenk des französischen Königs Louis XV. nach Mannheim (und dann nach München…) gelangte. Vielmehr findet sie Ausdruck in den delikaten Erzeugnissen der Frankenthaler Modelleure, die – samt einer erklecklichen Zahl originaler Modellformen – mit Karl Theodor den Weg nach Bayern und in die Residenz fanden, bzw. in die Lager der hiesigen Nymphenburger Porzellanmanufaktur, einer Parallelgründung des Vetters Max III. Joseph seligen Angedenkens…  Nur zwei Stücke aus dem kurpfälzischen Porzellanschatz des Residenzmuseums seien hier stellvertretend herausgegriffen:

Rhinozeros-Uhr, Modell: Franz Anton von Verschaffelt, Porzellanmanufaktur Frankenthal, 1765-70

Die originelle, von Verschaffelt entworfene „Nashorn-Uhr“, die einst in Karl Theodors Mannheimer Schlafgemach tickte. Und zwei zierliche Figurengruppen, welche zum einen die Grazien, die Verkörperungen der Anmut und Lebensfreunde, zum anderen die Parzen, die schönen, aber strengen Göttinnen des Schicksals, zeigen: Jeweils sind die rosig schimmernden Damen-Trios um einen kleinen Knaben bemüht, denn sie herzen und päppeln (Grazien), bzw. dessen kurzen, sehr kurzen Lebensfaden aus fragiler Keramik sie sanft lächelnd abschneiden. Einiges spricht für die ältere Theorie, in dem hier dargestellten Glück und Elend eine künstlerische Vision von Karl Theodors eigenen dynastischen Ambitionen zu erkennen, die sich als genauso zerbrechlich erwiesen wie das geliebte Porzellan: Im Juni 1761 brachte Kurfürstin Elisabeth Auguste nach langen, kinderlosen Ehejahren in einer dramatischen Geburt ihr einziges lebendes Kind zur Welt, den künftigen Wittelsbacher Haupterben. Aber fast unmittelbar nach seiner Nottaufe starb der kleine Franz Ludwig Joseph noch am selben Tag. Karl Theodor verblieb für den Rest seiner Jahre ohne direkten legitimen Nachkommen und trat das pfalz-bayerische Erbe in dem Bewusstsein an, das so stolz angewachsene Territorium nun selbst als letzter seiner Linie an einen weiteren Vetter abgeben zu müssen – den Herzog von Pfalz-Zweibrücken…

 

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