Residenz München
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„Sie folgten dem (Ordens-)Stern…“ – Zu den Kleinodien des Hubertus-Ordens in der Schatzkammer und ihrer Geschichte

karl theodor hubertusorden

Wer in der Schatzkammer der Residenz vor der Vitrine mit den bayerischen Kroninsignien steht und das Gefunkel in dem halbdunklen Raum auf sich wirken lässt, erkennt hinter dem bruchsicheren Schutzglas entlang der Wände rasch allerlei Schmuckgarnituren, die zwar aus verschiedenen Jahrhunderten stammen, sich aber dennoch bis in die Details hinein ähneln. Es handelt sich um die Kleinodien und Abzeichen der beiden Wittelsbacher Hausorden des Heiligen Georg und des Heiligen Hubertus.

"Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?" - Kleinodien verschiedener Orden in der Schatzkammer der Residenz

„Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?“ – Kleinodien verschiedener Orden in der Schatzkammer der Residenz.

Im Unterschied zu den heute vorwiegend üblichen Verdienstorden, sind die Hausorden, die ab dem späten Mittelalter europaweit emporsprieß, weitgehend exklusive Auszeichnungen regierender Herrscherhäuser. In ihnen finden die Familienmitglieder sowie die dem Fürsten verpflichteten (oder von ihm umworbenen) Aristokraten und Hofbeamten in einem exklusiven Verband Aufnahme. Stiftungen wie der englische „Order of the Garter“ (1344/48), der piekfeine Orden vom Goldenen Vlies der burgundischen Herzöge (1430) oder der brandenburgische Schwanenorden (1440), der sicher auch Bayernkönig Ludwig II. gefallen hat, erinnern insofern noch stark an die mittelalterlichen Zusammenschlüsse von Rittern in ordensähnlichen Gemeinschaften (etwa die Templer oder die Johanniter). Auf diesen älteren Zusammenhang bezieht sich die deutsche Bezeichnung „Orden“ für eine auszeichnende Medaille ja bis heute. Jene Traditionslinie erklärt auch schon weitgehend die Beliebtheit, der sich die herrschaftlichen Hausorden noch im 18. und 19. Jahrhundert erfreuten: Hier war dem Souverän die Gelegenheit gegeben, sich mit Anleihen an eine verklärte feudale Vergangenheit, in der Vasallentreue und Fürsorge des Lehnsherren noch galten, mit seinem einflussreichen Adel in einem verbindenden „Wir-Gefühl“ zu solidarisieren. Prunkvolle Ordensfeiern, ein elaboriertes Zeremoniell, exklusive Ordenstrachten sowie die Gewährung von symbolischen Privilegien und finanziellen Zuwendungen konnten diese elitäre Gemeinsamkeit nach außen hin anschaulich demonstrieren. Gleichzeitig bot die Struktur einer solchen Vereinigung mit ihrer fein differenzierten Binnenhierarchie, mit Treueeid und gelobten Ordenszielen (die natürlich vom Stifter, also dem Herrscher, festgelegt wurden) die Möglichkeit, Loyalität einzufordern und ein im Sinne des Herrscherhauses ideales Gesellschaftsmodell abzubilden, denn der Ordensmeister dieser treuen, vor den Augen der Welt so sehr ausgezeichneten Ritter war natürlich immer das jeweils regierende Oberhaupt der Dynastie.

Uns interessiert an dieser Stelle hier vor allem der eng mit dem pfälzischen Zweig des Wittelsbacher Hauses verbundene Hubertusorden, der ursprünglich im 15. Jahrhundert gegründet wurde. Damals, genauer am 3. November des Jahres 1444, besiegte der Herzog Gerhard II. von Jülich-Berg im heute nordrhein-westfälischen Linnich seinen übergriffigen Vetter Arnold von Geldern und stiftete sogleich, das tropfende Schwert sozusagen noch in der Hand, zur Erinnerung einen Ritterorden, den er dem Tagesheiligen widmete, dem er seinen Erfolg zu verdanken glaubte – dem heiligen Hubertus.

Darstellung der Hubertus-Legende in der Miniaturensammlung der Residenz - die Wunderdarstellung in der linken Bildhälfte zitiert den bekannten Stich Albrecht Dürers aus dem frühen 16. Jh. mit dem Hirschwunder des Hl. Eustachius

Darstellung der Hubertus-Legende in der Miniaturensammlung der Residenz – die Wunderdarstellung in der linken Bildhälfte zitiert den bekannten Stich Albrecht Dürers aus dem frühen 16. Jh. mit dem Hirschwunder des Hl. Eustachius.

Dieser partytaugliche Bischof von Maastricht und Lüttich ist – bewusst oder unbewusst – heute vor allem fleißigen „Jägermeister“-Trinkern bekannt, denn auf jeder der eckigen Likörflaschen prangt unübersehbar der tierische Hauptakteur der Hubertus-Legende: Der Hirsch mit dem Kreuz zwischen den Geweihstangen. Ein solcher nämlich trat, von himmlischen Licht diskret illuminiert, dem damals noch sehr weltlichen Pfalzgrafen Hubertus in den Weg, als er im frühen achten Jahrhundert in den Ardennen auf die Jagd ging. Das zoologisch-göttliche Wunder tat umgehend seine Wirkung und bekehrte den Waidmann zu einem künftig heiligmäßigen Leben, das uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen soll. Bis heute für viel Verwirrung sorgt allerdings das nur auf den ersten Blick so originelle Bekehrungserlebnis, das sich jedoch rasch als mehrfach genutzte Schablone erweist: Derselbe Hirsch (offenbar in missionarischem Dauereinsatz) erschien nämlich gleichfalls bereits dem Eustachius, einem frühchristlichen Märtyrer aus dem zweiten Jahrhundert, der seitdem (wie der niederrheinische Hubert auch) als Schutzpatron der Jäger verehrt wird. Da die pittoreske Begegnung gern und häufig dargestellt wurde, weiß man leider so in einer Vielzahl von Fällen nie mit letzter Sicherheit, welcher der beiden heiligen Herren denn nun gemeint ist.

Vielleicht auch angesichts solcher Uneindeutigkeiten kam der jülisch-bergische Hubertus-Orden trotz seiner hübschen Ehrenkette mit ineinander verschlungenen Jagdhörnern im gotischen Stil zunächst nicht richtig in Schwung und geriet zunehmend in Vergessenheit. Richtig los ging es erst mit einem Neustart, den der pfälzische Kurfürst Johann Wilhelm (1658-1716), seines Zeichens kunst- und prunkliebender Wittelsbacher sowie Rechtsnachfolger der alten Herzöge von Jülich und Berg, dem Orden im Jahr 1708 verordnete.

Emaille-Porträt des Kurfürsten Johann Wilhelm – der über dem drapierten Mantel die Kette des Hubertus-Ordens trägt (Miniaturensammlung der Residenz).

Als barocker Herrscher par excellence erkannte Johann Wilhelm das weiter oben kurz umrissene Potential eines solchen Hausordens: Hier bot sich die Gelegenheit, glanzvolle, religiös konnotierte und dennoch zweifelsfrei höfische Repräsentation zu betreiben. Zugleich konnte der Orden als Bindemittel für die Eliten seiner zahlreichen, aber über das ganze Reichsgebiet verstreuten Ländereien und Herrschaften dienen, deren einzige Gemeinsamkeit bislang die Person des Herrschers bildete. Die erneuerten Statuten, die bei einer feierlichen Zeremonie in Johann Wilhelms rheinischer Residenz Düsseldorf verkündet wurden, legten die Anzahl und Aufgaben der verschiedenen Ordensränge fest und regelten bis ins Detail die bei festlichen Anlässen für die Mitglieder vorgeschriebene Ordenstracht, namentlich die Form der wertvollen Ordensabzeichen. Diese waren entweder in der Ausführung als juwelengeschmückte Goldschmiedearbeit oder – bei minderen Anlässen – als Metallstickerei an der Hofkleidung zu tragen. Bis heute befinden sich der damals angefertigte, reich verzierte Amtsstab des Ordensherolds, der Krummstab des Ordenspriors und das illuminierte Evangelienbuch in der Münchner Schatzkammer.

Vorbild für die Ordenskleidung war das alterümliche, komplett in edlem schwarz gehaltene spanische Hofkostüm mit engen Beinlingen und Wams, wie es im 15. Jahrhundert zuerst am schicken Burgunderhof entwickelt worden war. Über das dunkle Oberteil wurde die Ordenskette gelegt: Statt der ursprünglichen Jagdhörner bestand sie ab 1708 aus 42 Gliedern, die alternierend Reliefs mit der Hirschlegende und die verschlungenen Initialen der Ordensevise zeigten, nämlich die Buchstabenfolge „ITV“ für „In Trau vast“ = „In Treue fest“. An dieser Kette befestigt funkelte das (beim rechten Hubertusritter stets polierte) „Kleinod“, also das eigentliche Ordensabzeichen: Ein achtspitziges („Malteser“-) Kreuz, umgeben von Strahlen, in der Mitte ein Rundrelief mit der Wunderdarstellung, wobei die Anordnung von Hirsch, Hubert, Hund und (nur halb sichtbarem) Jagdpferd genau festgelegt wurde.

Kreuzarme und Strahlenkranz boten ausreichend Platz, jede Ausführung des Kleinods mit wechselnd farbigen Edelsteinen zu garnieren, denn natürlich trug der adlige Ritter den Ordensstern, wenn kein Kostümzwang herrschte, farblich passend zur Gewandung: Rubin zu Samt, Smaragd zu grünem Brokat und Diamanten kann man ja praktisch zu allem tragen…

Ordenskleinod mit Smaragden und Brillanten, Mannheim, gegen 1708, Neufassung 1761

Ordenskleinod mit Smaragden und Brillanten, Mannheim, gegen 1708, Neufassung 1761

Interessant ist auch die Rückseite des Kleinods: Hier findet sich nämlich der Reichsapfel in Emaille samt der lateinischen Umschrift „In Memoriam Recuperatae Dignitatis Avitae 1708“ –„Zur Erinnerung der wiedererworbenen, angestammten Würde“. Dies wird fromm auf die Ordenserneuerung von 1708 bezogen. Man darf aber sehr sicher davon ausgehen, dass es sich hier mindestens ebenso um einen Tritt der Kurpfälzer an das Schienbein ihrer bayerischen Vettern in der Münchner Residenz handelt(e): 1708, mitten im Spanischen Erbfolgekrieg, war es dem kaisertreuen Johann Wilhelm gelungen, in Anerkennung seiner Loyalität die erste – also vornehmste – Kurwürde und das damit verbundene Amt des Erztruchsess des Reichs für sein Haus zurückzugewinnen: Beides war drei Generationen zuvor im Jahr 1623 an die bayerische Linie unter Führung des ehrgeizigen Maximilian I. verlorengegangen, der sich seitdem als Kurfürst titulieren durfte und auf jedem freien Platz innerhalb seiner Residenz den Reichsapfel anbringen ließ, der das Symbol des okkupierten, vormals pfälzischen Ehrenranges war.

Johann Wilhelms Triumph dargestellt: Götterkönig Jupiter verleiht der Kurpfalz die verlorenen Würdezeichen zurück...

Auf diesem Gemälde, das in den 1970er Jahren in die Decke der Grünen Galerie in der Residenz eingesetzt wurde, ist Johann Wilhelms Triumph dargestellt: Götterkönig Jupiter verleiht der Kurpfalz die verlorenen Würdezeichen zurück…

Nun hatte Johann Wilhelm zu Ungunsten seines bayerischen Vetters und Rivalen Max Emanuel den alten Makel getilgt. Kein Wunder, dass in Düsseldorf Feierlaune herrschte – wenn auch nur kurz: Schon 1713/14 wurden im Doppelfrieden von Rastatt und Utrecht die alten Verhältnisse wiederhergestellt und die pfälzische Kur erneut zurückgestuft. Was blieb, ist die triumphale Beschriftung der Hubertuskreuze…

Auch sonst erwies sich die Neustiftung als Langzeiterfolg, ersichtlich nicht zuletzt daran, dass man am Münchner Hof nichts eiligeres zu tun hatten, als das pfälzische Modell aufzugreifen und seinerseits 1729 einen eigenen, auf älteren Vorläufern fußenden Hausorden zu gründen – den St. Georgs-Ritter-Orden. Das führte dazu, dass die männlichen Mitglieder der Wittelsbacher Dynastie auf den repräsentativen Porträts des 18. Jahrhunderts oft schwer beladen wirken, da sie natürlich stets Mitglieder in beiden Orden waren, also oft beide Ketten übereinander trugen, wozu dann meist noch der Orden vom Goldenen Vlies kam und – unter Kurfürst Karl Theodor – auch noch dessen (zum Glück kurzlebiges) Lieblingskind, der Pfälzer Löwenorden… (zu sehen auf dem Titelbild zu diesem Beitrag).

Natürlich kann es der Drache des heiligen Georg mit dem Hubertus-Hirsch an tierischem Dekorationswert aufnehmen, aber als der kurpfälzische Familienzweig der Wittelsbacher 1777 und endgültig 1799 auch die Herrschaft in Bayern übernahm, war es „ihr“ mitgebrachter Hausorden, der als ranghöchste Auszeichnung des neuen Königreichs etabliert wurde. Auf offiziellen Bildnissen erscheinen die Könige Ludwig I. und Maximilian II., aber auch noch im späten 19. Jahrhundert der Prinzregent Luitpold bevorzugt in dem altertümlichen, schwarzen Hubertuskostüm und bezeugen so das anhaltende Vertrauen in die stabilisierende Kraft von Tradition und historisch angereicherter Bildsymbolik.

 

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